Zeitung Heute : Schulen auf steinigem Weg in die Computer-Zukunft

HOLGER SCHLÖSSER

Land und Bezirke vertrauen auf Public-Private-PartnershipVON HOLGER SCHLÖSSERBis zur Jahrtausendwende soll PC-Unterricht in Deutschlands Schulen alltäglich sein.Internet-Anschluß wird zur puren Selbstverständlichkeit.Das ist die Zukunftsvision aus dem Haus von Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers.Die Gegenwart sieht anders aus. "Niederschmetternd" sei, was man bisher in den Berliner Schulen vorfände, berichtet Markus Kuschela, Leiter der EDV-Abteilung des Landesschulamts und Geschäftsführer der Initiative "Computer in die Schulen" (CidS).Einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr zufolge gibt es an den 1025 Berliner Schulen rund 8000 Computer.Doch wie sehen die aus? Veraltete Geräte mit 286er-Prozessor sind alles andere als selten.Damit, so Kuschela, seien nicht einmal die Anforderungen des Informatik-Lehrplans zu erfüllen, geschweige denn die hehren Ziele des Bildungsministers zu erreichen. Anders sieht es an den berufsbildenden Schulen aus, deren Träger das Landesschulamt ist.Ein bis zwei Millionen Mark werden hier jährlich für Rechner ausgegeben.Und die Anstrengung zeitigt erste Erfolge.Unter den 2500 PCs findet man nur schwerlich einen 286er.Wie erklärt sich die Kluft zwischen den Ausbildungstätten? Die Berufsschulen werden vom Land ausgestattet, die allgemeinbildenden von den Bezirken."Hier fehlt schlicht der politische Wille", wirft Kuschela den Bezirken vor.Und: Die Zusatzmittel der Senatsverwaltung und die mageren Mittel der Schulen allein reichten nicht aus."Vereinzelt kommen Rechner in die Schulen, doch an die Folgekosten wie Wartung der Geräte und Aufrüstung der Technik denkt niemand", kritisiert Kuschela.Land und Bezirke säßen das Problem einfach aus."Es gibt keine Investition ohne Folgekosten." Daß es funktionieren könne, sei an den Berufsschulen zu sehen. Einer von vielen, die das Leid der allgemeinbildenen Schulen kennen, ist Joachim Richter, Informatiklehrer an der Herder-Oberschule in Charlottenburg.Die Rechner, die an seiner Schule in Betrieb sind, werden den Ansprüchen für den Unterricht an einer Schule nicht gerecht."Gespendet werden oft einzelne PCs, mit denen wir zunächst wenig anfangen können.Wie in einer Firma brauchen auch wir ein lokales Rechnernetz." Die mitgelieferte Software sei zumeist unbrauchbar und die PCs müßten von den Lehrern in der Freizeit vernetzt und gewartet werden."Damit das Netzwerk funktioniert, sitze ich etwa 10 Stunden in der Woche zusätzlich in der Schule.Freigestellt werde ich aber nur eine Stunde." Daß mit Geld allein noch nicht viel getan ist, kann Jürgen Frank, Mitarbeiter an der Beratungsgruppe für IT-Bildung und Computereinsatz in Schulen (Bics) in Berlin bestätigen."Das Problem vieler Spenden ist, daß die wenigsten Firmen die Besonderheiten an einer Schule berücksichtigen", weiß Jürgen Frank.Normale Rechner werden den Sicherheitsanforderungen in den Schulen kaum gerecht.Ironisch nennt Jürgen Frank als Hauptproblem die "kriminelle Energie" der Schüler ­ sie veränderten schon einmal die Grundkonfiguration eines Rechners und vertauschten beispielsweise die linke mit der rechten Maustaste.Meist wüßten Schüler mehr als Lehrer, da nur wenige Lehrer in Berlin Informatik studiert hätten.Und jüngere Lehrer werden auf absehbare Zeit kaum dieses Defizit decken können ­ der Einstellungsstop in den Schulen verhindert dies.Frank kennt die Probleme der Lehrer, die sämtliche Rechner einer Schule zu warten haben.Das Bics schlägt denn auch vor, PC-Berater in jedem Berliner Bezirk einzustellen. Andreas Statzkowski ist als Stadtrat für Jugend Technik, Bildung und Sport in Charlottenburg verantwortlich für die Verteilung von Lehrmitteln, unter die auch Computer fallen.Den Vorwurf, zu wenig für die Schulen zu tun, will er nicht auf sich sitzen lassen.Mit zwei Millionen Mark habe den Schulen in Charlottenburg in diesem Jahr mehr Geld zur Verfügung gestanden als im vorherigen.Doch handelt es sich um eine Globalsumme."Die Schulen setzen mit dem Geld selbst Schwerpunkte.Es steht ihnen offen, PCs zu erneuern oder Stühle zu kaufen." Daß die Situation problematisch ist, weiß er."Das würden wir gerne ändern, doch die Mittel sind erschöpft." Angesichts der prekären finanziellen Lage ruhen alle Blicke auf Spendern aus Wirtschaft oder privaten Haushalten.Public-Private-Partnership lautet das Zauberwort.Jüngstes Beispiel, die Initiative "Computer in die Schulen" (CidS) ­ die im übrigen nicht mit der gleichnamigen Kontaktbörse dieser Zeitung identisch ist.Mit den Millionen-Einnahmen der Lottogesellschaften und Spenden von Sponsoren sollen Schulen mit Computern ausgestattet und Lehrer fortgebildet werden.Derart soll die "Kulturtechnik Computer" weiten Kreisen der Berliner Schüler vermittelt werden. Initiativen wie CidS sind die Lösung des Problems ­ darin sind sich alle Beteiligten einig.Berührungsängste mit der Wirtschaft gibt es offensichtlich nicht."Ich kenne kaum ein Land, wo nicht privates Engagement gefordert wird", so Markus Kuschela."Solange von den Sponsoren keine Gegenleistungen gefordert werden, habe ich damit keine Probleme", pflichtet Stadtrat Statzkowski bei.Und auch Jürgen Frank vom Bics zeigt sich gelassen: "Die Ausrüstung der Schulen mit Computern ist eigentlich die Aufgabe des Staates, doch wir sind froh, daß überhaupt etwas passiert." weitere Artikel zum Thema:

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