Zeitung Heute : Schwellen überschreiten

BERLINER ENSEMBLECorinna Kirchhoff tastet sich in „Blaue Spiegel“ durch einen Märchenwald der Ängste

SANDRA LUZINAD

Man kennnt Corinna Kirchhoff als feinnervige Schauspielerin, die ihren Figuren eine schöne Durchlässigkeit verleiht. Umso konsternierter ist man, wenn die Künstlerin kategorisch erklärt: „Psychologie hat auf dem Theater nichts verloren. Das ist ein Feind!“ Was sie derart aufbringt, erklärt sie sogleich, sei die Psychologie als „geschlossenes System, als Kausalität“. Mit voreiligen Erklärungen darf man ihr nicht kommen. Wenn Kirchhoff sich Zugang bahnt zu einer Figur, ähnelt das einer Tiefenbohrung, dann tastet sie sich in seelische Bezirke vor, die sich dem rationalen Erfassen entziehen – das legen ihre Ausführungen nahe, die bei aller Präzision ebenfalls etwas Tastendes haben.

Wenn sie nun unter der Regie von Andrea Breth die Sybel in Albert Ostermaiers Stück „Blaue Spiegel“ spielt, wagt sie sich furchtlos in unbekanntes Gebiet vor. Wo hier der Feind lauert, ist aber nicht klar. Jack, Ehemann von Sybel und ihr Gegenspieler, scheint Züge des frauenvernichtenden Blaubart zu tragen – zumindest in deren Vorstellung. Ein Psychoschocker?

„Quatsch!“, ruft Kirchhoff aus. Sie und die anderen vier Schauspieler hätten sich weit von der ersten Vorlage entfernt, die Motive aus Märchen und Mythen würden nun ganz anders verbunden. Die endgültige Textfassung entsteht erst während des gemeinsamen Arbeitsprozesses, in den alle Mitwirkenden gleichermaßen einbezogen sind. Doch es deutet sich schon an, dass „Blaue Spiegel“ vor allem eine Versuchsanordnung über Wahrnehmung, ihre Gleichzeitigkeit und Vielgestaltigkeit, ist. „Die Realität dieses Stücks, das wir dabei sind zu weben, besteht darin, dass die Realitäten ständig kippen. Wie es in der Realität ja auch ist, nur dass das hier sichtbar wird“, erklärt sie. „Es geht um die Realität eines Mikrokosmos: Fünf Menschen, die wie in einem Traumbann miteinander verknüpft sind.“

Corinna Kirchhoff und Andrea Breth: Die Schauspielerin und die Regisseurin sind das, was man eine glückliche Konstellation nennt – und das schon seit mehr als 15 Jahren. Sie kennen sich schon aus der legendären Schaubühnen-Ära unter Peter Stein. „Peter Stein war sehr wichtig für mich“, bekräftigt Kirchhoff. Aber mit Breth habe sie damals als sehr junge Schauspielerin einen Perspektivwechsel vorgenommen. „Da war plötzlich jemand, der an meiner Seite statt vor mir steht und mit mir zusammen in ein Werk und in die Welt schaut.“ 1999 ging sie wie Andrea Breth ans Wiener Burgtheater, wo beiden grandiose Inszenierungen wie „Maria Stuart“ oder Edward Albees „Die Ziege oder wer ist Sylvia“ glückten. „Ich habe lange in kontinuierlichen Arbeitszusammenhängen gespielt; aber das immer wieder zu brechen, ist ganz wichtig für mich“, betont sie. In Zürich hat sie deshalb die Zusammenarbeit mit Matthias Hartmann und Jürgen Gosch begonnen, zwei weitere wichtige Regisseure für sie.

Gosch („Gott des Gemetzels“) und Breth ist es zu verdanken, dass Kirchhoff wieder in Berlin auf der Bühne steht. Breth könne sehr tiefe Schächte graben dorthin, wo Menschen hinreichen, schwärmt Kirchhoff. Sie selbst beschreibt diesen Prozess als „Schwellenübertritt“. Das meint das Sich-Vorwagen in etwas, „was letztlich fremd wird, was aber gleichwohl spürbar bleibt dadurch, dass man eine ganze Weile fühlend oder mitvollziehend der Spur nachgeht“. Das sei ein ziemlicher Wildwuchs, der da beim endlosen Improvisieren entstünde. „Nur durch die unendlichen Umwege kann sich vielleicht so etwas wie Vielschichtigkeit herausbilden.“

Die Zusammenarbeit mit Breth empfindet sie auch deswegen als so produktiv, weil die Regisseurin in den letzten Jahren „immer mehr zulassend zuschaut“, wenn die Schauspieler ihre Fährten aufnehmen. Derart geschützt, könne sie Figuren entwickeln, die ihrer Forderung nach einem verantwortlichen Erzählen genügen. „Beschützt ist man im Theater aber nicht“, fügt sie lächelnd hinzu. „Das macht der liebe Gott.“SANDRA LUZINA

Premiere 16.5., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 28.5., 20 Uhr

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