Zeitung Heute : Schuldig

War Anders Breivik zurechnungsfähig, als er vor einem Jahr 77 Menschen tötete? Das war die große Frage im Prozess von Oslo. Ja, sagten die Richter, er war es.

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Unmöglich zu wissen, was er denkt. Eben hat er noch gelächelt. Dann – wieder einmal – die Faust gereckt. Sehr aufrecht stand er danach zwischen seinen Anwälten. Gerader Rücken, die Hände in den Handschellen, die Finger ineinander verschränkt. Wenn Anders Behring Breivik an diesem Freitagmorgen angespannt sein sollte, dann ist das höchstens an den Spitzen seiner Daumen zu sehen, die er fest aufeinanderpresst.

21 Jahre Gefängnis – das ist in Norwegen die Höchststrafe –, verliest die Richterin, anschließend Sicherungsverwahrung.

Das Gericht glaubt also, dass er schuldig ist und nicht geisteskrank. Es ist das, was Anders Breivik gewollt hat. Ein politischer Terrorist sein und kein Verrückter. Es ist auch das, was die Norweger umgetrieben hat im vergangenen Jahr. Sie wünschten ihm Strafe, keine Therapie. Nun bekommen, es ist eine Ironie, beide Seiten, was sie gewünscht haben. Und dennoch bleibt Breivik unbewegt.

Es ist nun ein bisschen mehr als ein Jahr her, dass er 77 Menschen getötet hat. Er brachte im Osloer Regierungsviertel eine Bombe zur Explosion. Acht starben, etliche wurden schwerstverletzt. Er fuhr zur Fjordinsel Utøya, setzte auf einer Fähre über, verkleidet als Polizist. Hunderte Teilnehmer eines Sommerlagers der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten rief er zusammen – und begann zu schießen. Er jagte sie über die Insel, 67 erschoss er, zwei starben auf der Flucht, sie stürzten von Felsen oder ertranken. Jene, die er traf, schoss er in den Kopf. Er tötete sie nicht nur, er richtete sie hin.

Ruhig sitzen Angehörige seiner Opfer im Gericht. Mütter und Väter, die müde aussehen und traurig. Kurz zuvor haben sie sich noch umarmt. Ein Mann Mitte 50 zerbeißt sich die Fingernägel an seiner rechten Hand. Starr blickt er nach vorn.

Die Urteilsbegründung umfasst 90 Seiten. „Es wird eine Weile dauern“, sagt die Vorsitzende Richterin Wenche Elizabeth Arntzen. Und dann tastet das Gericht sich einmal mehr heran an die Frage der Zurechnungsfähigkeit. Es ist ein Abriss aus Anders Breiviks 33 Jahre langem Leben. Über seine Familie, die Mutter, die früh Probleme mit dem verhaltensauffälligen Kleinkind Anders hatte, die Hilfe suchte beim Jugendamt; über Breiviks Ausflüge in die Graffitiszene Oslos und die Jahre, in denen ihm ein Unternehmen nach dem nächsten bankrott ging; bis hin zu Breiviks exzessivem Computerspiel und dem „Manifest“, das er kurz vor den Anschlägen des 22. Juli online stellte. Mehr als 1500 Seiten, gefüllt mit seinen eigenen Gedanken und denen anderer – gegen Multikulturalismus, gegen den Islam, gegen die liberalen Ideen der ihm so verhassten sozialdemokratischen Regierung.

Seine Gedanken nimmt das Gericht ernst. Nur an die Organisation Tempelritter, deren Teil Breivik sein will, als militante „Ein-Mann-Zelle“, glaubt das Gericht nicht. Er selbst, das wird einmal mehr betont, gab sich den Auftrag zu töten. Niemand sonst.

Video: Breivik soll nie wieder freikommen

Vielleicht wird jetzt geschehen, was Menschen wie Methab Afsar sich wünschen: dass der Fall Anders Breivik für Diskussionen sorgt jenseits derer, die sich nur darum drehen, ob er geisteskrank ist oder nicht. Afsar ist der Generalsekretär des Rats der Muslime in Norwegen, und natürlich hat er den Prozess ständig verfolgt, mal im Gerichtssaal, mal außerhalb.

„Wir müssen uns mit der Ideologie auseinandersetzen, die hinter Breiviks Taten steht“, sagt Afsar. Es ist ein Satz, den er seit Monaten immer wieder sagt, er diktiert ihn in Journalistenblöcke, gelegentlich spricht er ihn in Kameras. Er sagt ihn jedes Mal aufs Neue aus tiefster Überzeugung.

