Zeitung Heute : Seelsorge für Seelsorger

Wenn Pfarrer nicht mehr weiter wissen: Zwei Einrichtungen in Deutschland helfen

Jörg Schallenberg[Münsterschwarzach]

Von Jörg Schallenberg,

Münsterschwarzach

Die Gemeinde lag im Sterben, als er sie übernahm, mit seiner ganzen Kraft hat er versucht, das aufzuhalten. Pater Johannes hat als katholischer Priester in Chemnitz die Jugendarbeit in einer heruntergekommenen Gegend aufgebaut, er hat gegen Feindseligkeit gekämpft, mit der Stadt um Geld gestritten, sich die Schicksale von Jugendlichen aus der „Platte“ angehört. Kein Urlaub all die Jahre, rund um die Uhr musste er „den Starken spielen, keine Schwächen zeigen, die eigene Sensibilität verleugnen“, sagt er. Bis es nicht mehr ging.

„Ich war nicht mehr in der Lage, den inneren Kontakt zu anderen Menschen herzustellen.“ Das ist das Schlimmste, was einem Seelsorger passieren kann. Depressive Stimmungen, das Gefühl von Einsamkeit, körperliche Beschwerden kamen hinzu. „Das sind typische Zeichen, wenn jemand ausgebrannt ist“, sagt Wunibald Müller, „ein Burn-out-Syndrom. Kennt man ja schon lange von Lehrern oder Managern.“ Aber von Geistlichen? Müller ist Theologe und Psychotherapeut. Vor zwölf Jahren hat er das „Recollectio“-Haus auf dem Gelände der fränkischen Benediktinerabtei Münsterschwarzach gegründet, 25 Kilometer östlich von Würzburg und bis heute die einzige katholische Einrichtung dieser Art in Deutschland. Hier kümmert sich Müller um Priester und Ordensfrauen mit psychischen Problemen: Seelsorge für Seelsorger. Die Kurse sind immer voll.

Jeweils drei Monate lang betreut Wunibald Müller mit anderen Therapeuten und Priestern eine Gruppe von 18 Besuchern – „Patienten“ mag Müller sie nicht nennen, denn „für Menschen mit manifesten psychischen Erkrankungen ist das hier der falsche Ort“. Ins „Recollectio“-Haus kommen die Angeschlagenen, jene, die mit sich und Gott hadern, denen ein Nebel so schwer auf der Seele liegt wie die grauen Schwaden, die an diesem Morgen über den Feldern rund um die Abtei hängen. Burn-out-Syndrom – das ist eine der häufigsten Diagnosen, so wie bei Pater Johannes.

Er wird Münsterschwarzach in wenigen Tagen wieder verlassen. Der lang gediente Salesianer-Pater wirkt ruhig und gefestigt. Nur wenn er von den Momenten erzählt, in denen er nicht mehr weiter wusste, da zittert seine Hand ein klein wenig – das Nachbeben der Überwindung, die es Pater Johannes gekostet hat, sich mit 63 Jahren einzugestehen, dass er so nicht weitermachen kann, dass er seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen ist, dass er Hilfe braucht. Diese Situation kam in seiner Ausbildung zum Priester nicht vor. Ein Seelsorger mit seelischen Problemen, das war ein Tabu. Wie sollte der noch als Respektsperson innerhalb seiner Gemeinde gelten? „Das stellt die Existenz in Frage“, sagt Pater Johannes.

Schwester Angelika benutzt kurz darauf die gleichen Worte, als sie ihre Geschichte erzählt. Sie war mit Pater Johannes in einer Gruppe, jetzt sitzen beide in einem Esszimmer im „Recollectio“-Haus und versuchen, die drei vergangenen Monate für sich einzuordnen. Angelika, Anfang 50, ist aus den USA nach Münsterschwarzach gekommen. Sie lebt seit 28 Jahren in einem Augustinerinnenkloster bei Chicago. Neben ihrer Arbeit als Krankenschwester und einem Studium führt sie seit einigen Jahren die neuen Schwestern in die Gemeinschaft ein – eine Aufgabe, die an ihr gezehrt hat: „Die Frauen, die kommen, sind oft über 40 und bringen ein ganz schönes Bündel mit – viele Probleme, viele Verletzungen.“ Besonders schwer fiel es ihr, Bewerberinnen zurückzuweisen, die für das Klosterleben nicht geeignet waren. Es gelang ihr kaum noch, die Schicksale der anderen auszublenden, um sich um die eigenen Nöte und Empfindungen zu kümmern – so lange, bis sie, wie Pater Johannes, nicht mehr weiter konnte.

Wunibald Müller kennt unzählige dieser Geschichten. Viele Priester und Ordensfrauen sind ausgebrannt und fragen sich, ob ihre eigenen Werte noch mit denen der Kirche übereinstimmen, ein großer Teil der Besucher im „Recollectio“-Haus kämpft auch mit dem Zölibat, der eigenen Sexualität und dem Fehlen tiefer, intimer Beziehungen. Doch handelt es sich bei den therapiebedürftigen Seelsorgern keinesfalls um ein rein katholisches Phänomen. Der Göppinger Theologe Andreas von Heyl hat in diesem Jahr eine Studie veröffentlicht, nach der von 300 evangelischen Pfarrern in Bayern gut die Hälfte am Burn-out-Syndrom leidet oder davon bedroht ist.

Abgesehen vom Zölibat haben die Protestanten ähnliche Probleme: Die Gemeinden werden immer größer, die Aufgaben vielfältiger. Viele Pfarrer hetzen von einem Gottesdienst zum nächsten, beraten und trösten im Zehn-Minuten-Takt, verkommen zu Fließbandseelsorgern. Für sie gibt es das Haus „Respiratio“, ebenfalls die einzige Einrichtung in Deutschland, das nur zehn Kilometer von „Recollectio“ entfernt auf dem Schwanberg bei Iphofen liegt und ähnlich arbeitet: In beiden Häusern geht es darum, die körperlichen und geistigen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Die Idee für diese Mischung aus psychologischer und spiritueller Betreuung brachte Wunibald Müller aus den USA mit. In den dortigen „Houses of affirmation“, den „Häusern der Bestärkung“, suchen inzwischen auch Kirchenobere ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden – in Deutschland noch unvorstellbar. Wunibald Müller wünscht sich „jemanden wie den Erzbischof von San Francisco, der mit einer Depression in so ein Haus gegangen ist und danach offen darüber reden konnte. Das ist doch ein Signal!“.

Bleibt die Frage, ob das Bewusstsein, dass man Zeit für sich selbst braucht, auch im Alltag bestehen kann. Pater Johannes ist optimistisch, doch Schwester Angelika beginnt: „das Ordensleben auf engem Raum ist nicht immer einfach…“, – aber dann unterbricht sie sich. Was sollen die Gedanken jetzt, wo es ihr so gut geht wie lange nicht mehr?

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