Zeitung Heute : Sechs mal sechs

CHRISTOPH FUNKE

Armin Mueller-Stahl liest"Das Leben, über das ich berichte, ist ein anderes, als ich lebe." Liegt in dieser so ehrlichen wie listigen Antwort der Schlüssel zu den Erinnerungen eines Schauspielers, der aus der DDR in die Welt ging und nun auf der Suche nach Heimat ist? Zumindest beschreibt die Begebenheit mit einem Weltweisen die Vorsicht und die Behutsamkeit Mueller-Stahls.Das Nachsinnen über den eigenen Weg erfolgt mit melancholischen Ironie, spart nicht an Offenheit und Angriffslust.Beschrieben wird das Herkommen der großen Mueller-Stahl-Familie aus Ostpreußen.Besonders der Mutter setzt Mueller-Stahl ein Denkmal, Tagebuchnotizen der Russisch-Dolmetscherin und gläubigen Lehrerin werden zur wichtigen Quelle.Auf dieser Grundlage erfolgt die Suche nach Freunden.Sechs Freunde will der Schauspieler finden, für sechs Stühle, die nur diesen zur Verfügung stehen sollen.Hinter dem konkreten Vorgang verbirgt sich die Metapher - die Sehnsucht nach dem festen Ort für Leben, für Arbeit, für vertraute Menschen. Die Lesung aus dem Erinnerungsbuch im völlig ausverkauften Maxim Gorki Theater, mutete seltsam an.Es gab für die Zuhörer keinen Zettel, keine Notiz. Mueller-Stahl kam, setzte sich und begann zu lesen, ohne jede Erläuterung, fast noch in den Begrüßungsbeifall hinein.Erst später rang er sich zu knappen Anmerkungen durch - immerhin sind im Buch Zeitebenen absichtsvoll verschlungen, wechseln die Kontinente zwischen Europa, Amerika und Australien.Neben Prominenten tauchen auch ganz "private" Freunde auf, es geht um Tatsachen der Geschichte und um Abenteuer, Anekdoten, Pointen.Das alles voraussetzungslos, nur beim Hören, zu entschlüsseln, fordert viel. Wirkte auch hier die Scheu, zu vorschnell zu erklären, zu deuten, zu richten? Der Weg eines DDR-Schauspielers heraus aus der Enge in ein neues Leben nach Hollywood wird nicht trumpfend beschrieben, sondern mit leiser Unruhe, mit Widerspruchsgeist sogar, mit einer Neugier, die Subjektives dem objektiven Blick aussetzt.Wenig nur konnte die Lesung davon vermitteln, zumal sich Mueller-Stahl auf einen raunenden Ton festlegte.Zum Schluß brach dann Komik durch.Mueller-Stahl spielte eine Begebenheit längst verblichener Moskauer Filmfestspiele vor, mit Sophia Loren, Yves Montand - und Mueller-Stahl.Das hatte Format und warf ein besonderes Licht auf die zeremoniell servierte Nachdenklichkeit.Man muß das Buch lesen, und man muß Mueller-Stahl auf der Leinwand begegnen.Auch wieder auf dem Theater?CHRISTOPH FUNKE

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