Zeitung Heute : Seelen-Taucher

Kai Müller

Auf Seite 273 verliert er die Geduld: „Keine Frage“, so James Hamilton-Paterson, „ich will, dass er endlich auf den Punkt kommt, dass er anfängt auszupacken, irgendwas, egal was.“ Dem englischen Autor geht das Agreement, zu dem er sich hat hinreißen lassen, ziemlich spät auf die Nerven. Denn was sich ihm als die verwegene Lebensgeschichte eines britischen Hochstaplers angekündigt hatte, entpuppt sich als endlose Abfolge bizarrer Sexabenteuer an immer ausgefalleneren Schauplätzen des britischen Kolonialreichs. Sei es, dass Raymond Jerningham Jebb auf der Spitze der Pyramiden eine Party-Bekanntschaft vögelt oder auf dem Hausboot eines Waffenhändlers sich einer Orgie hingibt – so pikant können erotische Details gar nicht sein, als dass sie es verdienten, den Ruf eines „exotischen Lebens“ zu begründen. So basiert dieses Buch lange auf einem Missverständnis: „JayJay“, der mit Henry Kissinger vertraut war und private Korrespondenzen mit Maggie Thatcher unterhielt, verplaudert seine Lebensgeschichte, während Hamilton-Paterson nach dem Rätsel hinter der Person sucht – und sie nicht zu fassen bekommt. Doch dann nimmt das Buch doch noch eine überraschende Wendung und zeigt die tiefe Verletzung, die die Fassade des Spötters und Weltmannes beharrlich zu verheimlichen versuchte. Danach verwundert es nicht, warum Hamilton-Paterson, der mit maritimen Reportagen und Romanen vom Ozean einen Ruf als Tiefsee-Autor erworben hat, sich für diesen sonderbaren Spross der englischen Mittelschicht interessiert. Er ist ein Seelen-Taucher.

James Hamilton-Paterson: JayJay. Roman. Aus d. Englischen von Hans-Ulrich Möhring, Klett-Cotta, Stuttgart. 380 S., 22,50 €.

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