Zeitung Heute : Schüsse in der Tiefgarage

Die Korruptionsaffäre um Wolfgang Antes, Baustadtrat in Charlottenburg, hatte viele Facetten. Gut, wenn da eine Zeitung gute Quellen besaß

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Die Nachricht fährt durch Berlin wie ein Blitz. Am 4. November 1985 klingeln Kriminalbeamte morgens kurz nach acht an der Wohnungstür des ehemaligen Charlottenburger Baustadtrats Horst Antes in der Schlüterstraße. Sie präsentieren einen Haftbefehl wegen Verdachts der Bestechlichkeit und nehmen den CDUPolitiker ohne Umschweife mit. Anschließend durchsucht die „Sonderkommission Lietzenburger Straße“, kurz SoKo Lietze, zahlreiche Wohnungen und Büros von Bauunternehmern, Architekten und Antes-Freunden. Was Insider schon lange wussten, wird nun aktenkundig und stadtbekannt: In der Berliner Baubranche wird mit kriminellen Mitteln gekämpft, und dieser Kampf macht um die Amtsstuben keinen Bogen. Staatsanwalt Hans-Jürgen Fätkinhäuer, aufstrebende Nachwuchskraft im Dezernat für Organisierte Kriminalität, hatte auf diesen Tag einige Monate hingearbeitet. Antes, der mächtige Ortsvereinsvorsitzende der Charlottenburger CDU, war ins Visier der Ermittler geraten, weil er häufiger sachlich anfechtbare und als „politisch“ begründete Entscheidungen traf: Im Sommer 1984 hatte er versucht, sämtliche landeseigenen Wohnungen des Bezirks, 2008 insgesamt, an den Wuppertaler Gebrauchtwagenhändler Otto Putsch zu verscherbeln – und das, während der zuständige Finanzstadtrat im Urlaub war. Außerdem bezichtigte ihn ein anonymer Informant, für die Vergabe des „Café Europa“ am Breitscheidplatz 50000 Mark Schmiergeld genommen zu haben. Die Verfahren verliefen zwar zunächst im Sande, doch Antes wurde bei den Wahlen nicht wieder aufgestellt und musste in seinen erlernten Beruf zurückkehren: Studienrat für Sozialkunde.

Die Ermittlungen kommen erst wieder in Fahrt, als in den frühen Morgenstunden des 2. Oktober 1985 in einer Tiefgarage in der Salzbrunner Straße Schüsse fallen. Das Opfer ist der Makler Günter Schmidt, der Anfang der 80er Jahre Kreuzberg mit dem „Neuen Kreuzberger Zentrum“, einem brachialen Betongebirge, verunstaltet hatte. Er überlebt und teilt der Polizei mit, hinter dem Anschlag stecke garantiert sein ehemaliger Geschäftspartner Christoph Schmidt-Salzmann. Beide zusammen bildeten den harten Kern der „Sanierungsmafia“, die mit rabiaten Methoden heruntergekommene Altbauten „entmietete“, waren aber zu diesem Zeitpunkt längst erbitterte Gegner.

Die Polizei ermittelt wegen Mordversuchs, trifft auf ein paar wohlbekannte Ganoven – und findet bei Schmidt-Salzmann im Schrank die Kopie eines handschriftlichen Briefs an den „lieben Wolfgang“, in dem es heißt: „Wie du weißt, habe ich dir 200000 DM bezahlt, weitere Beträge sind für deine Parteimitglieder aufgewendet worden.“ Und dann weiter: „Besorge mir den versprochenen Erbbaurechtsvertrag sowie die Baugenehmigung, wie du es versprochen hast, sonst werde ich sehr ungemütlich!“ Das ist für Staatsanwalt Fätkinhäuer, der mit den Ermittlungen wegen des Anschlags selbst nichts zu tun hat, eine Goldader: endlich Beweise gegen Antes. Schmidt-Salzmann gesteht recht bald, dass es sich bei den 200000 Mark um Schmiergeld handelte – Antes sollte sich als Gegenleistung bemühen, ihm einen Parkplatz in der Kaiser-Friedrich-Straße zuzuschanzen und rechtlich baureif zu machen.

Nun geht es Schlag auf Schlag. In den Zeitungen erscheinen fast täglich neue Einzelheiten über den Gang der Ermittlungen, so natürlich auch im Tagesspiegel, der dank guter Kontakte ins Charlottenburger Rathaus bestens informiert ist. Es tauchen seltsame Gestalten aus dem Rotlichtmilieu auf wie der Bordellbesitzer Otto Schwanz, der schon früher durch Prahlereien aufgefallen war, er habe einen Draht zu Antes und könne allerhand regeln. Wie sich herausstellt, war er derjenige, der über einen Strohmann das „Café Europa“ pachten wollte; es meldet sich ein Architekt, der Schwanz wiedererkennt. Der war das, sagt er den Ermittlern, der von mir im Namen des Stadtrats Antes 70000 Mark für eine Abriss- und Baugenehmigung verlangt hat. Die Haftbefehle gegen Antes häufen sich...

