Zeitung Heute : Schweigen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Zum Zahnarzt gehe ich viel lieber als zum Friseur. Nein, das stimmt so nicht. Zum Friseur gehe ich noch weniger gern als zum Zahnarzt.

Mein Zahnarzt sagt, was zu tun ist, und tut es. Ich muss mich gar nicht einbringen. Während der Behandlung sagt er Sachen wie: „Jetzt wird’s ein bisschen ziepen, aber das ist schnell vorbei.“ Er erwartet keine Antwort.

Mein Zahnarzt trägt ein weißes Polo-Shirt, das seinen Bauch vollständig bedeckt, er sagt nach der Behandlung (wie zu jedem anderen Patienten auch): „Tolles Arbeiten mit ihnen“, er erwartet kein Trinkgeld.

Ich gehe immer in denselben Frisiersalon, doch dort bedienen mich immer andere Friseurinnen. Sie haben eine große Mitarbeiterfluktuation dort. Als Kunde habe ich keine Wahl. Es ist der meiner Wohnung nächste Frisiersalon, Haareschneiden kostet dort nicht viel, man kommt immer sofort dran, und, das ist das wichtigste, sie haben meine Daten.

Es gibt dort kleine Kärtchen, da kann der Kunde beim ersten Besuch seinen Namen draufschreiben, und die Friseurin schreibt dazu, wie der Kunde seine Haare gern hätte. Das ist extrem hilfreich, denn nichts kann ich mir schlechter merken, als Haarmillimetermaße. Der Beginn meiner Frisiersitzungen ähnelt also denen beim Zahnarzt: Statt die Krankenkassenkarte hinzugeben muss ich nur den Namen sagen, und alles scheint klar.

Ist es aber nicht. Denn die Friseurinnen, die mit ihrem standardmäßig freigelegten Bauchnabel um mich herumtänzeln, gehen davon aus, dass zum Frisierservice auch das Gespräch gehöre. Sie sagen: „Na, bisschen lange nicht mehr hier gewesen, was?“ „Radkästen wieder frei, wie immer, ja? Ist das Beste beim Mann, sag’ ich immer. Hat mein Opa auch so getragen. Und der hatte Segelohren! Mannomann!“ „Wollen wir heute mal nur die eine Seite schneiden und die andere lassen? Hihi.“

Was soll man da erwidern? Ich betrachte im Spiegel das Bauchnabelpiercing und schweige. Und ich freue mich auf meinen nächsten Zahnarzttermin.

Wenn Sie einen schweigsamen Friseur haben, freuen Sie sich. Meine schwatzhaften Friseurinnen empfehle ich nicht. Nur die Sache mit den Kundenkarten! Die können Sie ihrem Friseur mal vorschlagen. Dann ist total Ruhe.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben