Zeitung Heute : Second Life für das Handy

Wertvolle Bauteile aus Mobiltelefonen lassen sich wieder verwenden

Heiko Schwarzburger

Weniger Rohstoffe, weniger Energie, weniger Schadstoffe: Zwölf Jahre lang forschten Wissenschaftler der TU Berlin und der Universität der Künste an neuen Ideen, um alte Handys, Waschmaschinen oder Automotoren wiederzuverwerten. Am Sonderforschungsbereich „Demontagefabriken zur Rückgewinnung von Ressourcen in Produkt- und Materialkreisläufen“ waren zeitweise bis zu zehn Fachgebiete beteiligt.

Insgesamt 55 Doktorarbeiten und über 400 wissenschaftliche Aufsätze entsprangen dem Erfindergeist der Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker. Das Mammutprojekt wurde von Günther Seliger geleitet, Professor an der TU Berlin und einer der international herausragenden Experten für Montagetechnik und Fabrikbetrieb. „Die Menschheit verbraucht täglich mehr Ressourcen, als die Erde nachliefern kann“, sagt er. „Daher müssen wir mehr Nutzen mit weniger Ressourcen schaffen.“

Schon bei der Entwicklung neuer Produkte müssten die Hersteller überlegen, welche Baugruppen für mehrere Nutzungsphasen taugen sollen. Forschergruppen aus Brasilien, Dänemark, China, Japan und den USA haben die deutschen Wissenschaftler in ihren Projekten unterstützt.

Zwar wurde der Sonderforschungsbereich kürzlich offiziell abgeschlossen, aber viele Ergebnisse werden in so genannten Transferprojekten in die Industrie überführt. „Beispielsweise haben wir gemeinsam mit der Firma Flection aus unserer Region einen Weg gefunden, Flachbildschirme aufzuarbeiten“, berichtet Sebastian Kernbaum, der Geschäftsführer des Sonderforschungsbereiches. „Die Planung des Prozesses und der Betriebsmittel haben unsere Forscher erledigt. Auch die Umsetzung der automatischen Aufarbeitungsanlage haben wir anhand eines Prototypen gezeigt.“

Flachbildschirme stecken voll teurer Elektronik. Ihr Kern ist das TFT-Modul, das aber je nach Bildschirm von verschiedenen Herstellern stammt. Diese Baugruppe wiederzuverwenden, ermöglicht den Monitoren ein zweites Leben. „Wir konstruieren zurzeit ein universelles Gehäuse für die verschiedenen TFT-Module“, erklärt Kernbaum. „Dort passen dann alle Module hinein, so dass am Ende der Aufarbeitung ein neuer Bildschirm entsteht.“

Die meisten technischen Geräte schlucken Unmengen von Energie, vor allem bei ihrer Herstellung. Kupfer und Gold müssen mit gewaltigem Aufwand aus dem Berg geholt und aufgeschmolzen werden. Das Silizium für die Mikrochips wird aus heißen Schmelzen gezogen. Die Gehäuse aus Kunststoff entstehen aus Erdöl, das aufwendig aus den Tiefen des Kontinentalschelfs gefördert, raffiniert und chemisch veredelt werden muss. „Während ihrer Nutzungsdauer verbrauchen die Geräte dann vergleichsweise wenig Energie“, meint Kernbaum. „Deshalb rückt die Aufarbeitung immer mehr ins Blickfeld."

So verlegen sich beispielsweise die Hersteller von Kopiergeräten zunehmend darauf, ihren Kunden vor allem Nutzwert zu verkaufen. Statt immer neue Geräte aufzustellen, garantieren sie den Kunden eine bestimmte Anzahl von Kopien. „Die Kopiergeräte sind sehr robust“, sagt Kernbaum. „Wenn man die Glasauflage, die Toner und die Walzen regelmäßig austauscht und aufbereitet, kann man mit einem Gerät sehr lange Geld verdienen.“ Große Firmen wie Xerox nutzen Leasing-Modelle, um Milliarden Kopien unter die Leute zu bringen. Je länger ein Gerät läuft, desto mehr Gewinn wirft es ab. „Die Aufarbeitung hat sich zu einem wichtigen Geschäftsfeld entwickelt“, bestätigt Kernbaum. „Man kann die Geräte auf diese Weise auch leichter und kostengünstiger an den technischen Fortschritt anpassen. Bei Werkzeugmaschinen nennt man das Retrofitting.“

Einige Unternehmen dieser jungen Branche agieren mittlerweile global. In München sitzt die GS Datentechnik, der größte IT-Aufarbeiter in Deutschland. Dort werden jährlich einige hunderttausend IT-Geräte verjüngt. In den Vereinigten Staaten gibt es die Firma Recellular. Sie hat sich darauf spezialisiert, gebrauchte Handys umzuarbeiten.

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