Zeitung Heute : Schuld und Söhne

Seine Stimme klingt schwer, langsam fallen die Worte aus ihm heraus. Max Strauß, Sohn von Franz Josef, ist seit September in der Psychiatrie. Dennoch wird ihm ab morgen der Prozess gemacht. Steuerhinterziehung lautet der Vorwurf. Oder geht es um mehr? Soll der Sohn für den Vater büßen?

Peter Siebenmorgen

Am Tag vor Beginn des Strafprozesses ist Max Josef Strauß dort, wo er seit Monaten die meiste Zeit verbringen muss: in der Psychiatrie des Uniklinikums München. Im September des vergangenen Jahres haben ihn seine Frau und die Geschwister dorthin gebracht. Immer weiter hatte sich Strauß in sich gekehrt und an der ihn umgebenden Welt immer weniger Anteil genommen, kaum mehr das Haus verlassen, Briefe nicht mehr geöffnet, zu Hause auf dem Sofa vor sich hin vegetiert. Dann kam zum depressiven Teilabschied von der Außenwelt der körperliche Zusammenbruch.

Vor einigen Wochen sah es dann so aus, als könnte er bald aus dem Krankenhaus entlassen werden, sein Zustand schien allmählich wieder stabiler zu werden. Doch seitdem das Landgericht Augsburg, vor dem sich Strauß ab heute wegen Steuerhinterziehung verantworten muss, feststellte, dass der Angeklagte hinreichend gesund sei, um der Verhandlung folgen zu können, hat sich sein Zustand wieder verschlechtert. Die behandelnden Ärzte, auf deren Urteil das Gericht allerdings weniger gibt als auf die Meinung eines externen medizinischen Gutachters, der den Patienten einmal vergleichsweise kurz in Augenschein genommen hat, die Ärzte von Max Josef Strauß jedenfalls haben öffentlich gewarnt, dass zum jetzigen Zeitpunkt Schlimmstes zu befürchten sei, sollte das Gericht den Prozess ohne Rücksicht auf die Verfassung des Angeklagten durchziehen.

Die Spezlfreundschaft

Für einen Außenstehenden, der Max Josef Strauß schon lange kennt, ist es schwer, ein sicheres Bild über den tatsächlichen Zustand des Patienten zu gewinnen. Seine Stimme klingt schwer, langsam fallen die Worte aus ihm heraus. Konzentriert über ein und dieselbe Sache mehrere Minuten mit ihm zu sprechen, scheint kaum möglich zu sein. Am aktuellen politischen Geschehen, da bleibt Max Josef durchaus ein Strauß, nimmt er hingegen jetzt wieder erkennbar und interessiert Anteil. Doch wenn es um das Steuertheater der Unionsparteien, das Hickhack um den nächsten Bundespräsidenten oder das Irak-Abenteuer der Amerikaner geht, dann fallen die Vokabeln, die man ansonsten von ihm zur Kennzeichnung von Eseleien gewohnt ist, erstaunlich schwach aus. Und über sein Strafverfahren will er schon gar nicht reden. Früher, noch im vergangenen Sommer, kam er oft von selbst darauf zu sprechen, im geläufigen Temperament. Jetzt aber will er das alles gar nicht an sich heranlassen, der Ton, in dem er sich die wenigen abweisenden Worte hierzu abringt, hallt matt, gedämpft. Ob das nun an den starken Medikamenten, die Strauß zu sich nehmen muss, liegt? Oder an seiner depressiven Erkrankung selbst? Nur dass das alles ein Schauspiel sein soll, vermag man, wenn man Max Josef Strauß in vielen Jahren oft erlebt hat, einfach nicht glauben.

Heute also soll er beginnen, der Prozess gegen Max Josef Strauß. Über 100 Journalisten werden ihn erwarten, Dutzende Fotoreporter ihre Objektive auf ihn richten, etliche Kamerateams sich um die besten Blickwinkel balgen. Nichts Neues für einen Strauß. Wer als Sohn des bayerischen Ministerpräsidenten geboren wurde, dem ist es zur zweiten Natur geworden, in der Öffentlichkeit zu stehen. Doch dieses Mal geht es nicht darum, dass ein Strauß die Fragen wissbegieriger Presseleute parieren müsste, sondern die Berichterstatter wollen jenes Bild sehen, dass von Franz Josef Strauß selbst nie zu haben war: Ein Strauß vor den Schranken eines deutschen Strafgerichts.

Für die Ankläger scheint der Fall klar zu sein. Anfang der 80er Jahre verliert Franz Josef Strauß viel Geld aus seinem Privatvermögen: Karlheinz Schreiber, ein Kaufmann, der zum weiteren Dunstkreis der Spezlfreundschaften des bayerischen Ministerpräsidenten zählt, hatte diesen und seine Frau Marianne in ein faules Investment zur Entwicklung kanadischer Grundstücke gelockt. Statt der versprochenen Rendite – mindestens zehn Prozent pro Jahr – sind die Einlagen in Millionenhöhe futsch. Da aber Strauß alles andere als einen weiteren öffentlichen Skandal gebrauchen kann, bei dem womöglich sogar herauskäme, dass nicht nur die Sozis, sondern auch der CSU-Vorsitzende höchstselbst nicht mit Geld umgehen kann, soll Schreiber den Vermögensschaden der Familie Strauß heimlich, still und leise heilen. Damit Strauß aber rasch zu seinem Geld kommen kann, ist er sogar willens, Schreiber bei der Geldbeschaffung zu assistieren – so sehen es die Ankläger. Und weiter: Strauß ist nicht nur ein wichtiger Politiker, sondern auch der Aufsichtsratsvorsitzende von Airbus. Mit Waffenhandel aller Art kennt sich der Mann sowieso aus. Also schiebt er seinem Spezl Vermittlungsaufträge für Airbusse und sonstiges zu; von dessen Provisions- und Aufwendungskonten soll dann das Geld in die Kassen der Familie Strauß fließen.

