Zeitung Heute : Schulbuchkommission: Arbeit in schwieriger Nachbarschaft

Klaus Zernack

Wie die Staaten, so waren die Geschichtsbilder der Deutschen und der Polen lange verfeindet. Seit der Epochenwende von 1989 bis 1991 ist vieles anders geworden. Auch die gemeinsame Arbeit an dem Geschichtsbild ist in ein neues Stadium getreten. Das zeigte sich erneut in der Woche nach Pfingsten, als im schlesischen Krzyzowa (Kreisau) die 29. Konferenz der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission stattfand. Erneut trafen sich Historiker und Geographen. Die politischen Beschränkungen, von denen die Arbeit der Kommission in der Ära des Ost-West-Konflikts betroffen war, haben sich verflüchtigt.

Heute ist die deutsch-polnische Schulbuchkommission nicht mehr - wie vor 1989 - der solitäre Vorreiter der Annäherung. Von der Kommission ist gesagt worden, sie habe bisweilen geleistet, was die Politik der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen nicht zu Wege brachte. Wie dem auch sei, jedenfalls kann sich diese Gruppe von polnischen und deutschen Geschichts- und Sozialwissenschaftlern nun ganz ihren genuinen Aufgaben widmen - nämlich kritischer Beobachter und Ratgeber zu sein bei dem Prozess der gesellschaftlichen Verständigung, vielleicht sogar der Versöhnung zwischen Polen und Deutschen. Noch nie waren die politischen Voraussetzungen dafür günstiger als heute, nachdem Abschluss der Verträge über die Grenze an Oder und Neiße (1990) und über Freundschaft und gute Nachbarschaft (1991).

Aber es sollte bei diesem Loblied auf die Wende nicht aus dem Blick geraten, dass auch unter den Bedingungen des Kalten Krieges mit beharrlicher Arbeit manches zu erreichen war. Zuerst ist da zu nennen, dass die schlichte Tatsache eines steten wissenschaftlichen Dialogs, den deutsche und polnische Historiker und Geographen seit 1972 in dieser Kommission führen konnten, untereinander Vertrauen geschaffen hat.

Zunächst ungleiche Partner

Die gemischte Kommission war im April 1972, noch vor der Annahme des Warschauer Vertrages durch die beiden Parlamente, von den Unesco-Kommissionen beider Länder eingesetzt worden und hatte zunächst sehr ungleiche Partner an einen Tisch gebracht. Denn die polnischen Mitglieder kamen im staatlichen Auftrag, die deutschen aus freiem Interesse. Hinter den Polen stand eine Öffentlichkeit, bei der - auch in der Ära der Volksrepublik - historische Bildung und Geschichtsbewusstsein hoch veranschlagt waren, während die Deutschen in der Bundesrepublik damals heftig über den Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben stritten. Unter den Bedingungen enger politischer Sprachregelungen erarbeitete die Kommission in den siebziger Jahren die "Empfehlungen für Schulbücher der Geschichte und Geographie in der Bundesrepublik Deutschland und in der Volksrepublik Polen". Sie sind seit 1975 in der Öffentlichkeit beider Länder vehement diskutiert worden. Die Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission ist überzeugt, dass diese "Empfehlungen" trotz ihrer Mangelhaftigkeit unter den Voraussetzungen der Zeit vor 1991 der deutsch-polnischen Verständigung gedient haben.

Denn in der Entwicklungslinie der Historiographie über die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen markiert dieser schmale Text eine neue Qualität. Er bietet den ersten Versuch einer kooperativ-dialogisch erarbeiteten, d.h. nicht mehr aus der Sicht einer einzelnen Nation begründeten Interpretation des geschichtlichen Ablaufs der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Beziehungsprobleme werden als gegenseitig wirksames Konstituierungspotential verstanden. Man kann freilich nicht sagen, dass diese gravierende wissenschaftliche Pointe von den Kritikern der Kommissionsarbeit, deren es etliche gegeben hat und immer noch gibt, ernst genommen worden wäre. Um so mehr musste es der Kommission darum zu tun sein, für die Sache der Empfehlungen auch praktisch zu werben. So folgte der Geduldsprobe der Ausarbeitung eine Phase der ebenso beharrlichen Erklärung bei den wichtigsten Zielgruppen, den Lehrern und den Schulbuchautoren. Das Geschäft war mühsam. Neben diese praktische Arbeit trat von 1977 an ein umfangreiches historisches und geographisches Programm wissenschaftlicher Konferenzen.

