Zeitung Heute : Schwitzen, schnaufen

RALPH GEISENHANSLLÜKE

Trinker gehen zu den Anonymen Alkoholikern.Sex-Süchtige gehen zu den ...anonymen Erotomanen? Kopulationskranken? Sexoholikern? Verleih und Übersetzer werden sich einiges einfallen lassen müssen, wenn sie "Entre las piernas" ("Zwischen deinen Beinen") in die deutschen Kinos bringen.Regisseur Manuel Gómez Pereira erzählt die Geschichte von Javier (Javier Bardem) und Miranda (Victoria Abril), die sich bei einer solchen Selbsthilfegruppe in Madrid kennenlernen.Javier hat es mit dem Telefon.Miranda holt sich anonyme Quickies im Park.Die beiden mögen sich, versuchen aber redlich, das Unausweichliche zu vermeiden, wollen sie doch von ihren lästigen und gesundheitsgefährdenden Gewohnheiten loskommen.Natürlich tropfen sie nur so vor Geilheit.

Wie überhaupt die Geschichte mit Figuren bevölkert ist, die ihre ganz privaten Obsessionen pflegen und von Zeit zu Zeit wie die Tiere übereinander herfallen: der Taxifahrer, der den Verlockungen auf der Rückbank nicht widerstehen kann, bis er sich den Virus fängt; der verlassene Ehemann, der seiner großen Liebe hinterherläuft, bis er sie schließlich erschießt.Oder auch der Liebhaber von Telefonsex-Mitschnitten, die auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden.Auf ihnen ist, wie sich herausstellt, Javiers Stimme zu hören.Mit diesen indiskreten Mitschnitten eröffnet Pereira den kriminalistischen Teil seiner Geschichte, den er virtuos in die wechselnden Tagträume und Rückblenden integriert.Denn natürlich werden Javier und all die anderen, die ach! unter ihrer Leidenschaft leiden, von dampfender Brunst getrieben und verlieren sich ständig im Wirrwarr ihrer Phantasien.

Allein das ist schon eine Wohltat! Denn im treudeutschen Beziehungskomödienschmus muß immer nur der Deckel auf den richtigen Topf - beziehungsweise der Single unter die 90-60-90-Haube.Das libidinöse Niveau eines Bausparvertrages wird dabei selten überschritten.Bei Pereira sieht man bebende, schnaufende, schwitzende, schreiende - mit einem Wort: ganze - Menschen, die von ihren Passionen auch mal an den Abgrund gezogen werden können.Eben so wie im richtigen Leben.Daß es Manuel Gómez Pereira gelingt, außer erotischem und kriminalistischem Thrill, ganz nebenbei eine kleine Typologie der Besessenheiten zu liefern, macht seinen Film so lehrreich wie erheiternd.

Heute 12 Uhr (Royal-Palast), 20 Uhr (International), 23.30 Uhr (Urania).

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