Über diese Geschäftsanbahnungen stirbt der Vater, und darum tritt Sohn Max als Nutznießer in Erscheinung. 5,2 Millionen Mark hat Schreiber auf einem Schweizer Geheimkonto, das zunächst „Master“, später dann „Maxwell“ heißt, gebunkert. Für wen das Geld bestimmt ist, wissen die Medien bald sehr genau, und auch die Staatsanwaltschaft Augsburg braucht nur unwesentlich länger: Master=Strauß senior, Maxwell=Max Strauß. Weil aber diese 5,2 Millionen nie gegenüber dem Finanzamt deklariert wurden, liege mindestens Steuerhinterziehung vor. So weit die ganz einfache Geschichte.

Man kann sich die Geschichte indessen auch ganz anders ansehen. Denn die Familie Strauß hat das Geld niemals erhalten. Weder Vater noch Sohn. Tatsächlich versucht die Staatsanwaltschaft dies auch gar nicht erst in ihrer Anklage zu beweisen. Wie kann aber einer, der keine Einnahme hatte, Steuern hinterziehen? Der Verfügungsberechtigte über das „Maxwell“-Konto, Schreiber allein, müsste dann eine Art Treuhänder für den wahren Eigentümer sein. Doch auch zu einer solchen Treuhandvereinbarung gibt sich die Anklage wortkarg. Ist das Ganze also eine Art politischer Prozess? So sehen es jedenfalls Strauß und seine Verteidiger.

Vielleicht gibt es aber noch etwas anderes. „Der Mensch ist nicht nur, was er ist, allein, er ist auch, was er könnte sein“ – mit diesem Goethe-Satz haben die Kritiker Strauß, den Vater, bereits in den 60er Jahren zu erklären versucht: Man muss ihm alles zutrauen, weil er sich schamlos alles traut. In ebendiesem Ruf steht Sohn Max.

Wenige Monate nach dem Tod seiner Frau Marianne ist Franz Josef Strauß mit einem alten Freund, dem früheren „Bild“-Chefredakteur Peter Boenisch, verabredet. Man trifft sich in einem Münchner Traditionslokal. An diesem Tag vermittelt Strauß, der Witwer, wirklich keinen guten Eindruck. Niedergeschlagen wirkt er, der Tod seiner Frau hängt ihm sehr viel schwerer nach, als viele erahnen können. Boenisch jedenfalls findet ihn trostbedürftig. Marianne sei gegangen, ein unermesslicher Verlust, keine Frage, aber: „Franz Josef, du hast doch prächtige Kinder, auf die du stolz sein kannst.“ Ja, das stimme wirklich, antwortet Strauß, und singt – bevor er noch auf Franz Georg und Monika zu sprechen kommt - das Hohelied auf seinen Erstgeborenen, Max Josef. Wie der ihn entlaste, ihm politisch zur Hand gehe, alle, auch heikle Aufträge zur Zufriedenheit des Vaters erfülle! Wirklich großartig! Nur, fährt Strauß dann fort, eines gefalle ihm nicht ganz so gut an diesem Sohn: „Manchmal glaubt er, genauso klug wie der Vater zu sein.“

Bedingungslose Härte

Nun ist es das Problem derartiger Pointen, dass sie den Blick auf den ganzen Sachverhalt allzu leicht verstellen. „Nicht ganz so klug wie der Vater“, was ja genauer betrachtet auch heißen soll: Er tritt mit dem gleichen Anspruch auf, ohne diesen in Gänze ausfüllen zu können. Und tatsächlich sind die Anekdoten Legion, wie Max anmaßend und polternd seine Umgebung im Nu gegen sich einzunehmen versteht. Keine Frage, Max Josef Strauß hat es allen stets leicht gemacht, ihn nicht zu mögen. Der massige Korpus, seine ganze dampfende Anmutung – nein, so sieht nun wirklich kein Sympathieträger aus. Und dann diese bedingungslose Härte, oft auch das Maßlose seiner Sprache im Umgang mit seinen Gegnern, genauer: den Gegnern des Vaters auch über dessen Tod hinaus. Allmählich ist so ein öffentliches, gewiss nicht vollständiges Bild von ihm entstanden: Alle Unarten des Vaters, doch keine seiner Begabungen. Vor allem: Der Mensch ist nicht, was er ist, allein…

Nur, dass dies mit Blick auf den jetzt beginnenden Prozess ganz einerlei ist. Denn seit vielen Jahren stehen die Vorwürfe gegen Max Strauß und Karlheinz Schreiber im Raum. Käme es jetzt nicht zum Prozess, so wäre der Vorwurf an die Justiz besiegelt: Wie gehabt, die kehren alles, was mit Strauß und der CSU zusammenhängt, unter den Tisch.

Den Prozess wird der Angeklagte, sollte das Verfahren nicht doch noch platzen, aus einer doppelt ungemütlichen Perspektive wahrnehmen. Denn die verhandlungsfreien Tage wird er auf unabsehbare Zeit weiter in der Klinik verbringen müssen. Alles andere halten die Ärzte für unverantwortlich.

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