Zeitung Heute : Sechs Wochen im Sommer

Lothar Sand

Manchmal muss man etwas tun, um herauszufinden, dass man es nicht tun möchte. Zum Beispiel die eigene Mutter treffen, die die Familie verlassen hat, um Entwicklungshelferin zu werden, als man selbst fünf Jahre alt war. Jetzt ist Tova siebzehn und der anstehende Heimatbesuch ihrer Mutter Birgitta ist nicht das einzige Hindernis, das ihr die Sicht auf den Feriensommer nimmt. Die Beziehung mit Torsten war am Ende, er ist ihr nur zuvorgekommen beim Schluss machen. Aber das ist nur ein schwacher Trost, wenn Verletztwerden und Verletzen ineinander übergehen. Über mangelnden Beistand jedoch kann sich Tova nicht beklagen in diesem Sommer, den sie zum ersten Mal in der Stadt verbringt, während Vater, Stiefmutter und Brüder ins ländliche Ferienidyll fahren. Um sich ihr Taschengeld aufzubessern, jobbt sie in einem Antiquitätenladen.

Tova trifft Menschen, die zumindest den Versuch unternehmen, ihr Brücken zu bauen und zaghaft ihre Zuneigung zu zeigen. Am wichtigsten ist Viktor, der seine eigene Trennung von Sirpa verarbeitet und, beachtet man den Faktor Zeit, für Tova mehr sein könnte als eine weitere Option im Menü möglicher Beziehungen. Verlässlich und präsent ist Tovas väterlicher Freund Alrik, in dessen Antiquariat sie arbeitet und der nur einen Bruchteil dessen in Worte fasst, was er durchschaut. Es gibt aber auch noch Tovas verunsicherte Freundin Julia und die Kusine Matilda, die ihre frische Liebe zu einem Mädchen outet und trotzdem den Blick für Tovas Traurigkeit nicht verliert.

Diese vermeintlichen Nebenpersonen sind in ihrer hingeworfenen Lebendigkeit ebenso ein Volltreffer wie die bemerkenswerte Titelfigur der Erzählung. Die junge Autorin Ylva Karlsson, Jahrgang 1978, hat für ihre schwierige Heldin vielleicht instinktiv die angemessene Form gefunden. "Tova" ist ein extrem klarer, geradliniger Bericht mit erzählerisch souverän verwalteten Ellipsen. Seine luziden Bilder erscheinen naheliegend und neu zugleich, die Sprache lädt ein, einzelne Sätze aphoristisch herauszulösen und mitzunehmen als Andenken, die bleibend schön sind, bitter und sehr wahr.

Es lässt sich vieles entdecken und studieren an "Tova", unter anderem auch das hausgemachte Elend der deutschen Teenagerliteratur. Ja, Ylva Karlsson ging noch zur Schule, als sie diesen Text schrieb. Das ist an sich nicht der Rede wert, in der Zusammenschau mit seinem schriftstellerischen Gehalt jedoch unter Umständen eine kleine Sensation. Die Schwedin ist bis jetzt weder Pop-Prinzessin noch junge Milde, sondern eine leise Stimme unter vielen lauten, sehr lohnend so weit und hoffnungsvoll für eine Zukunft, die sich an literarischen Inhalten orientiert. Hier konnte man wahrhaft fündig werden. Seht her, ihr beflissenen Agenten und Vorschussbezahler, und lest endlich genau.

Dass jeder alleine ist, weiß Tova; dass Anderssein zwangsläufig ein Synonym für Einsamkeit sein soll, kann sie aber nicht hinnehmen. Doch wenn Torsten ihr verzweifelt sein neuerliches Interesse signalisiert und die verlorene Mutter ihr Kind im Handstreich zur besten Freundin machen will und so aus den sie stetig begleitenden Untertönen eine verlockende, lullende Melodie wird, hält Tova sich die Ohren zu und vertraut ihrem inneren Takt, auch wenn der allen anderen genauso wenig Bequemlichkeit gestattet wie ihr selbst. Die Leichtigkeit des Lügens widert Tova an, und manchmal bringt sie dies der Implosion näher als der Wendung nach außen. Aber auch die bleibt nicht aus, und das Buch verdankt ihr einige seiner glücklichsten Momente.

Sie zeigen eine junge Frau, die wild und bis zum Selbstvergessen tanzt, dem kleinen Bruder gegenüber ganz Liebe und Geduld ist oder am Ende mit Viktor einen Anfang macht auf der Suche nach den Menschen, die nicht nur so tun als ob. An diesen Stellen wird sie sichtbar, die Triebfeder eines im besten Sinne eigenwilligen Charakters, eben jene scheue, hungrige und nicht erklärungsbedürftige Lust am Leben.

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