Zeitung Heute : Schwere Suche nach Glück

CHRISTOPH FUNKE

"The Band" von Dehler und Schöbel im Berliner carrousel TheaterCHRISTOPH FUNKESind sie Mühselige und Beladene? In ein ordentliches Leben jedenfalls passen die sechs irgendwie musikbegeisterten "Typen" nicht hinein, die Peter Dehler und Manuel Schöbel auf die Bühne des carrousel Theaters an der Parkaue schicken.Jeder schleppt seine Geschichte mit in die "Band", die da stolpernd zusammenkommt - halb wollen sie hin, halb streben sie wieder weg.Die zwei jungen Frauen, die vier jungen Männer versuchen sich an einem Miteinander, das an den Instrumenten und Mikrophonen wie im Leben nicht so recht gelingen will.Aber, was sie umtreibt an Einsamkeit, an Haß auf Ältere, an Liebesentzug und Alkoholismus, packen sie in den einen oder anderen Song hinein - sie schaffen es sich so von der Seele, und wenn alle mitspielen, munter drauf sind, wird richtig gute Musik daraus."The Band" liefert Momentaufnahmen aus dem Leben junger Leute, die ihren Weg suchen, alles andere als artig und angepaßt.Sehr viel weiter kommen sie allerdings auch durch ihre Musik nicht - die Autoren meiden geradezu ängstlich jeden pädagogischen Hinweis.Mit einer Ausnahme: Das hemmunglose Trinken des Gitarristen Rio wird in der Figur des "Big Daddy" an seinem möglichen, wahrscheinlichen Endpunkt gezeigt: Big Daddy ist kein Held, kein großer Musiker, wie der vaterlos aufgewachsene Rio immer glaubte, sondern ein durch Alkoholismus hoffnungslos ruinierter Mann. Sonst aber ist die Verlorenheit der Sechs das große Thema, ihre Unfähigkeit, aus den Verstrickungen verkorkster Jugend herauszukommen.Das "Labern" der Erwachsenen nervt, denn die "sitzen klemmig in der Ecke, stehen nur auf, wenn einer bellt".Dehler und Schöbel lassen an dem Eifer keinen Zweifel, das Lebensgefühl gerade der Schwierigen unter den jungen Leuten zu packen, und in der Fülle der angerissenen großen und kleinen Konflikte hat das mitunter etwas Anbiederndes.Denn die Schicksale der Sechs müssen schnell auf die Bühne kommen, durch einen Erzähler gebündelt, Zeit für Erklärungen bleibt keine, es soll ja vor allem Musik gemacht werden.Die eine oder andere wacklige Liebesbeziehung hat da zu genügen, und für den Schluß gibt es ein bißchen was wirklich Trauriges. Aber die Musik, aber die Schauspieler! Regisseur Peter Dehler schickt eine Truppe auf die Bühne, die vor Musikalität geradezu birst.Die sechs Schauspieler leben mit ihren Instrumenten, sie sind spürbar süchtig nach dem Zusammenspiel, probieren voller Lust aus, was nur in Töne und in Rhythmus zu bringen ist.Beim Musikmachen auf der zweistöckigen schwarzen Bühne mit den Lichteffekten bunter Neonröhren (Peter Dehlert / Eddi Dahmer) befinden sie sich in ständiger emotionaler Hochspannung.Thomas Schmidt hält seine Kompositionen in einer klugen Balance - die Songs haben Schmiß und Kraft, und man versteht sie.Neben dem Protest bricht da auch mal Leidenschaft durch, rauher Stolz, wie im Song "Berlin".Unter den Darstellern besticht Arnim Beutel als Rio durch eine nervöse, fast fiebrige Getriebenheit, eine Mischung von Trotz und Verletzlichkeit.Marko Bräutigam als Checker setzt sehr überzeugend etwas schwerblütig Bedachtsames dagegen: energiegeladene Ruhe.Alle in der "Band" haben das Rauhe, das Störrische, das äußerlich Kühle, scheinbar Abgebrühte junger Leute, die ihre Unfertigkeit verbergen wollen.Das Ensemble legt bei der Uraufführung eine musikalische Leistung hin, die staunenswert ist.Wieder am 18.November, 18 Uhr, und am 19.November, 10 Uhr.

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