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Seeed-Sänger Peter Fox : "Ich war der Typ mit dem Waldhorn"

28.09.2008 00:00 UhrVon Interview: Esther Kogelboom, Norbert Thomma
Tourneestart Seeed Foto: ddpBild vergrößern
Seeed und mehr. Peter Fox. - Foto: ddp

Früher spielte er im Posaunenchor, 2006 sang er vor einem Milliardenpublikum. Pierre Baigorry, 37, ist Sänger der Band Seeed. Unter dem Namen Peter Fox hat er gerade das Soloalbum „Stadtaffe“ herausgebracht. Inspiration findet er in Kreuzberg – und doch denkt er ans Wegziehen.

Sie sind der erste Künstler, der die Kanzlerin in aller Öffentlichkeit zum Tanzen gebracht hat.

Wie? Wann? Wo?

Bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM in München. Als Sie mit Seeed spielten, ruckelte Angela Merkel heftig mit den Schultern.

Ach so, das ist ja schon lange her. Wir wurden gefragt, ob wir da nicht spielen wollen, und dachten, klar, bevor da Peter Maffay auftritt, repräsentieren lieber wir mit unserer Musik das „junge“ Deutschland. Selber gesehen habe ich Angela Merkel aber nicht, weil wir in dem Moment auf diesem unglaublich hässlichen, orangefarbenen Plastikboden unsere Performance machen mussten.

Da war keine Zeit zu gucken: Wo tanzt denn jetzt die Kanzlerin?

Direkt vor Seeed waren bayerische Glockenschwinger an der Reihe.

Die waren super! Im Gegensatz zu diesen Pseudo-Breakdancern, die sie uns zur Seite gestellt haben. Die Regisseure dachten aber wohl: „Hey, so sieht Straßenkultur aus!“ Es rennen bei so einer Veranstaltung zwar tausend Organisatoren und Leute mit Walkie-Talkies rum, aber im Gegensatz zu den Chinesen oder den Amerikanern müssen die Deutschen noch lernen, etwas Spektakuläres zu inszenieren.

Ein bis zwei Milliarden Menschen weltweit haben Ihnen am Fernseher zugeschaut. War wenigstens dieser Gedanke ein bisschen ergreifend?

Dazu war die ganze Show einfach zu konstruiert. Wenn wir live ein Lied am Klavier gesungen hätten, dann vielleicht, aber mit Halbplayback mitten in einem riesigen Stadion – da wird einem nicht weihevoll zumute.

Haben Sie wenigstens das anschließende Spiel Deutschland gegen Costa Rica gesehen?

Nein, leider nicht. Wir sind sofort wieder nach Berlin geflogen – zum ersten Mal in unserer Karriere mit einem extra gecharterten Privatflugzeug. Wir hatten am selben Abend noch einen Auftritt im Treptower Park. Der war dann super.

Konnten Sie überhaupt ein Spiel live verfolgen?

Klar, ich hab’s gerade noch zum Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien geschafft. Ein Freund hat mich auf dem Motorrad mitgenommen, wir dachten, damit geht’s schneller, aber wir sind trotzdem im Stau stecken geblieben. Da kam auf einmal eine Eskorte mit Blaulicht vorbei und hat eine Schneise geschlagen, ich gucke in den Mercedes: der Kaiser! Er fährt an uns vorbei, wir hinterher. Franz Beckenbauer hat uns den Weg bis zum Stadion frei gemacht, sonst wären wir vermutlich erst zur Verlängerung vor Ort gewesen.

Wir müssen jetzt bitte mal kurz klären, wie Sie eigentlich heißen.

Pierre von Geburt an. Jetzt eben Peter Fox. Peter ist Pierre auf Deutsch, und „Hey foxi !“ wurde ich gerufen wegen der roten Haare. Peter Fox – klingt schön schnittig. Nach Privatdetektiv aus Entenhausen.

Herr Baigorry, eine Zeit lang waren Sie auch Enuff.

O Gott, das ist nur ein schlechter Witz gewesen. Für die erste Platte hatten wir drei Sänger uns in einer Laune irgendeinen Schwachsinn überlegt wegen der drei „E“ in Seeed. „Wir sind Ear, Eased, Enuff – täterä“, das ist dann später immer in den Medien aufgetaucht und war uns eher peinlich.

