Zeitung Heute : Schwenkende Windbeutel

Gregor Wildermann

Mit den Spielen ist es ja so eine Sache. Eine virtuelle Niederlage ist noch lange nicht so schlimm wie ein verloren gegangenes Match, draußen im Stadion. Am PC sieht die Schmach ja keiner. Ein merkwürdiger Zusammenhang, aber hat es vielleicht daran gelegen, dass im vergangenen Jahr in Deutschland weniger Konsolenspiele über den Ladentisch gegangen sind - weil es keine sportlichen Großereignisse gab. Das dürfte sich in den nächsten Monaten ändern. Mit den Olympischen Winterspielen und der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Korea reiben sich die Spiele-Entwicklerfirmen die Hände.

Und wann immer Erinnerungen an die ersten eigenen Videoerlebnisse aufkommen, wird beim Thema Sportspiele auch häufig die eigene chronische Sehnenscheidenentzündung gleich mit erwähnt. Die technische Entwicklung ist evident. Auf dem Commodore C64 gewann Anfang der Achtziger Jahre nur derjenige die "Summer & Winter Games", der möglichst schnell auf der Return-Taste seinen Skifahrer, Skispringer oder 100-Meter-Läufer nach unten oder eben nach vorne brachte.

Salt Lake City 2002 Fotostrecke:
Olympische Winterspiele 2002 - erste Impressionen Diese Zeiten sind Dank moderner und wesentlich sensiblerer Controller schon längst vorbei, aber das Genre der Sportspiele wird natürlich immer noch gerne von den Entwicklungsabteilungen aufgegriffen. Während Simulationen der Formel 1, vom Fußball, Basketball, Baseball oder Eishockey nahezu jährlich in den allerneuesten Version erscheinen, sind Videospiele zu Olympischen Ereignissen immer noch etwas ganz Besonderes.

Das offizielle Spiel der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City wurde zu Jahresbeginn von der Firma Eidos für PC und Sonys PlayStation2 herausgebracht. Es steht schon seit gut sechs Wochen in den Verkaufsregalen. Während sich die insgesamt 3500 teilnehmenden Athleten in diesen Tagen auf ihre ganz realistischen Wettkämpfe vorbereiten, verspricht das Cover dem digitale Sportler für seine gut beheizte Wohnung etwas olympische Winterluft.

Fun-Potenzial

Dabei setzte Eidos, zusammen mit dem Entwickler ATD, vor allem auf eine Auswahl derjenigen Disziplinen, die für eine eher jugendliche Zielgruppe auch genügend Fun-Potenzial mit sich bringen. Das sind Abfahrtslauf, Snowboard, Riesenslalom, Freestyle-Skiing, das momentan mehr als beliebte Skispringen (noch ohne Sven Hannawald) und Bob. Im Unterschied zu den bisher erwähnten Versionen erscheint die offizielle Umsetzung für Nintendos Handheld GameboyAdvance bei der Firma UbiSoft. Dort wird nahezu das gleiche Programm allerdings in reduzierter Grafikleistung angeboten. Lediglich die Disziplin Curling erweitert noch die Meisterschaften.

Das erste Fazit nach den Testläufen mit dem PC und der PS2 fällt widersprüchlich aus. Nach Auswahl des bevorzugten Modus (Olympia, Turnier, Klassisch, Training) darf ein Olympionike angewählt werden, allerdings investieren die Entwickler bei den Sportcharakteren nicht sehr viel Zeit, da jede Figur in viel zu glatten Skianzügen steckt, die keinerlei Details offenbaren. Und bei den Gesichtern herrscht die übliche digitale Leblosigkeit.

Selbst euphorische Gesten bei den Gewinnern lassen viel eher auf Comicfiguren als auf wirkliche Menschen schließen, die sich über einen Sieg freuen. Da ist man von Lara Croft, Rennfahrern oder ähnlicheren Konsolen-Figuren mehr Authentizität gewohnt. Dafür sieht man dann dank der kalten Temperaturen sogar den gefrierenden Atem der Sportler, was bei früheren Konsolentiteln grafisch kaum möglich gewesen wäre. Bei der Auflistung der teilnehmenden Nationen muss der Digitalsportler jedoch wieder Abstriche machen. Lediglich 16 von 84 teilnehmenden Ländern sind in der Nationenübersicht wählbar. Wie soll da Olympischer Geist aufkommen?

Positiv ist der optische Eindruck des Eidos-Titel: Mehr als gelungen ist die Einstellung der Wetterparameter, die bei Zeit, Wetter (inklusive starkem oder schwachem Schneefall) und Sicht jeweils drei Möglichkeiten zulassen und damit auch eine gewisse, spannende Spielvariation ermöglichen. Auch die diversen Landschaften und Sportarenen sind detailreich und mit mehr als guter Grafik umgesetzt worden. Als Hilfe sollen die Bobbahn im Utah Olympic Park oder die Skisprungschanze in der Snowbasin Ski Area auf Basis von Satellitendaten metergenau nachgebaut worden sein. Die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen, die (das wirkliche) Salt Lake City zurzeit in eine Festung verwandelt haben, sind natürlich nicht grafisch eingearbeitet worden.

Dafür ist der virtuelle Spieler im Stadion live dabei. Fast wie der echte Wintersportler und Olympionike in den nächsten Tagen. Vor Beginn jeder Disziplin sieht der Spieler mehrere Kameraschwenks durch und über die Arenen, was im Gesamteindruck schon fast Fernseh-Qualität erreicht. Auch sehr gut animierte Details wie das drehende Messrad oder ein schwenkender Windbeutel verstärken die äußerst realistische Simulation.

Der größte Nachteil von "Salt Lake 2002" ist mit Sicherheit die fehlende Erklärung der Steuermöglichkeiten von Sportler und Gefährt. Selbst das genaue Durchlesen des Handbuches bewahrt den Spieler nicht vor frustrierend vielen Fehlversuchen und Bruchlandungen.

Auch der Trainingsmodus offenbart da keine faire Hilfe, und so wird man in den nächsten Tagen bestimmt noch einige Dutzend Trainingsstunden absolvieren. Aber wer will schon immer gewinnen.

Für die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer wird schon an der nächsten Generation von Konsolen-Spielen im Sport-Bereich gefeilt. Schließlich soll das Jahr 2002 für die Konsolen- und Software-Industrie insgesamt ein besseres werden als 2001, als der Umsatz auf "nur" 706 Millionen Euro zurückging.

Aber was sind schon Zahlen: Wichtig ist ja, dass man dabei gewesen ist.

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