Schwanz, das ist echtes West-Berliner Milieu, ein Möchtegern-Al-Capone, der mit Puffs, Asylantenheimen und ein paar legalen Kneipen Geld gemacht hatte und so gesellschaftsfähig war, dass er bei der Eröffnung des ICC in der ersten Reihe Platz nehmen durfte. Doch er verpasste den einträglicheren Handel mit Kokain, der standesgemäße Lebenswandel kostete, die Angst vor Aids vermieste das Geschäft, und so musste er nehmen, was sich anbot – und das fand er im Berliner Bausumpf.

Die Gründung der „Soko Lietze“, die den Fall Antes zur Anklage brachte, geht auf ein ganz anderes Verbrechen zurück, dessen Verbindungen zum Berliner Bausumpf erst nach und nach sichtbar wurden. Im Januar 1985 verübten drei Männer einen Raubüberfall auf eine Tankstelle in Fellbach bei Stuttgart – die Frau das Pächters kam dabei ums Leben. Die Täter, drei freigekaufte DDR-Häftlinge, wurden wenig später gestellt. Ihre Spur führte nach Berlin, wo die Polizei einen weiteren Mann festnahm, der ihnen die Waffen besorgt hatte. Er packte bereitwillig aus und schilderte dabei auch ein paar krumme Dinger, die er nur vom Hörensagen kannte – da sei einer, sagte er, der habe 1984 den Dachstuhl eines Hauses an der Ecke Pfalzburger/Lietzenburger Straße abgefackelt, und er nannte den Namen eines Steuerberaters, der dafür später von der Versicherung 1,2 Millionen Mark kassierte. Fätkinhäuer wurde hellhörig – den Mann kannte er schon aus einer Ermittlungsgruppe, die sich mit betrügerischen Warentermingeschäften befasste. Eine Ermittlungsgruppe unter Leitung des Betrugsspezialisten Uwe Schmidt, intern auch als „Kugelblitz-Schmidt“ bekannt, wurde ins Leben gerufen, und aus ihr ging wenig später die „Soko Lietze“ hervor.

Alle Details der Affäre werden nie endgültig aufgeklärt, es bleiben unvereinbare Widersprüche zwischen den Aussagen der Beteiligten, obwohl sich neben einer Moabiter Strafkammer auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit ihr befasst. Einige Prozesstage finden sogar auf der urologischen Abteilung des Krankenhauses Moabit statt, wo Antes stationär behandelt wird, und am Ende steht offensichtlich ein Art Deal mit der Staatsanwaltschaft: Antes legt ein Teilgeständnis ab und wird im Gegenzug zu fünf Jahren Haft verurteilt, die er aus Gesundheitsgründen nur teilweise verbüßen muss.

Die Antes-Affäre hat sich zu diesem Zeitpunkt längst als kriminelles Symptom eines undurchschaubaren Systems herausgestellt, das als „Berliner Sumpf“in aller Welt bekannt wurde. Ausgangspunkt ist die Goldgräberstimmung, die vor allem im sozialen Wohnungsbau herrschte, jener faktisch nicht kontrollierbaren Selbstbedienungsmaschinerie für all jene, die sich auskannten und die richtigen Kontakte hatten – und diese Kontakte führten vor allem in die großen Parteien. Anfang 1986 wird der Bauunternehmer Kurt Franke verhaftet, der zahlreiche prominente Gebäude in den Machtbereich des Stadtrats Antes gesetzt hat. Die Ermittler hatten seine Büros bereits im Zusammenhang mit der Verhaftung von Antes durchsucht und dabei einen kleinen Taschenkalender gefunden, in denen Franke notiert hatte, wem er wann Geld zugesteckt hatte. Diepgen und Antes, Klaus Riebschläger von der SPD und Horst Vetter von der FDP, andere Würden- und Funktionsträger der West-Berliner Nomenklatura. Parteispenden in bar, zum Teil in sechsstelliger Höhe, überreicht zum Beispiel bei festlichen Abendessen, die beispielhaft waren für die undurchdringliche Mixtur von Gastfreundschaft, Mäzenatentum und Korruption, die das System West-Berlin über die Jahre am Laufen hielt. Man war sich gewogen über Parteigrenzen hinweg, doch am Ende galt wohl, was Wolfgang Antes sagte: Der Wahlerfolg seiner Partei sei nur möglich gewesen „mit massiver Unterstützung der Wirtschaft“.

Wer allerdings gehofft hatte, die Justiz werde nun nach dem mageren Teilerfolg in der Antes-Affäre die brisantere Franke-Liste nutzen, um endlich gründlich in den Dschungel von Politik und Baubranche hineinzuleuchten, der sah sich getäuscht. Franke, der schon zu Beginn der Ermittlungen aus Krankheitsgründen nicht vernehmungsfähig war, nahm alle Geheimnisse seiner Liste mit ins Grab. Es trat wieder Ruhe ein.

Eine politische Spätfolge hatte die Affäre vermutlich doch: Als im Januar 1989 wieder ein neues Abgeordnetenhaus gewählt wurde, verlor die CDU massenhaft Stimmen. SPD und Alternative Liste gründeten den rot-grünen Senat. Und dann begrub der Fall der Mauer auch das weitere Interesse an neuen Enthüllungen aus dem Berliner Sumpf, der dann nur noch eine West-Berliner Sumpfblüte zu sein schien.

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