Jetzt veröffentlichen Sie mit „Stadtaffen“ Ihr erstes Soloalbum. Das Magazin „Bravo“ hat es schon besprochen: „Peter ist ein alter Hase im Musikbiz. Ein cooler Song mit chilligen Beats …“

Chillige Beats? Ha, ha! Das schreiben die, weil das für die so ein Jugendwort ist, das immer passt. Die meisten Beats sind überhaupt nicht chillig, im Gegenteil. „Chillig“ heißt ja unterkühlt, ruhig.

Es geht weiter: „Seiner Solokarriere steht nichts mehr im Weg.“ Kurzum: Sie haben es geschafft.

Äh, wie jetzt? Ich gucke doch nicht auf mein Leben und denke: Wow, jetzt hast du es geschafft! Okay, ich habe ein paar Qualitäten als Musiker, aber in anderen Lebensbereichen ist viel Luft nach oben.

Sie haben Ihr Album mit dem Babelsberger Filmorchester aufgenommen, was sich zuletzt Paul Kuhn zu seinem 80. Geburtstag gegönnt hat. Das ist schon ganz schön arriviert.

Warum? Das ist einfach nur eines der Orchester, das man für eine bezahlbare Summe engagieren kann und das sich nicht krass verbiegen muss, wenn es mal nicht Beethoven spielt.

Mit Orchestern haben Sie Erfahrung. Als Junge spielten sie im Schönower Posaunenchor.

Ich war der Typ mit dem Waldhorn – ein extrem unfunkiges Instrument. Das biederste Instrument, das man in einem Posaunenchor spielen kann. War eine sehr gute Schule, um etwas über Gruppenklang und Intonation zu lernen. Aber ab einem gewissen Alter wollte ich nicht, dass mich einer meiner Kumpels auf dem Straßenfest in Steglitz mit dem Posaunenchor Choräle spielen sieht.

Sie haben mal gesagt: „Es muss auch Songs zum Tanzen geben, die keinen Tiefgang haben.“

Wir hatten für „Stadtaffen“ viele eher düstere Titel fertig. „Schwarz zu Blau“ ist nicht gerade der Gute-Laune-Brenner. Und dann liegt da noch ein Instrumental rum, was eher was zum Tanzen ist, und dann texten wir da was mit Bräuten und Hintern drauf.

Es gibt zuerst die Musik und dann erst den Text?

Unterschiedlich. Manchmal gibt es eine Hookline, dann ein Thema, das mir im Kopf rumschwirrt. Wenn man um vier Uhr morgens nach Hause wankt und denkt: O Gott, ist das alles widerlich. Ich fange dann automatisch an, nach Reimen zu suchen. Aber bei „Stadtaffen“ war es so, dass ich eigentlich nur die Musik mit dem Orchester produzieren wollte, und Cee-Lo Green von Gnarls Barkley sollte singen. Seine Stimme ist toll, der könnte auch das Telefonbuch absingen, und es würde gut klingen. Tja, das wäre ein Hauptgewinn gewesen ...

... Doch Gnarls Barkley wurde über Nacht sehr berühmt und verkaufte Millionen Platten.

Cee-Lo Green ging weltweit durch die Decke, und ich musste halt selber singen.

Sind Sie ein guter Sänger?

Auf keinen Fall, ich würde nie behaupten, eine Wahnsinnsstimme zu haben. Ich bin, glaube ich, ein guter Produzent.

Führen Sie eigentlich immer ein Blöckchen mit sich, um sich Zeilen wie „Geh uns bloß nicht auf den Sack, weil du zu feige bist zu tanzen / Zieh die teure Jacke aus, du Körperklaus“ notieren zu können?

Ja, das kommt vor. Oder ich arbeite wie Ihr hier mit einem Diktiergerät. Vor allem beim Laufen oder Fahrradfahren fallen mir Beats ein, die mund-beatboxe ich sofort aufs Band. Und den Körperklaus hab ich nicht erfunden, das ist so ein Berliner Ausdruck für jemanden, der sich nicht richtig bewegen kann.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen das Reimen leicht fällt?

Anfangs wollte es niemand machen, also hab ich’s versucht. Ich hab am Feedback gemerkt, aha, die anderen finden es gut. Mich hat dann irgendwann der Ehrgeiz gepackt, weil ich viele deutsche Texte so schlecht fand. Auch meine eigenen.

Sie finden Ihre eigenen Texte blöd?

Anfangs folgte auf jede gute Zeile immer eine oder zwei schlechte. In „Dickes B“ heißt es: „Die Berliner Luft im Vergleich zu anderen Städten bietet leckersten Geschmack, allerbeste Qualitäten.“ Das ist umständlicher Schwachsinn, der bombt nicht.

Auf der neuen Platte singen Sie: „Die Welt ist staubbedeckt, doch ich will sehn, wo’s hingeht, steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.“

Ist besser, oder? Nicht verschwurbelt, da macht sich keiner eine Schraube ins Hirn. Ich habe mich angestrengt, dass sich nicht nur die letzten Silben reimen, sondern in einer Zeile die dritte oder vierte Silbe auch schon.

Sie achten auf Reimschemata? Stabreim, Jambus?

O Gott, nein. Ich suche nach einem musikalisch-rhythmischen Fluss.

Sie waren auf dem Französischen Gymnasium. Die Interpretation von Gedichten war Ihre Spezialität?

Gar nicht. Ich fand es eher unangenehm, Werke von Dichtern auseinanderzuklamüsern. Bücher lesen war schöner. Wenn mir heute mal ein Gedicht von Brecht oder Kästner in die Hände fällt, merke ich, die Sprache gefällt mir. Aber einen Gedichtband kaufen und durchackern – auf keinen Fall.

Mit welcher Musik kann man Sie davonjagen?

Mit „Zombie“ von den Cranberries, das ist so penetrant depressiv mit einer nervigen Stimme, die sich überschlägt. Oder „We are Family“ von Sister Sledge und anderer dudeliger Acid-Jazz, bei dem jedes Sechzehntel mit Noten belegt ist. Der Bassist slappt, der Schlagzeuger macht einen Break nach dem anderen, Dudelmusik ist das. Ganz schlimm.

Und was ist gut?

Alles, was konsequent ist. AC/DC, Thelonious Monk, Prince oder James Brown – da geht es um die simpelste Form der Energieübertragung. Keine Note zu viel. Und zack. Gut ist, wenn Leute was auf den Punkt bringen. Zu virtuos dagegen nervt.

Auf dem Cover Ihrer Platte ist das Kottbusser Tor abgebildet, der Ort gilt als gesellschaftliche Problemzone. Auch sonst spielen Ihre Videos oft in Kreuzberg. Was ist so schön da?

Ich wollte nicht speziell den Kotti promoten. Ist schon nicht schön, der Ort. Ich wohne da halt um die Ecke. In Kreuzberg ist mehr Leben auf der Straße als anderswo. Verschiedene Kulturen prallen aufeinander, das ist doch spannender, als ausschließlich unter gut situierten Deutschen zu wohnen. So eine Gegend zieht Leute an, die auch Kunst machen und nicht den ganzen Tag ans Kohlescheffeln denken. Aber bestimmte Sachen an Kreuzberg nerven. Der Görlitzer Park ist unfassbar dreckig. Und neulich ist ein Kind auf dem Spielplatz am Lausitzer Platz in eine Spritze getreten.

Sympathisieren Sie ...

… und dann die Hunde! Das Problem ist ja nicht der Hund als solcher, der ist süß oder sympathisch, aber in Massen nervt er. Vor allem, wenn du nichts ahnend wo langläufst und plötzlich: bell, kläff, knurr! Punkhorden mit 20 Hunden treffen auf drei türkische Bodybuilder mit Pitbulls. Die wollen sich untereinander zerfleischen, schnappen aber versehentlich nach meinem Knöchel.

Sympathisieren Sie mit dem Bürgerbegehren „Mediaspree versenken“?

Auf jeden Fall. Man kann das Rad der Geschichte zwar nicht aufhalten, aber wer braucht ein weiteres Allianz-Gebäude am Spreeufer? Die Leute, die in die Stadt kommen, kommen doch auch wegen dieser Offkultur – den Brachflächen, den trashigen kleinen Clubs. Ich könnte kotzen, wenn ich diese LED-Werbetafel an der O2-Arena sehe. Wir haben das Velodrom, die Max-Schmeling-Halle! So ein Investor, der mal schnell ein paar Millionen loswerden will, dem sind die Leute doch egal. Klingt naiv, oder?

In dem Song „Haus am See“ schwelgen Sie in Ausbruchsfantasien: „Der Mond scheint auf mein Haus am See, ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön.“ Sind Sie müde?

Manchmal schon. Es gibt tatsächlich Zeiten, in denen ich nicht gerne ausgehe. Ich überlege ab und zu, aus Kreuzberg wegzuziehen.

Ihre kleine Tochter ist jetzt vier.

Kreuzberger Grundschulen haben einen Ausländeranteil von 60 bis 90 Prozent, und die Hälfte der Eltern – vorsichtig geschätzt – ist auch nicht so hinterher, dass die Kids Deutsch lernen oder Hausaufgaben machen. Ich will aber auch nicht, dass mein Kind nur in so einer Gut-Situierten-Blase in die Schule geht. Eine Lösung wäre, die Kinder auf die Schulen in den Nachbarbezirken zu verteilen. Dazu müsste man Schulbusse einführen. Mir ist klar, da hängt ein Rattenschwanz dran. Aber ich finde es wichtig, dass die vernünftig was lernen.

Wenn Sie mit Seeed auf Tour sind, reisen elf Männer plus Crew in einem Nightliner.

Es ist wie in einem U-Boot, in dem es nach Socken stinkt. Man hält nachts nach einem Festival an der nächsten Tanke, und wer sitzt da ganz alleine an einem Spielautomaten und zockt? Lemmy Kilmister von Motörhead mit seinen weißen Cowboystiefeln. Wir haben Fotos mit ihm gemacht.

Sie haben die „Stadtaffen“ selbst produziert. Wie viel kostet so eine Platte?

Äh,.... 150 000 bis 170 000 Euro. Habe ich erst mal vorgestreckt. Das fertige Produkt hat dann die Plattenfirma gekauft. Jetzt trage ich das Risiko nicht mehr. Alles in allem steckt da ein volles Jahr Arbeit im Studio drin.

Das Risiko dürfte relativ klein sein: Die Single „Alles neu“ ist in den Top Ten, und Kanye West sagt über Sie: „This shit is dope“, was ein großes Kompliment ist. Dabei sah es mal so aus, als müssten Sie eine längere Pause einlegen: 2002 waren Sie ernsthaft krank.

Die Gesichtslähmung habe ich immer noch. Gucken Sie mal. Naturbotox.

Pierre Baigorry runzelt die Stirn, aber nur auf der linken Hälfte entstehen Falten.


Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb damals: „Eine Kapuze verdeckte sein Gesicht, wenn er durch die Straßen seiner Heimat schlich. Eine seltene Nervenkrankheit lähmt seine rechte Gesichtshälfte und bedroht seine Karriere.“ Warum lachen Sie?

So ein Quatsch! Wir haben damals die Platte „Music Monks“ gemacht und fanden es schick, in Mönchskutten herumzulaufen. Ich habe auch nie gedacht, dass ich deswegen aufhören muss, Musik zu machen. Ich hatte damals auch ein bisschen Pech: Wir waren ja gerade auf Tour, und der Arzt in dem Krankenhaus, wo wir waren, hat bloß eine spontane Gesichtslähmung diagnostiziert, die nach drei bis vier Tagen von allein verschwindet. Aber in jedem zehnten Fall ist die Ursache eine Virusinfektion. Ich hatte eine.

Wann wurde das entdeckt?

Erst eine Woche später. In der Charité haben sie eine Rückenmarkspunktion gemacht und das Nervenwasser untersucht. Wie gesagt, Pech. Ich kann nicht mehr ein astreines „pf“ sprechen und pfeifen geht auch nicht mehr, aber mein Gott, mir fehlt kein Bein.

Mussten Sie zum Logopäden?

Ja. Das Schlimmste war das erste Gefühl – wenn du merkst, dass dein Körper nicht das macht, was du willst. Auf einmal konnte ich die Augen nicht mehr schließen, immer offene Augen, das war ein Schock. Na ja, es blieb mir nichts anderes übrig, als mit der Lähmung einigermaßen cool umzugehen.

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