Zeitung Heute : Schülerzeitung online: Der Geist der 68er

Markus Ehrenberg

Erinnern Sie sich noch? Damals, vor 10, 20 Jahren, in der Schule? Selbstgedrehte Zigaretten, Lehrer-Karikaturen, der Geruch von Kaffee, Klebstoff und Druckerschwärze - die gute, alte Schülerzeitung. Wer in der Penne einigermaßen mitreden wollte, war dabei. Schrieb mit in Pflasterstein, Schnurps, Omnibus, Alibi, Lautsprecher, Steinschlag, Maulwurf oder wie sie alle hießen. Und heute? Wer cool ist, hat die Play Station oder geht ins Internet. Oder macht doch noch Schülerzeitung - online.

Bis zur Online-Werdung der Schülerzeitung war es ein weiter Weg. Vorläufer sind die Kneipenzeitungen aus dem 19. Jahrhundert, verbreitet von den Pennälerschaften der höheren Lehranstalten. Manch Schülerzeitung geht heute schon in den 50ten Jahrgang. Richtig politisch wurde es Anfang der 70er Jahre: die Geburt der politischen Schülerzeitung aus dem Geist der 68er Generation. TV-Produzent Friedrich Küppersbusch war mittendrin, im Gymnasium Velbert/Wuppertal, als "autonome Kampftruppen noch Kopierer aus dem Lehrerzimmer klauten". Dann kamen die Parteien aufs Gymnasium. Politisches Engagement verlagerte sich zu den Jusos oder in die Schülerunion. Die Schülerzeitung wurde wieder das, was sie heute größtenteils ist: ein "Podium für die Pausenhallenordnung, gerne finanziert von der Sparkasse" (Küppersbusch).

Den wilden 70ern kann man nun hinterher trauern oder nicht - das Internet macht die Schülerzeitung sicher nicht politischer. Es geht ganz praktisch zu. Warum sich noch mit Seitentackern aufhalten, wenn es am Computer, auf der Homepage viel schneller, aktueller und billiger geht? "So eine interaktive Schülerzeitung kann fortlaufend ergänzt und aktualisiert werden, ist viel interaktiver", sagt Lorenz Weser von Bravo Klasse Online. Das Schülerzeitungs-Projekt der Evangelischen Schule Frohnau ist frischgebackener Gewinner des Tagesspiegel-Schoolsite-Award 2000, ein Preis, der ausschließlich für Online-Ausgaben ausgeschrieben wurde.

Aber ist eine Online-Zeitung überhaupt noch eine Zeitung? "Auf keinen Fall", sagt Rixa Kroehl, die 17-jährige Chefredakteurin von krASS an der Anna-Schmidt-Schule Frankfurt. Das halbjährlich erscheinende, 46seitige Magazin ist die Schülerzeitung des Jahres 1999/2000. 2500 Titel hatten bei einem Wettbewerb des "Spiegels" mitgemacht - ausschließlich Print-Produkte. Die Kriterien: Heftinhalt, Layout, Titelbild und die beste Reportage ("Perspektiven - Auf der Suche nach dem Top Job").

Die Resonanz auf diesen Wettbewerb zeigt, dass das gedruckte Schülerwort in Deutschlands Klassenräumen noch längst nicht ausgedient hat. Zwar prämierte der "Spiegel" auch drei Online-Auftritte in einer Sonderkategorie, aber richtig beschrieben und gewürdigt wurden nur die "echten", papiernen Schülerzeitungen, die "Traditionalisten", wie Rixa Kroehl sie nennt. "Ich brauche das Gefühl von Papier. Irgendwie ist das ernsthafter. Schließlich hätten wir krASS auch am Kiosk verkaufen können, meinte jedenfalls die Jury." Online wolle man an der Frankfurter Schule auf gar keinen Fall gehen, auch wenn man dadurch mehr als die 550 verkauften Exemplare (5 DM für Lehrer, 3 DM für Schüler) an den Leser bringen könnte.

Das sehen die Gewinner des Berliner Schoolsite Award natürlich anders. Sie schwören auf das neue Medium: mehr Leser über das Internet, mehr Feedback, mehr Interaktion. Die anfangs nur gedruckte Schülerzeitung gibt es bei Bravo Klasse gar nicht mehr, Artikel nur noch im Online-Archiv. Und das hat nicht nur mit der Auflösung der Klassengemeinschaft zu tun, der Aufteilung in Kurse.

"Früher haben wir 30 Hefte im Monat für 30 Pfennig verkauft, 20 Stammabonnenten. Im Internet haben wir rund 2000 Zugriffe in der Woche", erklärt Lorenz Weser von Bravo Klasse Online. "Und jeder kann im Netz-Forum oder im Gästebuch seinen Senf dazu geben." Ein weiterer Vorteil der interaktiven Schülerzeitung: Referate zum Herunterladen. Dafür, zum Refresh, sitzen die Frohnauer Schüler fünf Stunden in der Woche am PC. Die Erstellung einer Internet-Seite dauert gut eine halbe Stunde. Die Kosten für die Website: 99 Pfennig im Monat. Zum Vergleich: Redaktion und Herstellung der 46 Farbpapier-Seiten von krASS dauern ein halbes Jahr, ganz zu schweigen von den Druckkosten.

Was ist nun besser: Programmieren im Internet oder Druckerschwärze an den Fingern? Es ist wie bei den "großen" Zeitungen, eine eindeutige Tendenz ist nicht auszumachen. Fakt ist: Die Schülerzeitung lebt. Manchmal nur online, manchmal nur Print, immer öfters beides. Ein Eintrag in die Suchmaschine bringt 23 000 Dokumente. Genug Kandidaten für den nächsten Tagesspiegel-Schoolsite-Award und den nächsten Spiegel-Wettbewerb. Zigaretten drehen und Lehrerwitze reißen kann man schließlich überall, beim Programmieren, beim Homepage-Basteln, beim Seitentackern.

Etwas spricht jedoch für die Traditionalisten: das vergilbte, angerissene Schnurps- oder Pflasterstein-Heft unter den alten Liebesbriefen und Schulheften auf dem Dachboden. Die süße Wehmut beim Entdecken und Durchblättern, vielleicht auch der Geschmack von Revolution; all das stellt sich im Internet-Archiv bestimmt nicht ein. Aber vielleicht ist die heranwachsende Generation da anderer Meinung.

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