Wachsende Dialogfähigkeit

In den Empfehlungen war nämlich der Plan enthalten, den großen Themen der Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen und den Problemen der geographischen Wissenschaft verstärkte Aufmerksamkeit im deutsch-polnischen Fachgespräch zuzuwenden. Die Historiker trafen sich dazu im jährlichen Turnus. Einige der auf diesen Konferenzen erzielten Einsichten sind herausragende Beispiele für die wachsende Dialogfähigkeit dieser, in früheren Generationen so tief verfeindeten, Geschichtswissenschaften. Genannt seien nur die Konferenzen von Lancut 1977 (über die Widerstandsbewgung gegen den Nationalsozialismus), von Deidesheim 1978 (über den Vormärz) und von Allenstein 1979 (über Schlesien und Pommern in den deutsch-polnischen Beziehungen des Mittelalters).

Manches von den Erfahrungen dieser Zusammenarbeit unter politischen Schwierigkeiten war in den neunziger Jahren wirksam und wird es weiterhin bleiben. Denn in dem großen Transformationsprozess der Volksrepublik Polen ebenso wie in der Eingewöhnung des neuen deutschen Nationalstaats im Kontext europäischer Entwicklungen kann eine optimistische, auf die Meliorationsfähigkeit des Geschichtsbewusstseins abzielende Beziehungsgeschichte noch viel zur Stabilisierung der aktuellen und zukünftigen deutsch-polnischen Beziehungen beitragen.

Das ist dringlich, denn die offenen Gesellschaften Deutschlands und Polens, die heute aneinander grenzen und auf eine europäische Zukunft zusteuern, sind noch durch einen großen Altersunterschied ihrer Strukturen gekennzeichnet. Die sozialen Kosten der friedlichen Revolution sind gewaltig und bedrückend, und der Weg in die Europäische Union ist kompliziert. Auch in Deutschland erweisen sich die Schwierigkeiten der inneren Vereinigung als größer, als es die Rückkehr zur vermeintlichen Normalität des Nationalstaats erwarten ließ. Schon ist hier und da die Wiederkehr großmächtiger Einbildungskraft zu beobachten. Sie zeigte sich in der Absicht, das 1945 um seinen Sieg betrogene, aber 1989 für die europäische Revolution siegreiche Polen 1995 nicht zum Gedenken an das Weltkriegsende nach Berlin einzuladen. Dabei ist es doch die wichtigste Lehre der Wende von 1989, dass mit den deutsch-polnischen Verträgen von 1990/91 der alte Zusammenhang von Ostpolitik und Großmachtstellung, der Preußen lange so geschichtsmächtig auf die deutsch-polnischen Beziehungen hat einwirken lassen, zu Ende gegangen ist.

Das ist das politische Unterpfand der deutsch-polnischen Aussöhnung, dass von nun an vor allem gesellschaftlich gearbeitet werden muss. In dieser Hinsicht lässt sich beobachten, wie in beiden Ländern das Interesse von Studenten, jüngeren Wissenschaftlern, Lehrern und Publizisten an der gründlichen Beschäftigung mit Vergangenheit und Gegenwart der Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen beachtlich zugenommen hat. Aber die gesellschaftliche Öffnung in Polen, das heißt das Ende der Gängelung des Bildungssysstems, hat auch starke Irritationen zur Folge, in denen sich Pendelschläge im Geschichtsbewusstsein - wie der Rückfall in alten ethnizistischen Nationalismus oder die gänzliche Abwendung von der Geschichte - bemerkbar machen.

In dieser noch unübersichtlichen deutsch-polnischen Realität nach der Epochenwende wird daher ein so erfahrener Gesprächskreis wie die Gemeinsame deutsch-polnische Schulbuchkommission, die nun ohne Richtlinien und Auflagen staatlicher Instanzen agiert, noch viele Aufgaben zu lösen haben. In manchen Ländern der Welt mit ähnlich neuralgischen Nachbarschaftsproblemen, wie in Japan und Korea, gilt die Arbeit der deutsch-polnischen Kommission als Muster.

Zu ihrer Geltung trägt aber auch bei, dass die Kommission einen festen organisatorischen Rückhalt in dem Braunschweiger Georg-Eckert-Institut hat. Dieses moderne Zentrum der internationalen Schulbuchforschung strahlt mit seinen vielfältigen Aktivitäten in die ganze Welt aus. Es will mit seiner Arbeit im Bewusstsein halten, welche Bedeutung in dem rasenden Wandel unserer Zeit auch weiterhin dem Schulbuch und dem Schulunterricht zukommt. Jedenfalls bleiben sie für den Umgang mit der Geschichte im Bildungsprozess des Menschen die wichtigsten Medien.

Das Institut begeht am Montag dem 26. Juni seinen 25. Geburtstag. Es knüpft mit seiner wissenschaftlichen Konzeption an die Gedanken und Initiativen seines Namenspatrons Georg Eckert (1911-1974) an, der vor nunmehr fast fünfzig Jahren mit bescheidenen Mitteln an der Pädagogischen Hochschule Braunschweig ein erstes Internationales Institut für Schulbuchverbesserung ins Leben gerufen hatte. Die Folgen waren beträchtlich.

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