Zeitung Heute : Seelen in Moll

ALBRRECHT DÜMLING

Melancholisch: der Pianist Dirk Joeres im SchauspielhausALBRRECHT DÜMLING Als Johannes Brahms im September 1853 in Düsseldorf eintraf, war keines seiner Werke bis dahin gedruckt.Dennoch erkannte Robert Schumann in ihm sogleich den Komponisten der Zukunft.Die Beziehung zu Clara Schumann war aber wohl der eigentliche Anlaß, daß Brahms nach Düsseldorf übersiedelte.Da sich dieses Beziehungsgeflecht auch in Kompositionen niederschlug, wurde die rheinische Stadt für einige Jahre zum musikalischen Brennpunkt, zum Magneten auch für andere Komponisten. Als originellen Beitrag zum Brahms-Jahr entwickelte der Pianist Dirk Joeres aus diesem Wissen den Konzertzyklus "Brahms in NRW", dessen Herzstück, das Klavierprogramm "Brahms und seine Düsseldorfer Freunde", nun im Kleinen Saal des Schauspielhauses zu erleben war.Ein Seelendrama tat sich auf, als der düsteren Leidenschaft der Brahms-Balladen op.10, im Sommer 1854 nach Schumanns Selbstmordversuch komponiert, der Klageton von Clara Schumanns a-moll-Romanze op.21/1 folgte, die sie 1855 dem jungen Freund widmete.Der Pianist profilierte dieses Drama, indem er die Balladen zu einer dynamisch unangemessenen Wildheit steigerte.Überzeugender wirkte der Farbenreichtum der kurzen Komposition Clara Schumanns. Romantische Klavierstücke schrieben damals auch die anderen, alle in Leipzig ausgebildeten Düsseldorfer Freunde.Mit seinem transparenten Spiel war Joeres bei der liedhaften Einfachheit Albert Dietrichs wie bei der harmonischen Raffinesse Theodor Fürchtegott Kirchners in seinem Element.Dessen 1877 entstandene Nachtbilder op.25 knüpften an Schumanns "Mondnacht" und die Brahms-Melodie "Wie bist du meine Königin" an.Als eine Entdeckung erwies sich auch die 1852 komponierte h-moll-Elegie Julius Otto Grimms, die den Ton späterer Brahms-Kompositionen vorwegnahm. Die "Kinderszenen" op.15 wirkten in diesem Programm etwas deplaziert.Mit diesem Rückgriff auf glücklichere Jahre charakterisierte der Pianist Robert Schumann als Meister der kleinen Form, was er durch den intimen Ton unterstrich.Dem standen in der zweiten Programmhälfte die großen Dimensionen der f-moll-Sonate op.5 von Brahms gegenüber.In seiner erstaunlich detailfreudigen, gelegentlich aber auch verhuschten Interpretation übertrug Joeres das Tempo rubato des Finales merkwürdigerweise schon auf den Kopfsatz.Nach den Übertreibungen seiner ersten Brahms-Wiedergabe kam im Finale der Kontrast zwischen Kraftlosigkeit und neuem Mut auch ohne dynamische Übertreibungen zu klarer Wirkung.

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