Zeitung Heute : Schweinemenschen: Im Kern ein Mensch

Ralph Obermauer

Auch Wissenschaftler, über die sich die halbe Welt empört, wollen manchmal einfach nur feiern. Ein Zwitterwesen zwischen Mensch und Schwein, so warnte Greenpeace vor wenigen Wochen, wolle die Firma Biotransplant in Boston züchten, beim Europäischen Patentamt sei ein Antrag eingegangen. Wer sich unter dem Eindruck solcher Warnungen in der kühlen Herbstsonne von Neu-England zu dem Unternehmen ins ehemalige Hafengelände aufmacht, hat Bilder von Wissenschaftlern aus Frankenstein-Filmen im Kopf. Aber die Wirklichkeit will dann nicht zu den Schreckenvisionen passen. Die Firma residiert in einem alten Lagerhaus, dessen hölzerne Fassade unter Denkmalschutz steht.

In der Lobby stellt sich eine der Empfangsdamen dem Besucher sympathisch salopp als "Rosalinde" vor. Sie organisiert gerade ein Betriebsfest für die 70 Mitarbeiter von Biotransplant. Am Donnerstag will man sich amüsieren - das entspannt das Betriebsklima. An der Wand hängen Fotos von zufriedenen Kunden: Menschen lächeln in die Kamera, deren Leben durch Krankheiten bedroht war, die durch eine Organtransplantation gerettet wurden. Der Kampf gegen die Abstoßungsreaktion nach solchen Operationen und die Zucht tierischer Organe für kranke Menschen gehören zu den wichtigsten Arbeitsgebieten von Biotransplant.

Firmenchef Elliot Lebowitz wirkt schon auf den ersten Blick wie ein Naturwissenschaftler, obwohl er nicht einmal einen weißen Laborkittel trägt. Fast kahlköpfig ist er, professoral, manchmal scheint er fast abwesend. Wird der Biotech-Unternehmer auf die Frankenstein-Szenarien angesprochen, zuckt er lächelnd mit den Achseln, ein Missverständnis sei das. Ein wenig Ärger ist in seinen Gesichtszügen zu lesen.

Mit leiser Stimme erzählt Elliot Lebowitz, wie ihn Anfang Oktober der Aufschrei aus dem fernen Europa erreichte - ein Mitarbeiter von Greenpeace rief damals bei ihm an. Den Protest der Umweltschützer nennt er teilweise berechtigt. Die Schlagzeilen über das Patent auf ein Mischwesen aus Mensch und Schwein, das er angeblich züchtet, können Biotransplant nicht egal sein. Eine Klarstellung ist dem Firmenchef deshalb wichtig: Das in seinen Labors gezüchtete Wesen sei doch nur 32 Zellen groß geworden. Und bei dem Patent, das den Protest auslöste, sei es nicht um die Erfindung eines Schweinemenschen gegangen. "Damit wollen wir nichts zu tun haben", versichert er.

Und dann erzählt der Biochemiker eine Geschichte, die beweisen soll, wie verantwortungsbewusst und ethisch sensibel er sich verhalte: Vor sechs Jahren stoppten er und andere Experten einen englischen Versuch, einem Menschen ein Schweineherz zu transplantieren. "Das war unverantwortlich", sagt er knapp, versichert aber gleich, die meisten in der Branche gingen sehr vorsichtig vor. Lebowitz legt eben großen Wert darauf, nicht als "Bio-Hasardeur" zu erscheinen, nicht als ein Wissenschaftler, der aus Geltungssucht oder Gewinnstreben fahrlässig mit dem Leben von Menschen umgeht oder sich über ethische Prinzipien hinwegsetzt. Man gehe mit äußerster Vorsicht vor und arbeite im ständigen Austausch mit Universitäten und Regulierungsbehörden.

Lebowitz und seine Kollegen entdeckten unter anderem ein im Schwein genetisch angelegtes Virus, das regelmäßig menschliche Zellen infiziert. Die Gefahr ist überwunden. Denn Biotransplant hat eine eigene Rasse von Minischweinen gezüchtet, deren Zellen die menschlichen offenbar nicht anstecken. Die kleineren Organe entsprechen auch eher menschlichen Maßen. Das ist ein Erfolg traditioneller Züchtungsmethoden. Doch um dem menschlichen Immunsystem die Schweine-Organe erträglich zu machen, bedarf es auch genetischer Manipulationen.

Biotransplant versucht, gezielt ausgewählte menschliche DNS-Fragmente in den Kern der Eizelle eines Schweines zu übertragen. Der Schritt könnte den Wissenschaftlern helfen, Zellkulturen anzulegen und Organ-Gewebe oder ganze Schweine zu züchten. In beiden Fällen hätte das Schweinegewebe dann Eigenschaften, die bei einer Transplantation dem menschlichen Immunsystem suggerieren, es handle sich um nicht-fremdes Gewebe.

"Alles noch Science Fiction", sagt Elliot Lebowitz. Das Chefbüro ist klein, karg und schmucklos bis auf vier kleine Gemälde, die über seinem Schreibtisch hängen. "Schauen Sie, hier sind vier fundamentale Freiheiten dargestellt", erläutert der Genetiker langsam und sorgfältig: "Freiheit von Hunger, Freiheit von Krankheit, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit." Mit seiner Technologie glaubt Lebowitz einen Beitrag zu den ersten beiden Werten zu liefern, und gegen die ethischen Kritiker der Gentechnik führt er die letzten beiden ins Feld. Lebowitz glaubt, dass die Mehrheit der amerikanischen Gesellschaft ihm in dieser Einschätzung folgt.

