Schwulenhass in Serbien : Belgrads Coming out

Schwule und Lesben in Serbien riskieren, bedroht, beleidigt und geschlagen zu werden. Eine Kinokomödie thematisiert das nun – und hat sensationellen Erfolg damit. Ein Streifzug durch die örtliche Szene.

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Eine Szene aus "Parada".
Eine Szene aus "Parada".Verleih

Es ist fünf Uhr morgens an einem Sonntag in Belgrad und Boris Milicevic knutscht seinen Freund ab. Minutenlang. Vor dem neoklassizistischen Gebäude der serbischen Nationalversammlung. Das Paar steht so, dass die Überwachungskameras es erfassen – und die Polizisten an den Bildschirmen alles mitverfolgen können.

„Das ist mein größtes Vergnügen“, sagt Milicevic, 38 Jahre, ein stämmiger Mann mit Bauch, Bart und Brille. In der Öffentlichkeit einen anderen Mann zu küssen, das geht fast nirgends in Belgrad, ohne Beleidigungen oder gar Schläge zu kassieren. Aber an diesem superüberwachten Ort kurz vor Sonnenaufgang, mit einem Dutzend Wachleuten als Zuschauern, umarmt Boris einen Mann. Hier würde ihn niemand angreifen, da müssten ihm die Polizisten sofort zu Hilfe eilen. So verlangt es das Gesetz – und neuerdings passt die serbische Regierung auf, dass es gegenüber Homosexuellen eingehalten wird. Das Land will in die Europäische Union, das geschieht nur, wenn auch die Rechte von Minderheiten garantiert sind. So küsst der Journalist und Partyveranstalter seinen Freund – als eine Form zivilen Ungehorsams.

Boris kommt gerade aus der Diskothek „Pleasure“, einmal quer durch den Park der Pioniere den Hügel hinab. In dem schwulen Hinterhofclub treffen sich jedes Wochenende um die 300 Männer, um zu Turbo-Folk zu tanzen, einer aufgeregten Mischung aus Elektro-Beats und serbischem Schlager. Sie trinken Rakija, einen heimischen Schnaps, setzen sich in die halbrunden Separées mit den Kunstledersofas oder tanzen auf dem wackligen Podest, das manchmal einfach umfällt – und die Tänzer mit ihm. Auffallend ist, dass viele der Männer mit Frauen kommen, als Tarnung. Sie fürchten, zusammengeschlagen zu werden, wenn sie ins „Pleasure“ gehen. Obwohl draußen auf der Straße ein Streifenwagen steht, um bei Übergriffen im oder vor dem Club sofort einzugreifen.

Aber wer hilft den Schwulen, wenn die Täter ihnen vor dem Lokal auflauern und nach Hause folgen? Boris Milicevic kennt solche Geschichten. Es ist Sonntag, brütend heiß, der Journalist und Partyveranstalter trägt ein ärmelloses T-Shirt und kurze Hosen. Er erzählt, wie es vor ein paar Wochen einen Freund erwischt hat. Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause wurde er von jungen Männern zusammengeschlagen und als „peder“ beschimpft, als Schwuchtel. Woher sie seine Wege kannten? Vermutlich, weil sie ihm einmal aus dem Club gefolgt sind, glaubt Boris.

Die Serben haben ein schwieriges Verhältnis zu ihren lesbischen Töchtern und schwulen Söhnen. Laut einer aktuellen Umfrage der Tageszeitung „Vecernje novosti“ halten 62 Prozent sexuelle Minderheiten für nicht schützenswert, ein Viertel der Befragten hält Homosexualität gar für eine Krankheit, 34 Prozent finden sie „schädlich“ – und 20 Prozent, so ergab eine andere Umfrage vor zwei Jahren, unterstützen Gewalt gegen Lesben und Schwule.

