Zeitung Heute : Schüsse am Wannsee

Ein Sommertag im Jahr 1952, die kleine Karla geht im Strandbad schwimmen. Plötzlich steckt eine Kugel in ihrem Hals. Abgefeuert von US-Soldaten. Der Westen Berlins hatte einen Skandal – und der Osten seine Propaganda.

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Von Matthias Oloew Der Tag, an dem die sieben Jahre alte Karla Jäger zu einer Figur des Kalten Krieges wird, ist ein Dienstag im Jahr 1952, der 5. August. Es ist heiß, 30 Grad, im Strandbad Wannsee ist schon früh am Morgen viel los. Insgesamt zählen die Schwimmmeister 17 198 Besucher an diesem Tag. Karla planscht wie viele andere Kinder im flachen Wasser. Sie ist braun gebrannt, ihre blonden Locken sind von der Feriensonne ganz ausgebleicht.

Sie hört nicht, was kommt. Niemand hört es. Sie spürt aber plötzlich einen stechenden Schmerz, hinten am Hals. Es tut sehr weh. Sie fasst hin und hat Blut an ihren Fingern. Weinend läuft sie zu ihrer Mutter, die sie in den Arm nimmt und tröstet. Ein Wespenstich vielleicht, denkt die Mutter, oder eine kleine Schnittwunde. An der Hand ihrer Mutter geht Karla zum diensthabenden Sanitäter. Der reagiert ungewöhnlich nervös.

In Karlas Hals steckt eine Kugel, ein Infanteriegeschoss der US-Armee. Das weiß da noch niemand, aber die Schwimmmeister ahnen es. Sie setzen das Kind und seine Mutter in ein Motorboot und fahren auf die andere Seeseite ins Krankenhaus Wannsee.

Fast 55 Jahre später sitzt Karla Jäger in der Lobby eines Berliner Hotels mit einer kleinen Mappe auf den Knien. Sie ist zu Besuch in ihrer Heimatstadt, wohnt längst am Rhein, hat geheiratet und ihre Kinder großgezogen. Konopatzki heißt die Familie mit Nachnamen. Die Narben sind unter der Bluse und den blonden in Stufen geschnittenen Haaren versteckt. Nur manchmal, wenn sie den Kopf hebt, sieht man etwas davon. Die Narben hat sie nie vorgezeigt, im Gegenteil: Es sei ihr immer leichtgefallen, die zu kaschieren, sagt sie. Und selbst wenn jemand die Wülste am Hals und hinten neben der Wirbelsäule gesehen habe, habe kaum je einer nach der Ursache gefragt. Die schwere Verletzung von einst sei folgenlos geblieben, sagt Karla Konopatzki und lächelt entspannt.

Dass ihr Fall dagegen zu einem Kapitel des Kalten Kriegs wurde, als sich Amerikaner und Sowjets in Berlin so nah wie nirgendwo sonst auf der Welt gegenüberstehen, das ist ihr neu. Sie öffnet die kleine Mappe. „Jahrelang habe ich sie nicht mehr angeschaut“, sagt sie, und zeigt den Inhalt: Fotos, Zeitungsausschnitte, Teile der Krankenakte.

Die Ärzte im Krankenhaus Wannsee hatten große Probleme, die Kugel aus dem Hals des Mädchens zu entfernen. Erst mit einem Magneten gelang es ihnen, das Geschoss herauszuholen. Dann stand auch zweifelsfrei fest: Es ist eine Kugel, wie sie in Berlin nur die Amerikaner benutzten. Das brachte die Behörden in Erklärungsnöte. Denn die wussten längst, dass es bei den Schießübungen der Amerikaner im Grunewald immer wieder zu Unfällen kam: Mal trafen verirrte Kugeln die Dienstwohnung eines Badangestellten, mal durchschlugen sie ein Fenster, mal lagen leere Patronenhülsen auf dem Platz vor dem Verwaltungsgebäude. Und schon einmal, im Juli 1951, wurde ein Badegast getroffen: Steckschuss in der Schulter. Die Behörden und die Schwimmmeister behielten das immer für sich und ließen die Berliner am Wannsee baden. Bis eben zu jenem 5. August 1952. Bis es das Mädchen Karla traf. Danach wurde das Schweigen gebrochen.

