Zeitung Heute : Schwarze Elite im Zwielicht

JÖRG ALLMEROTH

PARIS/NANTES .Der wilde Spreizschritt des feurigen Marokkaners sah eher aus wie eine Kung-Fu-Attacke von Bruce Lee.Und die Wirkung, die Said Chibas brutaler Einsatz gegen den besten Fußballer der Welt hinterließ, konnte von einem Millionenpublikum an den Bildschirmen aus nächster Nähe betrachtet werden: Auf dem Oberschenkel des 21jährigen Ronaldo hatte sich markig das Stollenprofil seines rücksichtslosen Gegenspielers eingeprägt, grün, gelb und blau schimmerte die Verletzungsstelle.Nur einer hatte überhaupt nichts gesehen und ließ das grobe Delikt ungesühnt: der 42jährige Schiedsrichter Nikolai Lewnikow, hauptberuflich Fußball-Trainer in St.Petersburg.

Auch rüde Fouls gegen Leonardo und Roberto Carlos bestrafte der mit Blindheit geschlagene Unparteiische später nicht mit der gebotenen und von der FIFA geforderten Strenge.Kein Wunder, daß Brasilien nach den Verstößen gegen die neue Fußball-Gesetzgebung rot sah: "Ein Skandal" sei die Leistung des Referees gewesen, schrie Coach Mario Zagalo später auf, sein Assistent Zico sprach von "einer finsteren Stunde für die FIFA": "Monatelang hörten wir etwas von verschärften Regeln, und dann passiert so ein Fiasko."

Mit der schlimmen Spielführung des Russen Lewnikow hat die seit Tagen hinter den Kulissen schwelende Diskussion um die WM-Schiedsrichter einen neuen Höhepunkt erreicht.Alarmiert über "viel zu viel Großzügigkeit und Nachsicht" der Pfeifenmänner, kündigte FIFA-Chef Sepp Blatter einen Blitzbesuch im Schiedsrichter-Quartier Gressy an."Dort werde ich die Referees ermahnen, unsere strikten Vorgaben einzuhalten", sagte Blatter.Er hatte sich persönlich für die verschärften Sanktionen gegen hartes Foulspiel eingesetzt und im Vorfeld der WM mehrere Lehrgänge der Schiedsrichter besucht, um sie auf die "glasklare Linie" (Blatter) der FIFA einzuschwören.

Der von Blatter als neuer FIFA-Sportdirektor favorisierte WM-Organisationschef Michel Platini trat gar vor die Mikrofone der Weltpresse im Hauptmedienzentrum, um seinen "tiefen Ärger" über die bisherigen Auftritte der Spielleiter zu bekunden."Die Schiedsrichter urteilen zu milde und lässig", mäkelte Platini, "man kann nicht sagen, daß sie ihre Hausaufgaben gemacht haben." Der frühere Fußball-Ästhet drängte darauf, "daß nach dem schlechten Start jetzt schnell eine einheitliche Regelauslegung gefunden wird".Schließlich stehe das "ganze Spektakel dieser WM auf dem Spiel", wenn nicht endlich unerbittlich gepfiffen werde.

Der Zorn des für Regeländerungen zuständigen "International Boards" der FIFA richtet sich keineswegs auf die früher immer gern gescholtenen Schiedsrichter aus Entwicklungsländern wie dem Niger oder Trinidad, sondern mehr noch auf die "schwarze Elite" aus den europäischen Kernländern und aus Südamerika: "Diese Schiedsrichter sind längst gedrillt, das Grätschen von hinten eindeutig zu ahnden", sagt ein FIFA-Funktionär, "aber hier schauen sie plötzlich weg, wenn es brennt".

Bisher fiel nur der Südkoreaner Wa im Spiel gegen Mexiko jener ab dem 1.Juli verbindlich im Weltfußball geltenden Regel zum Opfer, wonach schwerwiegende Attacken von hinten sofort mit einem Platzverweis zu bestrafen sind."Absolut zu wenig", moniert OK-Chef Platini, "als Testlauf für die neue Regelauslegung ist die WM bisher ein Fehlschlag." Die gründliche Vorbereitung der Schiedsrichter habe "fast nichts gebracht", kritisiert Englands Trainer Glenn Hoddle, "ich weiß nicht, was die bei ihren Treffen besprochen haben."

Die helle Aufregung über die eher kompromißlerisch gestimmten Unparteiischen hat inzwischen auch das hermetisch abgeschottete Schiedsrichter-Domizil Gressy erreicht.Dort ermahnten Mitglieder der FIFA-Schiedsrichterkommission, die sich zunächst noch wie der Deutsche Volker Roth mit abwiegelnden Statements gemeldet hatten ("Insgesamt können wir zufrieden sein"), das Kontingent der Referees in Gruppensitzungen und Einzelgesprächen, die Absprache zu entschiedenem Durchgreifen "nun ganz schnell in die Tat umzusetzen".Schließlich will die FIFA "ordentliche Gegenleistung" für die 25 000 Dollar sehen, mit denen sie jeden der 34 Männer in Schwarz auf die Heimreise schickt.

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