Zeitung Heute : Schwarzer Montag an den Börsen

Aktienkurse rutschen weltweit ab / Politik versucht zu beruhigen / Greenspan: Schwerste Krise seit 1945

Henrik Mortsiefer
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Berlin - Die Krise an den internationalen Finanzmärkten spitzt sich zu. Nach dem Notverkauf der in die Krise geratenen fünftgrößten US-Investmentbank Bear Stearns in der Nacht zu Montag gerieten die Aktienkurse weltweit ins Rutschen. Vor allem Finanztitel verloren zum Teil dramatisch an Wert. Händler sprachen von Panikverkäufen. Der Dax sank um 4,2 Prozent, auch die Börsen in Asien und den USA brachen ein. Der Dollar notierte so schwach wie nie. Ein Euro kostete zeitweise mehr als 1,59 Euro.

Die amerikanische Notenbank Fed versuchte erneut, den Markt zu stützen, indem sie den Diskontsatz senkte, zu dem sich Banken kurzfristig Geld leihen können. Ein Schritt, der nach Einschätzung von Experten deutlich macht, wie ernst die Lage ist. Rückendeckung erhielt die Notenbank, die den Leitzins mehrfach gesenkt hatte, von US-Präsident George W. Bush. Im Anschluss an ein Treffen mit Wirtschaftsberatern sagte er, die USA hätten die Lage im Griff. Gleichzeitig gab er zu, dass die US-Wirtschaft „herausfordernde Zeiten“ durchlaufe. Auch die Bundesregierung versuchte zu beruhigen. „Es gibt keinen Anlass zur Panik“, sagte ein Regierungssprecher in Berlin. Wirtschaftsminister Michael Glos sagte in Jerusalem, es gebe derzeit auch keinen Grund für ein Sondertreffen der Industrieländergruppe G7.

Einige Beobachter beurteilen die Situation in den USA deutlich pessimistischer. Nach Einschätzung des früheren Notenbankchefs Alan Greenspan erleben die Vereinigten Staaten derzeit die schwerste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Krise werde „wahrscheinlich im Nachhinein als schlimmste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewertet werden“, schrieb Greenspan in einem Beitrag für die „Financial Times“. Die Krise werde vorüber sein, wenn sich die Immobilienpreise stabilisierten und damit der Preis für Finanzprodukte, die an Hypothekendarlehen gekoppelt sind. Kritiker werfen Greenspan, der bis Anfang 2006 Notenbankchef war, vor, mit seiner Niedrigzinspolitik riskante Spekulationsgeschäfte erleichtert und damit die aktuelle Krise mitverursacht zu haben. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, sagte, die Lage sei derzeit schlimmer als vor einigen Wochen.

Der Chefvolkswirt der Schweizer Großbank UBS, Klaus Wellershoff, zeigte sich selbstkritisch. Den in die Finanzkrise verstrickten Banken warf der Ökonom vor, „Systeme aufgebaut zu haben, die dazu verleiteten, immer höhere Risiken anzusammeln“. Für das erste Quartal befürchtet er bei den Geldhäusern „noch deutliche Abschreibungen“, sagte er dem Tagesspiegel. Der Elektrokonzern Siemens hat wegen Problemen bei Großprojekten seine Gewinnerwartung für das laufende Jahr gesenkt. Die Siemens-Aktie brach um 19 Prozent auf unter 65 Euro ein.

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