Die Vorgeschichte ihres Falles erfährt Karla Konopatzki aber erst jetzt, 55 Jahre später, als zum bevorstehenden 100. Geburtstag des Wannseebades viele Akten entstaubt und aufgeschlagen werden. „Von den anderen Fällen haben wir nie gehört“, sagt sie. „Wir fühlten uns durch die Amerikaner nie bedroht, sondern beschützt.“ Und sie sagt auch: „Hätten meine Eltern gewusst, wie gefährlich das Baden am Wannsee war, wären sie nicht mehr mit mir täglich dahin gefahren.“

Die Situation im Jahr 1952: Die Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) setzt auf die Westintegration der Bundesrepublik. Stalin bietet dagegen ein wiedervereinigtes, aber neutrales Deutschland an. Tausende Kilometer weiter östlich zeigt der Koreakrieg, dass die einstige Weltkriegsallianz von USA und Sowjetunion endgültig passé ist. Berlin ist noch nicht durch die Mauer geteilt, aber seit dem Ende der Blockade gelten die Westalliierten als Schutzmächte – vor allem die US-Truppen.

Die Amerikaner bauen in der ehemaligen Südkurve der Avus einen Übungsplatz. Den nennen sie Keerans Range. Dort trainieren die Schützen in speziellen Unterständen, um für den Ernstfall gewappnet zu sein. Wie der aussehen könnte, bekommen die Berliner in Korea vorgeführt. Dass diese Übungen irgendjemandem im zu beschützenden West-Berlin gefährlich werden könnten, auf die Idee kommen die Truppen nicht.

Im Krankenhaus Wannsee erholt sich Karla mühsam von dem schweren Eingriff, 28 Tage liegt sie im Krankenhaus. Die Narben bleiben. Trotzdem hat das Mädchen großes Glück: Die Kugel schrammte zwei Millimeter neben ihrer Halsschlagader vorbei.

Ihre Eltern haben, als ihre Tochter noch im Krankenhaus lag, nachgefragt: Wie konnte das passieren? Aber eine Antwort haben sie nie erhalten.

Heute, Jahrzehnte später, findet sich der Grund für die Untätigkeit in den Akten: Es ist die profane Angst davor, dass das Bad geschlossen würde.

Nach dem Krieg können sich nur die wenigsten Berliner teure Urlaubsreisen leisten, manche nicht mal eine Fahrt an die Ostsee. Das Strandbad Wannsee ist ihr wichtigstes Naherholungsziel. Das wollen die Verantwortlichen nicht antasten. Andererseits fürchten sowohl die Verwaltung als auch das zuständige Bezirksamt Zehlendorf, dass die Amerikaner auf keinen Fall ihre Schießübungen einschränken würden. Der Bezirksbürgermeister teilt mit, die Militärverwaltung habe sich bei früheren Vorfällen auf den Standpunkt gestellt, dass es sich „nur um irgendein verirrtes Geschoss handeln kann. Sie kann infolgedessen die Verantwortung für etwaige Unglücksfälle nicht übernehmen. Sie müsste im anderen Fall auf der Schließung des Strandbades bestehen. Da wir eine solche Maßnahme aber nicht verantworten können, haben wir nichts mehr unternommen.“

Damit ist mit Karlas Fall Schluss. Die Behörden sind aufgeschreckt und schließen das Bad. Zunächst tage-, dann stundenweise. Die Besucher stehen zu Hunderten in der Sommerhitze Schlange, um endlich hereinzukommen. Sie regen sich auf und schimpfen.

