Zeitung Heute : Schwanz und Hund

Hat es das in Cannes schon mal gegeben? Daß zwar ein wichtiger Wettbewerbsfilm gezeigt wird, aber zum Tage seiner Vorführung weder Produzent noch Regisseur noch Schauspieler in der Stadt sind, um ihr gemeinsames Werk vorzustellen? Daß, wie im gestrigen traurigen Berlinale-Premierenfall "Wag The Dog", titelgemäß der Schwanz schamlos mit dem Hund wedelt, hier also: die Filmindustrie mit dem Festival? Nicht, daß sie wüßten.Der dortige Festivaldirektor Gilles Jacob, so weiß man, würde es niemals zulassen, daß die Macher ihren zum Wettbewerb eingeladenen Film nicht der Presse und dem Publikum präsentieren.Oder, wie es die Franzosen höflich, aber bestimmt ausdrücken: "Unsere Einladung ist an die Präsenz gebunden".Nur einmal habe es, so erinnern sich die Cannes-Organisatoren, keine Pressekonferenz nach einem Wettbewerbsfilm gegeben - damals waren zwar die (indischen) Filmemacher, jedoch keine Journalisten im Saal.Und man muß wohl schon Lars von Trier heißen, um, wie vor zwei Jahren bei "Breaking The Waves", als Regisseur ungestraft nicht einmal Cannes zum Anlaß für die Überwindung eigener Reise-Phobien zu nehmen. Schon recht: Es steht nicht in den Festivalstatuten, auch nicht in denen von Cannes, daß die eingeladenen Filme-Macher ihre Werke persönlich begleiten müssen.Vielleicht weil es so selbstverständlich ist.Alles andere wäre, um noch einmal mit den Cannes-Verantwortlichen zu sprechen, "respektlos"."Wag The Dog"-Produzentin Jane Rosenthal, Regisseur Barry Levinson, die Schauspielerin Anne Heche, die absagten, verhalten sich also gegenüber der Berlinale respektlos.Und das Affentheater, das gestern um eventuelle Interviews mit dem heute eintreffenden Robert de Niro veranstaltet wurde, läßt sich kaum als nachgereichter Respekt lesen. Was folgern wir aus dem Ereignis, das Skandal zu nennen man sich nur weigert, weil nicht die Sache, wohl aber das Wort so abgenutzt ist? Respektlos verhält man sich - das lernt man schon in der Schule - nur dem gegenüber, der sich keinen Respekt verschaffen kann.Moritz de Hadeln ist nicht Gilles Jacob, die Berlinale ist nicht Cannes - das wissen wir schon lange.Neu ist die schmerzliche Erkenntnis, wie sehr und wie schnell der Abstand wächst.jal

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