Bei dem Skandal-Patent, das Biotransplant gemeinsam mit Stem Cell Sciences aus Australien zuerst in den USA und dann im Mai beim Europäischen Patentamt beantragte, ging es eigentlich nur um das Verfahren des Zellkerntransfers. Dabei wird der Kern einer Zelle entfernt und durch den einer anderen Zelle mit anderen genetischen Programminformationen ersetzt. Obwohl das prinzipiell auch zur Züchtung von lebenden Exemplaren genutzt werden kann, gehe es beiden Firmen mit der Technik darum, geklonte Zellreihen mit bestimmten Eigenschaften zu bilden. Es sei diese biotechnische Neuerung, die man sich habe schützen lassen wollen. Dann gibt sich der Wissenschaftler reuig: "Wir hätten eine menschliche Eizelle verwenden sollen, das hätte für unsere Patentzwecke gereicht." Schweinezellen habe Biotransplant allein deshalb verwendet, weil die einfacher zu bekommen seien.

Bei den Versuchen in den Labors im Hafengelände wuchs jedenfalls ein Schweineembryo mit menschlicher DNS heran - 32 Zellen groß. Mit dem bloßen Auge konnte man dieses Wesen nicht erkennen, und im Labor regte sich auch niemand über diesen Versuch auf, wie sich Lebowitz erinnert. Bei den Konkurrenten von der Firma Advanced Cell Technology (ACT) war vor zwei Jahren schon ein menschlicher Zellkern in einer entkernten Rinder-Eizelle herangewachsen, eine seltsame Mischung. Viel älter als das Bostoner Embryo wurde dieses Wesen allerdings auch nicht.

Je länger man Lebowitz zuhört, um so mehr erscheint es, als sei Biotransplant bei der Formulierung des Patentantrags, bei der es doch um ein Millionengeschäft geht, lediglich etwas unachtsam gewesen: "Dummerweise war das viel zu allgemein geschrieben. Es konnte der Eindruck entstehen, es gehe uns ums reproduktive Klonen, also um das Züchten von Lebewesen, die wir dann besitzen würden, und um die Erfindung eines Mensch-Tier-Hybriden." Der Eindruck entstand tatsächlich. Nachdem Greenpeace gegen das Patent protestiert hatte, schrieben Zeitungen über Chimären und Mischwesen. Vom Durchbruch der "unfassbar dünnen Membran, die uns von unseren Mitwesen trennt", sprach ein Kommentator.

Der Mann, den manche für Frankenstein halten, winkt ab: Er halte doch die Züchtung von Schweinemenschen für unzivilisiert - nicht anders als seine Kritiker von Greenpeace. "Werbooten!", formuliert der Genetiker in brüchigem Deutsch. Beim "reproduktiven" Klonen, also der Züchtung von Lebewesen, gehe es nur um Tiere. Aber die Umarmungsstrategie, mit der Lebowitz die Kritiker einbinden will, verfängt nicht ganz: Greenpeace kritisiert nicht nur die Eigentumsansprüche auf veränderte Embryonen. Für die Umweltschützer sind auch die Patente auf genetische Techniken der Gewebezüchtung und Zelltherapie sowie auf die daraus entstehenden Resultate "Patente auf Leben". Aber für Biotransplant ist genau das die Geschäftsgrundlage.

Auf die Frage nach der Kritik an solchen Patentierungen antwortet Lebowitz mit einem langen Monolog über das Scheitern des Kommunismus. Wer solle denn das Risiko solch teurer Forschung auf sich nehmen, wenn es keine Belohnung gebe? Greenpeace dagegen sagt, gefährlich sei nicht die Entwicklung neuer Therapien, aber Leben sei keine Erfindung. Patente auf menschliche Embryonen - egal wie viele Zellen groß - verstießen gegen die Menschenwürde.

Das umstrittene Patent will das Unternehmen längst zurückgezogen haben. Einen "Sieg" möchte Eliot Lebowitz Greenpeace aber nicht zugestehen. Biotransplant und Stem Cell Sciences hätten den Patentantrag schon vor dem Protest zurückgezogen, aus ganz anderen Gründen. Sie hätten eine bessere Technik entwickelt, das Patent auf den Kerntransfer wurde nicht mehr benötigt.

Wird es in naher Zukunft also doch keine Schweinemenschen geben? Wohl kaum, sagt ihr angeblich unfreiwilliger Erfinder, eher schon vielleicht etwas menschlichere Schweine. Dass Tiere dem Menschen als Protein- oder Organlieferanten dienen, damit hat Lebowitz ethisch keine Probleme. Schließlich gebe es in den USA eine Warteliste von mehr als 70 000 Patienten für Organtransplantationen. Und warum sollten Tiere nicht als Spender gezüchtet werden, wenn die Menschen sie als Nahrung züchteten? Zum Abschied versucht der Wissenschaftler noch einmal einen Scherz: "Verwechseln Sie bitte nicht mein Foto mit dem von dem Minischwein", sagt er tatsächlich.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar