Schulpolitik : Sein Bildungswesen

Immer ging es abwärts, die Noten wurden schlechter und seine Chancen auch. Doch er hat es allen gezeigt. Er promoviert jetzt. Und er schrieb an einem Buch mit – für ein neues, besseres Schulsystem. Denn manchmal fürchtet Ali Hotait, er werde die Hauptschule nie mehr los.

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Ali Hotait vor seiner ehemaligen Spandauer Realschule, deren Lehrer ihn damals auf die Hauptschule schickten.
Ali Hotait vor seiner ehemaligen Spandauer Realschule, deren Lehrer ihn damals auf die Hauptschule schickten.Foto: Thilo Rückeis

Dass er jetzt im Vorzimmer am Kopiergerät steht und darauf wartet, dass aus einer Seite sieben werden, quasi Hilfsarbeit leistet, derweil die anderen im Nebenraum am Tisch sitzend qualifiziert diskutieren, hat nun aber gar nichts mit seinem Vornamen zu tun.

Ali.

Ali, üblicherweise und längst nicht mehr assoziiert mit Ali Baba, dem Räuberhauptmann aus Tausendundeinernacht, sondern mit Ali, dem Bildungsversager aus Deutschland, mit Ali, dem Migrantendepp.

Sein Am-Kopierer-Stehen, hier in den Räumen der SPD-Fraktion im Bezirksrathaus von Berlin-Spandau, hat damit zu tun, dass er der Jüngste aus der Runde ist, der Flinkste und vielleicht auch der Höflichste. Er hatte es angeboten. „Ich kopier das mal.“ „Kannst du mit dem Ding umgehen?“ „Ja, geht schon.“

Ali Hotait entnimmt dem Kopierer die warmen Kopien, geht ins Besprechungszimmer zurück und reicht sie an seine Ausschusskollegen weiter. Es sind Informationen zum Fahrradfahren und zu Ampelschaltungen, die mit der gleich beginnenden Bauausschusssitzung zu tun haben, für die sie noch etwas besprechen wollen. Hotait setzt sich an den Tisch und stützt alsbald das Kinn in die Hand. Würde er nach links schauen, sähe er dort ein Plakat hängen. „Stark durch Bildung“ steht da drauf. Das ist viel mehr sein Thema als die Radfahrer.

Vor der Besprechung war es darum sogar kurz gegangen: um Bildung und Ali Hotaits grundstürzende Ideen dazu. Ob sie sein Buch kennen würden, hatte Hotait in die kleine Runde gefragt. Es ist recht neu und dreht sich um das deutsche Schulsystem, um dessen Undurchlässigkeit und auch um ihn selbst. Nein, hat einer der Anwesenden gesagt, kenne er nicht, und dann hat er seine eigene Meinung dazu referiert. Und ein anderer hat gesagt, dass die SPD die Partei der Bildungsaufsteiger sei. Siehe Gerhard Schröder. Vom Armeleutesohn zum Bundeskanzler. Na, bitte.

Es ist fast 16 Uhr. Die Bauausschusssitzung beginnt. Sie nehmen ihre Jacken, Taschen, Zettel, eilen durch lange, bereits dunkle Rathausflure, in denen ihr Auftauchen eine fahle Beleuchtung auslöst, und verschwinden im Sitzungssaal der Bezirksverordnetenversammlung. Ali Hotait setzt sich am Konferenztisch nach ganz vorne, weil er Ausschusssprecher ist. Er nimmt einen Kugelschreiber aus seiner Umhängetasche und spielt damit herum. Als Sprecher muss er nach der Sitzung eventuell noch einen Bericht schreiben.

Die nächsten dreieinhalb Stunden geht es um behördliches Vorgehen im Fall von Schimmel in Wohnungen und um korrektes Lüften. Es geht um mögliche verkehrliche Gefahrensituationen an Einfahrten, um Fahrradfahrer, Ampeln, Parkverbote. Es werden Anträge angenommen, abgelehnt oder vertagt. Es wird viel und engagiert geredet, auch wenn es bloß um relative Kleinigkeiten geht. Die Zukunft Deutschlands jedenfalls wird sich an den an jenem Dezembermittwoch im Bauausschuss Berlin-Spandau diskutierten Fragen nicht entscheiden. Vielleicht aber entscheidet sie sich an der Frage, die auf dem Buch steht, für das Hotait seine Parteikollegen vorhin interessieren wollte. Es heißt „Was bildet ihr uns ein?“ Untertitel: „Eine Generation fordert die Bildungsrevolution.“


Hotait und 29 Mitautoren wollen das deutsche Bildungssystem, wie es ist, hinfortfegen. Weg mit den verschiedenen Schulformen, der Aufteilung der Schulkinder nach vier oder sechs Jahren, Schluss mit dem Ein- und Aussortieren, dem Abstufen, Abschulen, Rauswerfen. Sie wollen mehr gemeinsames Lernen für alle Kinder. Reförmchen, wie 2010 etwa die Zusammenlegung von Berlins Real- und Hauptschulen zu Sekundarschulen ohne inhaltliche Umkehr reichen ihnen nicht. Die Schule, die sie meinen, würde Mauern einreißen statt welche aufzubauen und Talente entdecken, statt dieselbe Schablone auf alle Schüler zu pfropfen und die für gut zu erklären, die passen.

Ali Hotait ist ein 35-jähriger Schlacks, ein sympathischer Mensch. Er hat fünf Geschwister, seine Mutter ist Deutsche, der Vater Libanese. Geboren wurde er in Berlin, wo er später durch die verschiedenen Angebote von Schule immer weiter nach unten rutschte, bis er 1993 zur Hauptschule geschickt wurde.

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