Zeitung Heute : Schweizer Freiheit

Sie strahlt, sie lässt ihre Gesprächspartner kaum ausreden. Angela Merkel eröffnet diesmal das Weltwirtschaftsforum von Davos und zeigt: In den Bergen ist sie ganz in ihrem Element

Moritz Döbler[Davos]

Der Schnee ist gut. Doch das kümmert Angela Merkel wenig. Viele der 2000 Manager und Politiker aus allen Kontinenten, die zum Weltwirtschaftsforum nach Davos gekommen sind, wollen wenigstens eine Abfahrt machen. Unbedingt. Merkel nicht. Wenn überhaupt, dann sowieso eher Langlauf. Aber das lässt sie aus, ebenso wie Polomatch und Schlittenhunderennen, Hummer und Champagner.

Nur ein paar Stunden hat die Bundeskanzlerin diesmal in Davos investiert, weniger als voriges Jahr, als sie noch Oppositionsführerin war, weniger auch als damals ihr Vorgänger Gerhard Schröder. Noch vor Morgengrauen geht es per Hubschrauber und Flugzeug nach Berlin zurück.

Dennoch ist sie in Davos ganz in ihrem Element. Vor zwölf Jahren, als junge Ministerin im Kabinett von Helmut Kohl, war sie als einer der auserwählten „Young Global Leader“ nach Davos gekommen – als erklärte Hoffnungsträgerin, als Mitglied eines elitären Klubs, der leichten Zugang zu den Telefonnummern der mächtigsten Menschen der Welt bekommt. Einige Male war sie seitdem da, und jetzt auf dem Podium lässt sie erkennen, wie sehr sie Gefallen an der Stippvisite in den Graubündener Alpen findet. Endlich frei diskutieren!

Drei Weltwirtschaftsführer sind ihre Sparring-Partner, und sie stellen harten Fragen. Michael Dell, der das Computerimperium aufgebaut hat, das seinen Namen trägt, fragt, ob Deutschland wirklich China und Indien gewachsen sein wird. Peter Brabeck-Letmathe, der den Nahrungsmittelgiganten Nestlé leitet, bezweifelt, ob die vielen kleinen Schritte, die Merkel Deutschland verordnet hat, wirklich ans Ziel führen. Henry McKinnell, der den Pharmagiganten Pfizer führt, meint, dass die Deutschen viel zu früh in Rente gehen.

Freundlich im Ton sind sie, skeptisch in der Sache. Das kommt Merkel gerade recht; sie strahlt, lässt ihre Gesprächspartner kaum ausreden. Die Kopfhörer, mit denen sie die deutsche Übersetzung hören könnte, lässt sie im Schoß liegen, damit es schneller geht. Manchmal tauchen in ihren Kaskaden seltsame Wörter auf, die Relativbewegung zum Beispiel, die laut Merkel gering ist, wenn man selbst zwar schnell ist, aber die anderen noch schneller. Auch persönlich wird sie. Auf die Frage, welche drei Werte oder Erfahrungen sie im Innersten antreiben, nennt sie als Erstes den Fall der Mauer, der ihr „den Glauben, immer wieder Unerwartetes zu erleben“, gegeben habe.

Aber vor der Kür kommt die erwartete Pflicht. Eine halbe Stunde muss sie auf einem gelben Sessel auf der Bühne der Kongresshalle erdulden, wie Forumsgründer Klaus Schwab sie preist, wie der Schweizer Präsident Moritz Leuenberger die Entstehung bürgerlicher Werte und ihre Verwandtschaft zu anarchistischen Ideen beschreibt. „Ohne Kreativität kriegt Zukunft keinen Kredit. Doch der Kredit wird erst eingelöst durch die Kraft der Tat“, schließt der Präsident.

Dann die genau getimte Rede. „Ich weiß, dass dies eine große Ehre für Deutschland ist“, sagt Merkel und misst die halbe Stunde mit ihrer Armbanduhr ab, die sie vor sich aufs Podium legt. Vorab hatte es in Berlin auf die Frage nach dem Inhalt der Rede geheißen, wer es genau wissen wolle, solle einen Blick in ihre Regierungserklärung werfen. So kommt es auch – von Kreativität, Freiheit und Zukunft ist die Rede, von Innovation, Bürokratieabbau und Globalisierung, von Immanuel Kant und Ludwig Erhard.

„Das ist ein Ton, der höchste Zeit wird in Deutschland“, meint der Pfizer-Chef, und das Publikum sieht es ähnlich. Es wird applaudiert und auch mal gelacht, und beim Rausgehen sind alle irgendwie fröhlich. Der Chef des Energiekonzerns EnBW, Utz Claassen, ein massiger Mann in feinstem Tuch, der seine Worte bedächtig wählt, ist auf seine Art begeistert. „Das war gut, weil es erkennbar Substanz hat.“

Luc Tayart de Borms, Chef einer belgischen Stiftung, gibt etwas schlechtere Noten. „Das war nicht sensationell oder neu. Aber dass jemand die europäische Fahne in dieser angelsächsischen Veranstaltung hochhält, ist gut und richtig.“ In der Tat sind Tony Blair und Jacques Chirac, die vor einem Jahr in Davos unter großem Medienecho Milliarden und Abermilliarden für Afrika einforderten, diesmal gar nicht dabei.

Und die Trennung der Welt in Davos-Menschen und Seattle-Menschen, also in globale Manager und globale Aktivisten lässt sich wieder messerscharf ziehen. Im „Live-8“-Jahr war es anders, hätte es anders werden können. Für einen Sommer schien es, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich vielleicht doch verringern lässt, wenigstens ein bisschen, wenn es die Welt gemeinsam anpackt.

Beim Thema dieses Jahres ist das anders, bei der Energie gibt es nur Verkäufer und Käufer und eine ewige Kluft. Merkel gehen da die Worte aus. „Wir haben an dieser Stelle keine abschließende strategische Antwort.“ George W. Bush hat sie gesagt, dass sie das US-Gefängnis von Guantánamo nicht akzeptieren kann. Wladimir Putin, dass die Menschenrechte auch in Tschetschenien gelten. Jacques Chirac, dass sie nichts von seiner neuen Atomdoktrin hält. Aber der eigenen Regierung wagt sie nicht zu sagen, dass sie die Atomkraft für unverzichtbar hält.

Wie frisch die Ehre ist, von der Merkel gesprochen hat, zeigt ein Blick in das erst vor wenigen Tagen verschickte vorläufige Programm. Statt ihres Namens steht nur „Public Figure“ hinter dem Termin für die Eröffnungsrede. Die öffentliche Figur hat sie nun abgegeben. Dass sie sich in Davos auch mit Bono fotografieren lässt, wie es ihr Vorgänger zuletzt beim G8-Gipfel auf Schloss Gleneagles tat, ist dabei fast schon eine nostalgische Geste.

Und doch zeigt auch Merkel einen Hauch von „Live 8“. Auf jene Frage nach den drei Werten nennt sie nach dem Mauerfall als Zweites das C im Namen ihrer Partei. „Das C gilt für jeden Menschen auf der Welt.“ Dann stockt sie, mehr fällt ihr dazu nicht ein, doch dann meint sie lachend: „Lieber zwei aus Überzeugung als ein Drittes erfunden.“

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