Zeitung Heute : Schweden-

Manche gehen zu Ikea, um Möbel zu kaufen. Andere kommen aus ganz anderem Grund: Sie essen Lachs für 3 Euro 90. Und holen Hot Dogs zum Zusammenbauen. Kulinarische Geständnisse.

Andreas Austilat

Die größte Leckerei, die der Schwede kennt, ist der Surströmming. Dabei handelt es sich um Fischkonserven, bei denen sich der Deckel mächtig beult, Surströmming ist nämlich nichts anderes als vergammelter Hering. Daraus lernt man zweierlei: Der Schwede schätzt beim Essen eine süßsaure Note, und er nimmt dabei gern Unmengen Alkohol zu sich – anders ist der Verzehr von Surströmming gar nicht zu erklären. Beides macht schwedisches Essen nicht besonders kindertauglich. Kinder mögen zwar Saures und lieben Süßes, doch immer nur ein Aroma allein, nie beide zusammen. Außerdem dürfen Kinder auf keinen Fall Unmengen Alkohol zu sich nehmen.

Wenn man das weiß, sieht man ein Ikea-Restaurant natürlich besonders kritisch, lässt sich von der Bullerbü-Atmosphäre, in der einen alle duzen, erst einmal nicht einlullen. Von wegen kinderfreundlich. Ist doch ganz egal, ob man die Nudeln nimmt oder Krebsschwänze mit Gemüse, man meint eine feine süßsaure Note rauszuschmecken und wird den Verdacht nicht los, sie mischen da in Schweden übrig gebliebenen Surströmming unter.

Doch der Preis ist unschlagbar: Den Kindernudelteller gibt es für einen Euro, und jedes andere Gericht auf der Karte wird als Kinderportion für den halben Preis ausgegeben. Das ist vorbildlich. Das Allerbeste aber ist die Sache mit den Getränken. Normalerweise läuft es doch so: Man ordert ein Glas Fanta oder Cola, ermahnt die Kleinen noch, pass auf, dass du nichts umschmeißt, und schwupps, haben sie es umgeschmissen. Dann wollen sie noch ein Glas, was sie aber nicht kriegen, weil, wer soll denn das bezahlen. Kurz, der Restaurantbesuch endet in einem Fiasko. Nicht so bei Ikea, dort kostet das Glas einen Euro 30 und wenn die Kinder es umgeschmissen haben, begeben sie sich zu einer unaufhörlich sprudelnden Quelle in der Restaurantmitte und füllen es neu. Das mag pädagogisch fragwürdig sein – aber toll ist es schon.

* * *

Der Appetit kommt schon auf dem Weg zur Kasse. Von der Decke hängt ein riesiges Poster mit einem Hot Dog drauf, Preis: 1,- Euro. Wenn das Ding so gut schmeckt, wie es aussieht, hat sich der lange Weg nach Tempelhof schon gelohnt. Dann eine Durchsage: „Bitte ein Ersthelfer ganz schnell in die Textilabteilung!“ Wozu? Hat ein Kunde einen Kreislaufkollaps bekommen, weil er mit leerem Magen zum Einkaufen gekommen ist?

Ich bringe meine Einkäufe zum Auto und kehre um. Heute gibt’s im Ikea-Restaurant Hähnchenbrust mit Preiselbeer-Jalapeno-Salsa, Gemüse und Sesamrösti für fünf Euro; Graved Lachs mit Senfsauce für 3,90 Euro, gedünsteten Lachs mit Schnittlauchsauce, Salzkartoffeln und Broccoli für 6,50 Euro, Flusskrebs auf schwedische Art auf Gemüsenudeln mit Limonen für 2,50 Euro; eine Jungschweinroulade als Bio-Gericht und gefüllte Pfannkuchen mit Pilzen und Quark-Mango-Sauce für Vegetarier. So viel Kunden- und Kinderfreundlichkeit sucht man woanders vergeblich.

„Ikea ist für viele so etwas wie ein Ausflugsziel. Die Leute kommen, um Möbel zu gucken und zu essen“, sagt der Deutschland-Chef von Ikea, Werner Weber. Fünf Prozent des Gesamtumsatzes macht der Möbelhändler in Deutschland inzwischen mit Lebensmitteln: 122,1 Millionen Euro im Jahr 2004, 22 Prozent mehr als im letzten Jahr – damit ist der Food-Bereich das Segment mit dem größten Wachstum.

Rund 2000 Gäste kommen jeden Tag ins Tempelhofer Restaurant, so viel wie auf einer mittleren Autobahn-Raststätte. Aber sonst ist alles anders. Das Essen auf dem Teller sieht tatsächlich so aus wie auf den Fotos über der Theke, eine Shrimp-Schale kostet nur 3,90 Euro, Apfelstrudel mit Vanillesauce 2,50 Euro. Der gedünstete Lachs würde jeden Feinschmeckertest bestehen und die Mandel- und Schokotorte wären eine Sensation, wenn sie bei Deml in Wien angeboten würden. Dazu gibt es acht Teesorten und kostenlose Refills für Softdrinks, Kaffee, Tee und Schokolade. „Hier können Familien Kaffee kochen!“ stand mal auf Schildern in Berliner Ausflugslokalen. „Hier können Familien besser als zu Hause essen!“ könnte es heute bei Ikea heißen. Am Sonntag hat das Restaurant übrigens von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Ein Glück für Mutti, ein Segen für Vati und die Kinder. Henryk M. Broder

* * *

Ikea – das bedeutet kurzfristige, nicht sehr nachhaltige Befriedigung. Der Hot Dog ist die Fleisch gewordene Essenz der Ikea-Philosophie. Gleich hinter den Kassen und neben dem Schweden-Shop befindet sich dieser Bereich, in dem man die Hot Dogs ironischerweise selbst zusammenbauen muss. Das heißt, Würstchen und Brot bekommt man für einen Euro als Paket an der Bar, Röstzwiebeln, süß-saure Gurken, Ketchup, Senf und diese dritte, undefinierbare Sauce kann man sich aus Boxen auf den bleich-braunen Rohling pressen. Meistens tun das viele Leute gleichzeitig: Greise (man muss nicht kauen), Kinder (man muss nicht kauen), Studenten (Preis), mittelalte Paare (Frust). Und ja, ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Manche verschlingen nicht nur einen Hot Dog. Sie sind aber auch köstlich. Wirklich! Esther Kogelboom

* * *

Das Ikea-Restaurant in Spandau zum Beispiel erinnert rein äußerlich stark an eine Kantine. Ich meine das nicht abwertend. Zwar reden die meisten Menschen gerne schlecht über Mensen und Kantinen, aber mehr aus folkloristischen Gründen, so, wie man immer über das Wetter schimpft. In Wirklichkeit sind Kantinen nicht immer schlecht, so, wie auch das Wetter nicht immer schlecht ist. Trotzdem, in der Freizeit möchte man hin und wieder etwas anderes sehen. Man möchte das Essen nicht auf stapelbaren Tabletts umhertragen. Man möchte nicht das schmutzige Besteck anschauen, bis man endlich aufsteht. Man möchte nicht auf dem Tablettwagen die Essensreste der anderen betrachten. Nein, nein, nein. Schön soll es sein, mit richtigen schönen Tischen und schönen Fenstern und schönem Bedienungspersonal. Ich gehe da nicht hin, ins Ikea-Restaurant. Da esse ich im Notfall lieber was am Crêpe-Stand, draußen am Eingang, wo Luft und Sonne sind und der Wind dir das Haar krault. Der Erfolg der Ikea-Restaurants ist ein Rätsel, aber den Erfolg von Yvonne Catterfeld verstehe ich ja auch nicht. Harald Martenstein

* * *

Vor einem Jahr sind wir in eine neue Wohnung gezogen, und deshalb mussten wir einige Male zu Ikea fahren. Nicht immer, um etwas einzukaufen, auch um Ideen zu sammeln. Denn zu viel Ikea in der Wohnung ist nicht schön. Das ist wie mit den Kleidern von H&M.

