Zeitung Heute : Schweres Gold

Hartmut Scherzer[Soldier Hollow]

Diese deutsche Goldmedaille, die zehnte, wiegt von allen am schwersten: Die Langläuferinnen Manuela Henkel, Viola Bauer, Claudia Künzel und Evi Sachenbacher gewannen geradezu sensationell unter der strahlenden Sonne in Soldier Hollow die 4 x 5-km-Staffel. In einem packenden Finish kämpfte die 21-jährige Evi Sachenbacher die 13 Jahre ältere Norwegerin Anita Moen nieder. Die blonde Bayerin riss schon vor der Zielinie jubelnd Arme und Stöcke in die Höhe. Die Norwegerin, eingangs der 180-Grad-Kurve vor der Zielgeraden noch vorn, hatte gegen den unwiderstehlichen Endspurt von Evi Sachenbacher, bereits Silbermedaillengewinnerin im Sprint, keine Chance und resignierte auf den letzten zehn Metern.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen "Es hat an den Zöpfchen gelegen", sagte Evi Sachenbacher lachend. Wie die siegreichen Biathletinnen hatten alle vier Langläuferinnen ihre kurzen Haare zu zwei kurzen Schwänzchen gebündelt. Den Triumph der deutschen Langläuferinnen, die erste Medaille überhaupt seit 22 Jahren - seit dem Sieg Barbara Petzolds und der DDR-Staffel in Lake Placid - konnte auch die Abwesenheit der hochfavorisierten Russinen nicht schmälern. Beim Bluttest anderthalb Stunden vor dem Start war bei der fünfmaligen Olympiasiegerin und elfmaligen Weltmeisterin Larissa Lasutina ein zu hoher Hämaglobinwert festgestellt worden. Ebenso fehlte die Ukraine am Start (siehe nebenstehenden Beitrag).

"Durch das Fehlen der Russinnen war es ein total offenes Rennen", sagte der deutsche Langlaufchef Jochen Behle. "Die Mädchen haben die einmalige Chance genutzt und sind alle taktisch hervorragend gelaufen, vor allem Evi Sachenbacher, die Druck gemacht hat, damit die Moen müde wurde." Die Deutschen gingen trotz des Skandals vor dem Start kaltblütig ins Rennen: "Das Fehlen der Russinnen hat mich überhaupt nicht berührt", sagte Manuela Henkel, die im klassischen Stil das deutsche Quartett sofort in Führung brachte und mit einem Vorsprung von 6,4 Sekunden vor den Schweizerinnen ihre Mannschaftskameradin Viola Bauer ins Rennen schickte.

"Ich hatte einen supergeilen Ski", sagte Manuela Henkel strahlend, deren Schwester Andrea schon im Biathlon olympisches Gold geholt hatte. Viola Bauer, die zweite im klassischen Stil startende Läuferin der deutschen Staffel, übergab als Zweite hinter der Norwegerin Bente Skari an Claudia Künzel, die Skating-Läuferin. 2,7 Sekunden betrug nun der Rückstand. "Ich bin noch nie als Erste in die zweite Runde gegangen. Da wachsen einem Flügel", beschrieb Viola Bauer ihren starken Lauf. Sie hatte sich von der Norwegerin nicht abschütteln lassen.

Dann der letzte Wechsel: 9,4 Sekunden hinter Anita Moen stürmte Evi Sachenbacher im freien Stil der Norwegerin hinterher und holte sie ein. "Auf den letzten zwei Kilometern habe ich überlegt: Was mache ich? Dann habe ich mich entschieden, sie auf der Abfahrt vorbeizulassen, um sie dann auf der Zielgeraden von hinten zu packen. Gott sei Dank hat das geklappt."

Es war eine Sprinttaktik wie im Radsport. Evi Sachenbacher wie Erik Zabel. "So etwas habe ich den Mädchen niemals zugetraut", jubelte Jochen Behle. Die deutschen Damen siegten schließlich in 49:30,6 Minuten mit 1,3 Sekunden vor Norwegen und 33 Sekunden vor der Schweiz.

Außergewöhnliche Anerkennung hatten die vier Mädchen schon vor dem Start erhalten: Die ARD verzichtete auf die Übertragung der ersten Halbzeit des Uefa-Pokalspiels Borussia Dortmund gegen Lille, um das olympischen Event live zu übertragen.

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