Zeitung Heute : Schwarz-Weiß reicht für das Kosovo nicht

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Ultimaten und Drohgebärden halfen am Ende nichts.Das ist ein Rückschlag für die NATO, die sich beim Jubiläumsgipfel Ende April als Friedensgarant für Europa präsentieren möchte - ohne daß Fernsehbilder von Leichen und brennenden Dörfern diese Inszenierung konterkarieren.Die Interpretation, die Verhandlungen seien nicht gescheitert, sondern könnten bald mit guter Erfolgsaussicht abgeschlossen werden, wird der Großteil der Öffentlichkeit als wenig überzeugenden Beschönigungsversuch abtun.

Die NATO schreckt nicht aus Feigheit oder aus Rücksicht auf Rußland vor den angedrohten Luftangriffen zurück.Belgrad ist nicht allein schuld am Verlauf des Gipfels.Auch die Kosovo-Albaner weigerten sich, ihren Teil zur Lösung beizutragen.Mit Bomben auf Serben läßt sich aber kein Druck auf die Albaner ausüben - im Gegenteil: Ließe sich die NATO als albanische Luftwaffe mißbrauchen, nähme die Kompromißbereitschaft ab.Die Welt hat sich ein Schwarz-Weiß-Bild vom Kosovo-Konflikt gezeichnet.Es ist zwar richtig, daß Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic der Hauptschuldige ist und daß die Friedhöfe des Balkans voll sind von seinen gebrochenen Versprechen.Aber die Kosovo-Albaner haben sich bislang auch nicht als kalkulierbare Partner erwiesen.Sie sind nicht nur Opfer.Ihre Befreiungsarmee UCK gehört zu den Tätern und macht sich mitschuldig an der anhaltenden Tragödie.Es ist ihr durchaus abzuverlangen, daß sie ihre Waffen abgibt und auf eine bereits heute garantierte Unabhängigkeit des Kosovo verzichtet.Nichts anderes wäre ein bindendes Referendum am Ende der dreijährigen Übergangsperiode jedoch, auf dem die Albaner bestehen, angesichts ihres 90-prozentigen Bevölkerungsanteils.Luftangriffe auf serbische Ziele kann die NATO erst rechtfertigen, wenn die Albaner unterzeichnet haben und Belgrad weiter blockiert.

Manche Gründe für das Zaudern der Kosovo-Albaner sind verständlich.Sie fürchten, über den Tisch gezogen zu werden, wenn sie einseitig unterschreiben: Dann wären sie an die Vereinbarungen gebunden, während Belgrad pokert und so bessere Bedingungen für sich herausschlägt.Aber es fehlt ihnen eben auch an einem einheitlichen politischen Willen, an Verantwortungsbewußtsein und, so zynisch das angesichts der langen Unterdrückung durch Serbien klingen mag, an Leidensdruck.Das Dayton-Abkommen für Bosnien wurde erst möglich, als die Moslems nach drei Jahren Mord und Vertreibung verzweifelt waren und die Serben sich nach mehreren NATO-Angriffen und Gebietsverlusten nicht mehr für unbesiegbar hielten.Die jungen Heißsporne der UCK verweigern die Einsicht, wie kompliziert das Geflecht auf dem Balkan ist.Sie wollen die Unabhängigkeit, die ihnen zu Recht verweigert wird - weil sie nur den nächsten Grenzkonflikt auslösen würde - im Guerillakrieg erzwingen.Die blutige Niederlage vom Sommer ist vergessen, sie haben sich mit neuen Waffen eingedeckt und glauben, die NATO werde unter dem Druck der internationalen Empörung schon eingreifen, wenn serbische Truppen ein neues Massaker anrichten.Diese Unberechenbarkeit der Albaner erhöht das ohnehin große Risiko für eine Kosovo-Friedenstruppe nochmals beträchtlich.Dem dürfen die NATO-Staaten ihre Soldaten erst aussetzen, wenn ein Abkommen vorliegt.Der Weg dorthin mag mit Rückschlägen gepflastert sein.Aber kein Abkommen ist immer noch besser als eines, dessen Verwirklichung schon bei der Unterzeichnung in Frage steht.

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