Methab Afsar ist in Pakistan geboren, er lebt in Norwegen seit seiner Kindheit. „Norwegen ist meine Heimat, es ist ein großartiges Land, um darin zu leben“, sagt er. Aber darf man deswegen nicht sagen, wenn etwas falsch läuft? Man muss sogar, glaubt Afsar. Das Land, sagt er, ist wie ein menschlicher Körper. Der humpelt, wenn ein Fuß schmerzt. Dann muss man sich kümmern.

„Wir sprechen nicht über seine Ideologie, wir sprechen nur darüber, ob Breivik verrückt ist oder nicht“, sagt Afsar. Noch in der Nacht vor der Urteilsverkündung hat er eine Fernsehdebatte verfolgt. Und auch die drehte sich wieder nur um die Frage: zurechnungsfähig oder nicht. Vielleicht ändert sich das jetzt.

Anders Breivik tötete am 22. Juli 2011 auch deswegen 77 Menschen, weil er eine vermeintliche Islamisierung Norwegens, sogar ganz Europas fürchtete. Schon vor Jahren hätten Regierung und Medien „vor dem Islam kapituliert“, hat Breivik in seinem „Manifest“ geschrieben. Er, der Kreuzritter für ein besseres Norwegen, wollte Einhalt gebieten. Zu Beginn des Prozesses sagte er, er habe „aus Güte, nicht aus Bösartigkeit“ gehandelt und, ja, er würde es wieder tun.

Langsam verliest das Gericht die Liste der 77 Toten, wie schon zum Prozessauftakt. Name, Geburtsdatum, Todesursache. Anders Breivik spielt mit seinem Stift, er sieht die Richter an.

Es geht auch um jene, die Verletzungen erlitten, physische und psychische. Die junge Frau etwa, die nur knapp die Explosion überlebte, im Koma lag und ihr Gedächtnis verlor. Eine andere Frau, die noch immer Splitter im Körper hat, es geht um Menschen mit Tinnitus und Amputationen.

Unmittelbar nach dem Bombenanschlag waren die ersten Verdächtigen: Muslime. Nicht nur in Norwegen, sondern überall auf der Welt tauchte diese Vermutung in den Nachrichtensendungen auf. Nur eine Vermutung, natürlich. Aber was für eine. Dann war es doch ein Norweger. Die Aggression war nicht von außen, sondern aus dem eigenen Land über die Menschen gekommen.

Methab Afsar glaubt, dass die Menschen in Norwegen sich auf einmal unfassbar schämten, weil viele selbst nicht besonders positiv über Muslime dachten. „Nach dem 22. Juli sprach plötzlich jeder darüber“, sagt Afsar. Und dann tat es irgendwann niemand mehr, alles rutschte wieder an seinen Platz. Breiviks Gedanken blieben hängen.

Am 24. Juli 2011 gingen drei Jugendliche durch den Vorort Lilleström, die Familie des einen kam aus Somalia, die des zweiten aus einem arabischen Land, der dritte stammte aus Sri Lanka. Zwei junge Männer begannen, die drei mit Steinen zu bewerfen. Sie brüllten: „Breivik sollte alle von euch getötet haben.“

Es ist einer der Vorfälle, die das Anti-Rassismus-Zentrum in Olso versucht hat zu dokumentieren; manchmal vermeintliche Kleinigkeiten, Zusammenstöße, die von der Polizei nicht einmal bemerkt wurden im Chaos nach dem Anschlag und auch wenige Tage danach, dumme Sprüche im Bus, Steinwürfe im Vorort. Viele hatten Angst, über Anfeindungen zu sprechen, sie wollten nicht für noch mehr Unruhe sorgen. Der Bericht ist nicht repräsentativ, und im Allgemeinen heißt es auch, die Norweger begegneten Einwanderern und Muslimen nun noch offener. Aber die Aufzeichnungen sind eine mahnende Erinnerung.

Richter Arne Lyng verliest nun viele Zahlen. 564 Menschen befanden sich auf der Insel Utøya, als Breivik am späten Nachmittag des 22. Juli dort eintraf. Der jüngste Teilnehmer des Sommerlagers war 13 Jahre alt. Mehr als 250 Schüsse feuerte Breivik aus seinen Waffen ab. Neben all jenen, die er tötete, verletzte er 33. Vor Gericht sagte Breivik, er habe gehofft, alle umbringen zu können.

Die Geschichten der Überlebenden und Verletzten verlieren ihren Schrecken nicht. Vom Jungen, der angeschossen unter einem Baum lag, vom Mädchen, das ebenfalls angeschossen durch den kalten Fjord schwamm, sich übergeben musste und trotzdem weiterschwamm. Von jenen, die sich ganz still zwischen die Leichen legten. Von absoluter Todesangst. Unbewegt schaut Breivik den Richter an.