Kein Wunder, dass die erste offizielle Schwulenparade im Oktober 2010 in einem Chaos endete. Als rund 1000 Demonstranten durch das Zentrum Belgrads zogen, Boris Milicevic war einer von ihnen, versuchten 6000 Randalierer, sie zu stoppen, und lieferten sich eine stundenlange Straßenschlacht mit 5600 Polizisten. Busse brannten aus, Scheiben wurden eingeworfen, rund 150 Menschen verletzt und 250 verhaftet. Einen Tag zuvor hatten sogar 20 000 Serben gegen die „Parade der Schande“ demonstriert, wie Patriarch Irinej, das Oberhaupt der Serbisch-Orthodoxen Kirche, sie nannte. Ein Jahr später wurde der Aufmarsch erst gar nicht genehmigt. Innenminister Ivica Dacic erklärte, man wolle „ein nordafrikanisches Szenario“ verhindern.

Dieses Jahr soll alles anders werden. Am 6. Oktober findet die von wenigen gewollte und von vielen gehasste Parade wieder statt, eine Woche zuvor startet die sogenannte Pride Week mit Ausstellungen, Vorträgen und Konzerten. Und daran hat eine überdrehte Komödie ihren Anteil: „Parada“, ein Film über die Organisation einer CSD-Parade. Er wurde vor Weihnachten ein Kassenschlager in den Kinos. 330 000 Menschen haben ihn in Serbien bisher gesehen, das entspricht einer Zahl von knapp 4 Millionen deutschen Kinogängern – so ein Einspielergebnis erreichten im vergangenen Jahr nur vier Filme in Deutschland. „Parada“ gewann im Februar den Publikumspreis der Berlinale und läuft am Donnerstag hierzulande an.

Boris Milicevic sagt: „Ich kenne Filme, die politischer sind. Aber dieser erreicht viele Menschen. Bekannte haben mich nach dem Kinobesuch angerufen und gesagt: Ich wusste nicht, dass es so schlimm für euch ist.“ Der Regisseur, Srdjan Dragojevic, ein 49-jähriger Ex-Punk und diplomierter Psychotherapeut, sagt: „Ich bin froh, dass wir eine Diskussion angestoßen haben.“

Und natürlich, dass der Film so überraschend positiv aufgenommen wurde. Es hätte anders kommen können. Auch für Dragojevic, einen verheirateten Heterosexuellen mit vier Kindern. Als er vor zwei Jahren das Projekt ankündigte, wurde am nächsten Morgen die Windschutzscheibe seines Jeeps eingeschmissen, „obwohl mein Auto wie ein Gangsterwagen aus den 90er Jahren aussieht“, sagt der Filmemacher – und obwohl sein Haus mitten im Villenviertel Senjak liegt, wo Milosevic lebte und die Deutsche Botschaft ist.

Srdjan Dragojevic ist ein großer Mann mit einem wachsamen Blick, als stände er in Bereitschaft, sich zu verteidigen. Daran hat auch der Film schuld. Weil sein Vater das Projekt zunächst „unglücklich“ fand, die Medien ihm vorwarfen, er spiele der Schwulen-Lobby zu („Wo ist die denn, bitte schön?“) und im Internet gegen „Parada“ gehetzt wurde. Die Reaktionen bestätigten ihn nur darin, sein Vorhaben anzupacken, das ihn seit 2001beschäftigte.

Damals kam es auf dem Belgrader Platz der Republik zu einem „furchtbaren Zwischenfall“, wie er sagt. Einige wenige Schwule hatten sich auf dem Platz eingefunden, um unangemeldet für ihre Rechte zu demonstrieren, und wurden binnen Minuten von Schlägertrupps verprügelt. Boris Milicevc war als Journalist vor Ort. „Dutzende Menschen lagen auf dem Boden“, erzählt er. „Von ihren Köpfen lief Blut herunter. Eine herzkranke Freundin bekam einen Anfall, plötzlich fiel ein Schuss, niemand wusste, woher.“

Für beide Männer war es ein Schock. Der eine, Milicevic, wollte nicht mehr in der X-Bar mit Männern flirten und darauf hoffen, dass draußen keine Skinheads auf sie warteten. Milicevic erkannte, dass seine Sexualität politisch war in diesem zerrütteten Land. Und der andere, Dragojevic, fühlte sich um seine Hoffnungen betrogen. Der Künstler, der Ende der 90er Jahre vor dem Nationalismus in die USA geflohen war und bei seiner Rückkehr einsah, dass sich auch nach Milosevic der Traum einer neuen freien und toleranten Gesellschaft nicht erfüllte.

