Zeitung Heute : Science-Fiction in Afrika

Henning Wagenbreths Klasse illustriert ein Buch von Stanislaw Lem für den Insel Verlag

Annett Scheffel
Abenteuer im Dschungel. Niv Tishbi aus Israel, Student in der Klasse Wagenbreth, erzählt Professor Dondas Geschichte in pink und neongrün. Illustration: Niv Tishbi
Abenteuer im Dschungel. Niv Tishbi aus Israel, Student in der Klasse Wagenbreth, erzählt Professor Dondas Geschichte in pink und...

Rudernd sitzen zwei Männer in einem hölzernen Boot. Um die schmalen Enden der Paddel kreisen hungrige Krokodile. Mit spitzen Zähnen schnappen sie nach Professor Donda und seinem Begleiter, deren Flucht sie durch den afrikanischen Dschungel von Lamblia nach Gurunduwaju führt. Die Linoldrucke von Marc Hennes zeigen die Augen der beiden Reisenden als schmale, schwarze Augenschlitze. Mund und Nase sind nur grob angedeutet. Eine feine, fleckige Maserung, die während des Druckvorgangs entsteht, formt eine unruhige Wasseroberfläche der Flussströmung.

Marc Hennes ist einer von 25 Studenten der Illustrationsklasse von Professor Henning Wagenbreth, die im Sommersemester ein Buch für die Insel Bücherei gestaltet. Die renommierte Buchreihe wird im nächsten Jahr 100-jähriges Jubiläum feiern. Jeder Student fertigt einen so genannten Dummy an, ein Buchmuster, das dem Insel Verlag dann zur Auswahl vorgelegt wird. Denn unter all den vielfältigen Illustrationskonzepten der Klasse wird nur eines 2012 veröffentlicht.

„Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die eigene Arbeit publiziert wird. Dennoch muss es für jeden einzelnen Studenten Anreiz genug sein, sich mit seinen Illustrationen einem potenziellen Arbeitgeber vorzustellen“, sagt Henning Wagenbreth, Professor für Illustration und Grafikdesign im Studiengang Visuelle Kommunikation, der das Projekt zusammen mit dem Insel Verlag entwickelt hat. Er schätzt besonders die realen Anforderungen als Praxiserfahrung: unumstößliche Deadlines, Format- und Druckvorgaben. Langsam blättert er durch das Buchmuster eines Studenten, betrachtet mit konzentriertem Blick jedes Detail der Bilder. Als erfahrener Illustrator weiß Henning Wagenbreth, dass die aufwändigsten Arbeiten nicht zwangsläufig die besten sind: „Sehr wichtig ist mir mediengerechtes Arbeiten. Meine Studenten müssen das Medium Buch verstehen. Es geht darum, mit wenigen Mitteln ein gestalterisch reiches Buch zu produzieren.“

Dass Stanislaw Lems absurd-komische Kurzgeschichte „Professor A. Donda“ dafür eine inspirierende Vorlage ist, findet auch Marc Hennes: „Die Geschichte wimmelt nur so von Bildideen. Lem erzählt sehr dicht und schnell.“ Der polnische Science-Fiction-Autor entwirft eine Welt zwischen schamanischem Aberglauben und Wissenschaft, Menschen und Computeralgorithmen. Auch Marcs Kommilitoninnen Ulrike Zöllner und Josephin Ritschel erzählen begeistert von ihren Lieblingsstellen im Buch: Betonbunker im afrikanischen Dschungel und mit Granaten spielende Gorillas tauchen dabei ebenso auf wie U-Boote in Disneyland und ein Sarg voller Kokoskonservendosen.

Dass die Geschichte um die Abenteuer des titelgebenden Professors die Studenten inspiriert, sieht man den vielen unterschiedlichen Illustrationen an: Grafische Fineliner-Zeichnungen entstehen ebenso wie farbenfrohe Schattierungen mit Buntstift oder abstrakte Schwarzweiß-Bilder.

Während Marc sich für Linolschnitt entschieden hat, zeichnet Ulrike mit Feder und Tusche. Beinahe mystisch wirken ihre Bilder; erinnern in ihrer Flächigkeit an Wandmalereien alter Hochkulturen. An Federzeichnungen mag Ulrike besonders das Zeichentempo und die grafischen Zufälligkeiten, die flüssige Tinte schafft: „Die Feder hinterlässt einen starken Strich, der durch seine variierende Breite trotzdem sehr lebendig wirkt“, erzählt sie, während ihr Zeigefinger über eine ihrer Illustrationen fährt. Josephin hingegen illustriert Lems Geschichte mit Bleistiftzeichnungen: „So erzeugt man viel mehr Stimmung. Durch Schraffierungen entstehen Licht und Schatten und verleihen den Bildern Räumlichkeit."

Neben den Illustrationen entwerfen die Studenten auch eigene Muster für den Buchumschlag, der bei der Insel Bücherei eine lange Tradition hat. Die kleinformatigen Bücher folgen auch nach einem Jahrhundert Verlagsgeschichte noch den künstlerischen Ansprüchen der Gründungszeit: qualitativ hochwertige Bücher, gute Typografie, möglichst niedrige Preise. Dass ein Projekt mit jungen Künstlern zu den Büchern mit dem charakteristischen Segelschiff-Emblem passt, bestätigt Matthias Reiner vom Insel Verlag: „Wir wollen wissen, wie junge Illustratoren an Texte herangehen.“

Ulrike, Josephin, Marc und ihre Kommilitonen arbeiten an Gesamtkunstwerken. „Die größte Herausforderung für mich ist es, dem Text gerecht zu werden – in Bezug auf Formsprache, Farbgebung und Gesamtwirkung“, erzählt Josephin. Die Faszination seines Berufes beschreibt Henning Wagenbreth wie die Arbeit eines Theaterregisseurs: „Man muss den Stoff interpretieren und individuell inszenieren. Die Geschichte verändert sich mit dem Blickwinkel, aus dem sie erzählt wird.“

So setzt jeder Student die Geschichte um Professor Donda auf seine ganz spezielle Weise um. Schon die Farbigkeit ist dabei Teil der Inszenierung, bei der es immer auch um Stimmungen und Gefühle geht. Auf Ulrikes Illustrationen stehen Palmen und Strohhütten vor einem orange-gelben Himmel. Auf sandfarbenen Untergrund recken vor ihnen langarmige Figuren anbetend die Hände in die Höhe. Ein warmes Farbgefühl, erdige Töne. Fast spürt man die heißen Sonnenstrahlen auf der Haut; riecht den staubigen Sandboden. Und Ulrikes Afrika ist nur eines von vielen.

Die Klasse Wagenbreth zeigt ihre Entwürfe im Medienhaus, Grunewaldstraße 2-5, Raum 205.

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