Lyng fährt fort, liest, wie Breivik Jugendlichen auf der Insel gegenübertrat, vortäuschte, ihnen helfen zu wollen. Als sie ihn baten, sich auszuweisen, begann er zu schießen.

Wäre all das leichter zu verstehen gewesen, wenn er ein Verrückter wäre? Vielleicht.

Doch das Gericht glaubt nicht an die Taten eines Kranken, sondern an einen gut geplanten und brutal durchgeführten Anschlag, einen terroristischen Akt. Es kann möglich sein, heißt es, dass Anders Breivik zum Zeitpunkt der Tat nicht zurechnungsfähig war. Bewiesen aber ist es für das Gericht nicht.

Vier forensische Psychiater hatten im Auftrag des Gerichts zwei Gutachten über den Gesundheitszustand des Angeklagten angefertigt. Die sollten die Urteilsfindung erleichtern – und machten stattdessen alles noch komplizierter. Denn die Experten waren sich uneins.

Die Ersten, die mit Breivik sprachen, waren Synne Sörheimund Torgeir Husby. Etliche Male besuchten sie den Täter im Gefängnis. Er habe gern mit ihnen gesprochen, erklärten sie vor Gericht, und Breivik beobachtete die beiden spöttisch lächelnd. Das nämlich, was auf die vermeintlich harmonischen Gespräche folgte, war in seinen Augen eine herbe Kränkung: das erste Gutachten. Die beiden Psychiater glauben, er leide an Schizophrenie und sei deswegen schuldunfähig. Breivik war entrüstet, Norwegen war entrüstet, freilich aus unterschiedlichen Gründen. Strafe, das wünschten die Menschen im Land dem Massenmörder. Der wiederum fühlte sich als politischer Terrorist nicht ernst genommen.

Zwei weitere Psychiater setzten sich mit Breivik zusammen – und kamen zu einem ganz anderen Ergebnis. Agnar Aspass und Terje Törrisen meinen, dass Breivik einige Probleme hat, er sei narzisstisch und größenwahnsinnig, aber weder psychotisch noch schizophren. Schuldfähig in jedem Fall.

18 weitere Psychiater und Psychologen sprechen Mitte Juni vor Gericht, ungezählte Experten äußern sich in den Medien. Der Prozess, der helfen sollte, das Verbrechen aufzuarbeiten, droht zu zerfasern in einen Streit der Wissenschaftler, einen Wettkampf der Psychiater, an dessen Ende kein Zuschauer klüger ist als zuvor.

Breivik sei einzigartig, sagt damals einer der Experten im Gericht. Der ganze Mensch ein Tatort, diagnostisch schwer zu fassen.

Es wird wohl niemand je sicher wissen können, was der inzwischen 33-jährige Anders Breivik genau dachte an diesem Julinachmittag. Aber woran er glaubte, daran glauben andere auch. Sie greifen seine Ideen auf und spinnen sie weiter im weltweiten Netz.

Als ein Norweger Ende Juli das von ihm unerlaubterweise aufgezeichnete Schlussplädoyer Breiviks bei Youtube einstellte, vervielfachte sich das Dokument in Windeseile. Einer übersetzte die norwegische Rede ins Englische und bastelte Untertitel. Online haben sich die Anhänger Breiviks zusammengerottet. Zwar ist die Gegenseite stark – die Facebook-Gruppe „Wir hassen dich, Anders Breivik“ beispielsweise hat mittlerweile rund 65 000 Mitglieder. Aber die anderen, die ihn nicht hassen, die gibt es eben auch.

Die beiden Staatsanwälte, Inga Bejer Engh und Svein Holden, haben der Urteilsverkündung all die Stunden lang ruhig zugehört.Sie hatten dafür plädiert, Anders Breivik für unzurechnungsfähig zu erklären. Die Richter überzeugten sie nicht. Sie glauben, dass Breiviks Verhalten, seine Vorstellungen und wahnhaften Ideen sich aus den Vorbereitungen auf den Anschlag erklären.

Ganz am Ende gestattet das Gericht Breivik noch ein Schlusswort. „Ich erkenne das Gericht nicht an“, sagt er, „deshalb kann ich das Urteil weder annehmen noch Berufung einlegen. Ich möchte mich entschuldigen bei allen militanten Nationalisten in Europa, dass ich nicht noch mehr Menschen getötet habe.“ Dann entziehen ihm die Richter das Wort.

In der Zukunft, das hat Breivik kürzlich angekündigt, wolle er Bücher schreiben. Aus der „Bürozelle“, die ihm bislang im Gefängnis zurVerfügung gestanden hatte, korrespondiert er mit seinen Anhängern. Auch aus derGefangenschaft will er an der Revolution beteiligt sein, die er für notwendig hält. Und solange ihm jemand zuhört, wird er auch weiter sprechen.

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