Zeitung Heute : Schwitzen und Lachen - Start in München, n-tv in Berlin gibt sich gelassen

Jenny Niederstadt

Im Münchner Studio von N 24 muss eine Affenhitze herrschen. Der Schweiss jedenfalls fließt in Strömen. Der junge Moderator ohne Namen schwitzt, Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber schwitzt - selbst Fernseh-Profi Georg Kofler glänzt im Scheinwerferlicht, als er die letzten Minuten bis zum Sendestart von N 24 überbrücken muss. Noch vier Minuten bis zur Stunde Null. Also erzählt der Pro 7-Chef einen Witz. Einen Witz über Journalisten. Und das kommt in einem Saal voller Journalisten gar nicht so gut an. Ein paar müde Lacher. Schnell lenkt Kofler seine Ehrengäste zum großen roten Knopf, mit dem sein Baby auf Sendung geschickt werden soll. Die verschwitzten Männer legen ihre feuchten Hände aufeinander - und müssen dann doch noch eine Minute in die Kamera lächeln.

"Bei der Aufregung kommt keine Maske mehr nach, da kann man pudern, wie man will", sagt Helmut Brandstätter in seinem Berliner Büro, lacht und gießt sich Kaffee ein. Brandstätter ist Chefredakteur von n-tv, dem Marktführer im Segment Nachrichten-TV. Und Brandstätter ist gelassen, angesichts der neuen Konkurrenz. "Natürlich waren wir aufgeregt, als wir hörten, dass Pro 7 einen Nachrichtenkanal plant", räumt er ein, "aber wir haben ja in unser Programm investiert: Maischberger talkt, Böhme talkt, die Magazine laufen ... Die Stimmung bei uns ist gut. Und jetzt schaun wir einfach mal, was da aus München kommt." Aus München kommt Punkt zwölf erstmal gar nichts, nach ein paar Sekunden ein Standbild mit Kanzler Schröder und dann ein Trailer. "Derart kleine Pannen sind für den Anfang noch ganz harmlos", sagt Brandstätter.

N-tv hat mittlerweile sieben Jahre Erfahrungsvorsprung, die Gewinne stimmen. "Durch die Konkurrenz werden unsere Zuwächse sicherlich schwächer", so der n-tv-Chef, "trotzdem wird unser Plus über dem Branchenschnitt liegen." Zum Vergleich: N 24 erwartet Anfangsverluste von 100 bis 120 Millionen Mark, schwarze Zahlen sind für 2004 angekündigt. Diese sind aber nur möglich, wenn N 24 seine Nachrichten innerhalb der Pro 7-Gruppe verkaufen kann. "Dann hat der Sender große Chancen", prophezeit auch Brandstätter.

Nach einer Viertelstunde N 24 on air ist klar: Optisch lehnt sich der Neuling an den Platzhirschen n-tv an. Im Vorfeld hatte N 24 angekündigt, mit mehr Farbe und mehr Unterhaltung ins Rennen zu gehen, gleichzeitig aber auch intelligent aufbereitete Nachrichten zu senden. "Das Rad haben die auch nicht neu erfunden", sagt Brandstätter nach der ersten Nachrichtensendung. Die wechselt von der CDU-Affäre zu einem Flugzeugabsturz auf den Philippinen und schaltet von Schießereien in Tschetschenien zur Golden Globe-Verleihung.

Schwerpunkt soll allerdings auch bei N 24 die Wirtschaftsberichterstattung sein. Dabei wurden viele Elemente von n-tv abgeschaut, beispielsweise die Live-Schaltungen zu den Börsen und die Kurs-Laufbändern am unteren Bildrand. "Die Münchener markieren Verluste rot und Zuwächse grün, das ist gut", kommentiert Brandstätter, "allerdings läuft deren Band viel zu schnell, das kann ja keiner lesen." Zusätzliche Börseninfos blendet N 24 so klein ein, dass es selbst auf Brandstätters großem TV-Bildschirm kaum zu lesen ist. Manko der Live-Schaltungen zu den Börsen: Hier moderieren Profis von Bloomberg-TV, einem auf Börsenberichterstattung spezialisierten Sender. Außerdem werden Bloomberg-Grafiken eingeblendet. "Viel zu detailliert für den durchschnittlichen Fernsehzuschauer", sagt Brandstätter. "Die Mischung von Pro 7 und Bloomberg in einem Sender - das geht so nicht auf."

Punkten werden die Nachrichtensender durch ihre Aktualität, zum Beispiel durch Liveschaltungen. Der Stand nach dem ersten Sendetag von N 24: Als SPD-Generalsekretär Müntefering mittags vor die Mikros tritt, um zur CDU-Spendenaffäre Stellung zu nehmen, ist n-tv live dabei, bei N 24 laufen Nachrichten. Die CDU-Pressekonferenz zum selben Thema am Nachmittag übertragen beide Nachrichtensender live. Zwei zu eins.

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