Jedesmal, wenn wir zu Ikea fuhren, ertappte ich mich dabei, dass ich im Schwedenshop, gleich neben dem Ausgang, Sachen in den Einkaufskorb packte. Schwedenshop – das klingt nach einem kleinen Lädchen, dabei ist das ein richtiger Supermarkt, in dem man den gesamten Familieneinkauf erledigen kann. Es sei denn, man legt Wert auf Frisches wie Obst und Gemüse.

Als ich jüngst im Schwedenshop war, kaufte ich: Pfefferkuchen, Rentierschinken, Elchwurst, Preiselbeeren, Biomarmelade, Holunderblütensirup und tiefgefrorenen Blaubeerkuchen. Der liegt heute noch im Gefrierfach, weil ich eigentlich nie aufgetauten Kuchen esse. Aber bei Ikea denkt man, alles müsste gesund sein, man denkt an Wälder, klare Flüsse und glückliche Kinder.

Das ist natürlich alles Unfug, und so war ich froh, als ich im Schwedenshop Absolut-Wodka entdeckte. Ein ehrliches Getränk, mit einem ehrlichen Namen, der keinen Widerspruch duldet. Man versteht sofort: Wenn du diese Flasche trinkst, bist du absolut besoffen. Und auch wenn man nur ein paar Schluck trinkt: Wer möchte nicht, dass im Leben alles irgendwie absolut ist?

Und weil zwischen den ganzen Waldbeeren, den babysicheren Schränken, dem Holz, das nicht aus dem Regenwald kommt und den Teppichen, die nicht von Kindern gewebt sind, auch etwas steht, das ein bisschen Gefahr und Abenteuer verspricht, schließe ich jetzt jeden Ikea-Einkauf mit dem Erwerb einer Flasche Wodka ab. Annabel Wahba

* * *

Ich kaufe nicht mehr bei Ikea, seit Jahren nicht. Ich fahre nur noch unter der Bedingung hin, dass ich die Ausstellungshallen nicht mehr betreten muss, sondern die ganze Zeit im Restaurant sitzen darf. Ich weiß, dass das gegen die Regeln ist, dass man, wenn man es Ernst meint mit Ikea, die ganze Einkaufstortur über sich ergehen lassen muss, dass man kurz vor einem Kreislaufkollaps, bepackt mit Dingen, die man noch nie haben wollte, und umringt von Leuten, die den dritten Ehekrach schon hinter sich haben, in einer Schlange stehen muss, um dann, wenn man wirklich genug gebüßt hat, im Restaurant endlich einen kleinen Hot Dog essen zu dürfen oder ein Lachsbrötchen.

Aber ich mache da nicht mehr mit. Ich gehe sofort ins Lokal und esse Köttbullar mit Preiselbeersauce. Das ist bei Ikea zwar ein Kinderessen, aber es ist mehr als ein Snack und das beliebteste Essen hier und rechtfertigt aus meiner Sicht die lange Anfahrt. Außerdem schmecken Köttbullar so wie die Königsberger Klopse in den Erzählungen meiner Großeltern: nach unprätentiöser Hausmannskost, nicht nach Kantine. Anschließend kaufe ich natürlich noch eine riesige Portion Graved Lachs, mehrere Kilopakete Haferkekse und Marabou-Schokolade, so viel ich tragen kann. Wenn ich fertig bin, hat mein Freund in der Zwischenzeit im richtigen Ikea einen Beutel Teelichter erstanden, weil er nicht mit leeren Händen rausgehen wollte.

Ikea macht uns nicht mehr glücklich. Es gibt dort nur Sachen, die wir schon haben oder solche, die wir noch nie haben wollten, weshalb uns bei Ikea immer öfter dieses blöde Gefühl beschleicht, dass wir uns das, was wir eigentlich haben wollen, immer noch nicht leisten können. Im Restaurant merkt man die eigene Armut nicht so sehr: Hier, wo es extrem gutes Essen für extrem wenig Geld gibt, kann man sich einreden, dass wahrer Luxus vergänglich sein muss. Für den Köttbullar spricht, dass er im Gegensatz zum Billy-Regal Luxus sein kann. Stefanie Flamm

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben