Zeitung Heute : Seelen im Schnee

KEVIN CLARKE

Schon schön: Hermann Prey singt die "Winterreise" im SchauspielhausKEVIN CLARKESuzuki, Iwaki und das Orchestra Ensemble Kanazawa - das sind nicht eben Namen, die man mit Schubert in Verbindung brächte.Dennoch kamen die Japaner nach Berlin, um die "Winterreise" zu präsentieren.Hermann Prey machte es möglich: Er holte sich zu seinem Liederabend im Schauspielhaus den asiatischen Klangkörper samt Gründer und Leiter Hiroyuki Iwaki, ließ Yukikazu Suzuki die 24 melancholischen Lieder instrumentieren und machte sich auf den Weg durch Schuberts verschneite Seelenlandschaften. Den inzwischen 68jährigen, äußerst gebrechlich wirkenden Prey mit theatralisch zusammengezogenen Augenbrauen auf dem Podium stehen zu sehen, zu Worten wie "Ich bin zu Ende mit allen Träumen", hatte eine ganz eigene, unerwartete Intensität, die für manch gestalterische Mängel entschädigte.Es ist sicher nicht Preys Stärke, die einzelnen Lieder als kontrastierende Stimmungsgemälde erstehen zu lassen.Eher taucht er alles in einen melancholisch resignierten Klang.Der ist allerdings außergewöhnlich schön.Nach über vier Jahrzehnten Bühnenkarriere verströmt Preys lyrischer Bariton immer noch eine herrlich sonore Wärme.Das samtene Timbre ist ihm nicht abhanden gekommen.Zweifellos kann man Schuberts Opus 89 intensiver gestalten.Aber kaum gerundeter, mit perfekteren Legatobögen und deutlicherer Aussprache singen.Da blitzte, hinter der manchmal etwas plakativen Fassade, eine große alte Gesangstradition auf, die heute (leider!) fast vollständig verloren scheint.Und welche die uninspirierte Orchesterfassung erträglich machte.

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