Milicevic wurde politischer Aktivist, trat als erster Schwuler in Talkshows auf und marschierte auf Demos im benachbarten Kroatien mit. Er bekam nur noch wenige journalistische Aufträge, dafür organisierte er Partys um die Eurovision-Austragung 2008 in Belgrad und freute sich, als tausende homosexuelle Fans dahin reisten und den serbischen Schwulen zeigten, dass ein normales Leben möglich war.

Die junge Generation, auf ihr ruhen die Hoffnungen. „Sie ist die erste, die den Bürgerkrieg nicht erlebt hat, sie kann ohne Kommunismus und Nationalismus aufwachsen“, sagt der Optimist Milicevic. „Die Homophobie ist bei den jüngsten am schlimmsten“, glaubt der Skeptiker Dragojevic. Er erzählt, wie vor kurzem eine Freundin seiner 22-jährigen Tochter zusammengeschlagen wurde, mitten in einem Park. Sie hatte gewagt, öffentlich die Hand ihrer Freundin zu halten.

Die Jungen, wo trifft man sie? Vielleicht im „Supermarket“, einem schicken Konzeptladen, der im Erdgeschoss eines Hochhauses aus der Tito-Ära liegt. Tagsüber verkauft der Laden heimisches Design, abends wird er zum Restaurant mit Bar. Auf der Terrasse finden sich auf 100 plappernde Gäste möglicherweise zehn Homosexuelle. Boris hatte über den Ort gesagt, er sei „nicht gay-friendly, nur gay-permissive“. Schwule dürfen sich dort aufhalten, ohne Gewalt zu fürchten.

So wie der Fotograf am Tresen der Sichtbeton-Bar, der am Gin-Tonic nippt und seinen Namen nicht in einer Zeitung lesen will. Er ist knapp 40 und erzählt von seiner Mutter, die vor einigen Jahren in seiner Wohnung etwas suchte, die Schwulenzeitschrift „Butt“ fand und einen Zettel hineinsteckte: „Wenn du mir sagst, dass du schwul bist, bringe ich dich um.“

Und dann ist da Srdjan, ein junger sportlicher Mann, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Der 27-Jährige hat hohe Wangenknochen, ein kantiges Kinn, er könnte Model sein, arbeitet aber als Stadtführer. Er kennt Städte wie Barcelona oder Berlin und findet, die „Clubszene in Belgrad ist nicht schlechter als anderswo“. Srdjan tut viel, um nicht als „schwul“ durchzugehen: als „zu feminin“, wie er sagt. Mit Freunden geht er kaum in Schwulenbars, sondern in „normale Clubs“. Die Musik gefalle ihm da besser, er mag Elektro, keinen Turbo-Folk. Wenn er einen Partner für Sex sucht, geht er ins Internet. Auf Portalen wie Gayromeo findet er immer jemanden.

Er kann sich nur an eine Situation erinnern, in der ihn das gesellschaftliche Klima gestört hat. Das war vor ein paar Jahren, als er einen Freund hatte, mit ihm durch die Stadt ging und keine Gefühle zeigen durfte. „Ich habe in sein Ohr geflüstert: Ich würde dich jetzt gerne küssen.“

Heute wissen seine Freunde über ihn Bescheid, seiner Mutter, mit der er zusammenlebt, will er nichts sagen. Er glaubt, sie sei homophob, und überhaupt: „Ich frage sie auch nicht, mit wem sie schläft.“ Und dieser junge Mann, der das neue Belgrad verkörpert, sagt plötzlich: „Ich finde, die Schwulen brauchen keine eigene Parade. Heterosexuelle haben doch auch keine.“ Dann spekuliert er, ob manche Schwule nicht selbst daran schuld seien, wenn sie verprügelt werden: „wenn sie ständig mit den Hüften wackeln“.

In solchen Sätzen verpufft die Hoffnung. Man begreift, wie tief die Homophobie sitzt – auch bei Schwulen. Boris sagt, die 90er Jahre hätten die Menschen und den Gemeinsinn zerstört. Er wird auf die Parade am 6. Oktober gehen, wie auch Srdjan Dragojevic. Um in den Köpfen etwas zu verändern. Denn viele Menschen würden den Regisseur oft verständnislos anblicken und sagen: „Wir haben doch gar keine Schwulen in Serbien.“

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