Allein die ostdeutschen Medien erfreuen sich an der Nachricht: Wannseebad geschlossen, weil die Amerikaner auf der Keerans Range das Schießen üben. Sie starten eine Propagandaschlacht. Das „Neue Deutschland“ macht aus dem verhängnisvollen Querschläger einen „Mordanschlag der US-Okkupanten“, die „B.Z. am Abend“, nicht zu verwechseln mit der „B.Z.“ aus dem Hause Axel Springer, will gar erfahren haben, dass der US-Geheimdienst das kleine Mädchen Karla abschirme und dass es keine Besuche empfangen dürfe.

Zur selben Zeit treffen bei ihrer Familie merkwürdige Briefe aus Ostdeutschland ein, die Karla Konopatzki in ihrer Mappe verwahrt: So wird die Familie benachrichtigt, eine nahe Verwandte sei in Magdeburg verstorben, die Beerdigung stehe an und es sei eine Erbschaft zu machen. Dabei hat Familie Jäger gar keine Verwandten in Magdeburg. Auch eine Einladung trudelt ein, vom Pionierlager „Walter Ulbricht“ aus dem kleinen Harzort Horla: Karla wird vorgeschlagen, sich dort von ihrer Verletzung zu erholen. „Das waren alles Versuche, mich und meine Familie in die DDR zu lotsen“, ist sich Karla Konopatzki sicher. Und der Zweck ist ihr auch klar: „Ich hätte bestimmt erzählen müssen, wie schlimm und unmenschlich die Amerikaner sind.“

Doch davon wollten weder sie noch ihre Familie etwas wissen. „Wir waren froh über das, was man uns als Entschädigung zukommen ließ“, sagt sie: einen Ballonreifenroller für das Kind und eine sechswöchige Kur in Badenweiler für Karla und ihre Mutter, inklusive Anreise mit dem Flugzeug. „Das war für mich als Kind eine Sensation.“

Derweil kommt die DDR auf immer neue Ideen, um Karlas Fall auszuschlachten. Am 19. August 1952 geht in Leipzig die Kabarettistin Gina Presgott, die später zu den Gründungsmitgliedern des Theaters „Die Distel“ gehören wird, ins Tonstudio, um ein Spottlied über den Vorfall zu singen und die Westintegration Adenauers anzuprangern. Auf die Melodie des Gassenhauers „Pack’ die Badehose ein“ reimt sie: „Schließ’ die Badehose ein, lass’ das Baden lieber sein, denn der Ami schießt am Wannsee.“ Und weiter: „Denn wir pfeifen auf das Glück, auf ’ne Kugel im Genick, wir wollen Frieden, auch am Wannsee.“

Im Westen errichten der Senat und die Amerikaner einen Kugelfangzaun an der Keerans Range für 657 000 D-Mark. Als der fertig ist, dürfen die Berliner wieder uneingeschränkt im Strandbad baden. Auch Familie Jäger kommt zurück. „Wir sind dort baden gegangen, als ich wieder gesund war“, sagt Karla Konopatzki heute. Immer in der Überzeugung, dass von den amerikanischen Soldaten keine Gefahr ausgehe. Dass dennoch weiterhin Kugeln am Wannsee einschlagen, verhindert auch der Fangzaun nicht.

Gut drei Jahre nach Karlas Verletzung wird wieder eine Frau getroffen. In die Leber. Diese Kugel kann nicht entfernt werden. Wer sie abgefeuert hat, bleibt unklar. Die Amerikaner machen die West-Berliner Polizei verantwortlich, die auch in Keerans Range übt; die West-Berliner Behörden die Amerikaner. Die angeschossene Frau erholt sich nie mehr. Sie wird berufsunfähig und prozessiert jahrelang, um eine kleine Rente zu bekommen.

Von unserem Autor Matthias Oloew ist im Nicolai Verlag das Buch „100 Jahre Strandbad Wannsee“ erschienen.

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