Zeitung Heute : Segeln zwischen den Inseln des Friedens

PETER HÖH

Eilande vor der Küste Dalmatiens haben den Krieg im jugoslawischen Hinterland völlig unbeschadet überstandenVON PETER HÖH

Das ungetrübte Hochgefühl auf die kommenden Urlaubstage will sich trotz strahlenden Sonnenscheins und tiefblauer See nicht so recht einstellen, als die Linienmaschine der Croatia Airlines in weitem Bogen über die glitzernde Wasserfläche der dalmatischen Adria zur Landung auf dem Flughafen von Split ansetzt.Eine Mischung aus Anspannung und Neugierde erfüllt spürbar das Flugzeug, als es dem Terminal entgegenrollt. Dalmatien - weit mehr als 1000 Kilometer schönster Adriaküste, jahrzehntelang Inbegriff für erfüllten Badeurlaub für die schmale Urlaubskasse.Dalmatien, ein schmaler Küstenstreifen, benannt nach dem illyrischen Stamm der Dalmater und von einem hohen Gebirgszug vom Hinterland isoliert.Vor der zerlappten Küstenlinie etwa 800 große und kleine Inseln wirr ins Meer gestreut und nur 66 davon bewohnt.Die dalmatische Küste, eines der schönsten Wassersportreviere und Mekka für Segler aus ganz Europa.Zahllose versteckte Buchten mit natürlichen Häfen, seit der Römerzeit Seeweg und Handelsroute zwischen dem südlichen und östlichen Mittelmeer und Nordeuropa.Und deshalb ebensolang von den verschiedensten Völkern und Mächten begehrt und umkämpft.Nach den Römern kamen die Slawen und Awaren, dann die Venezier, Ungarn, Serben und Bosnier und Osmanen.Seit 1816 in der Hand Österreichs, kommt die ewig umstrittene und umkämpfte Küste 1920 im Vertrag von Rapallo an das Königreich Jugoslawien.Die letzten, die ihre begehrliche, bewaffnete Hand nach dem idyllischen Küstenstrich ausstreckten, waren nach dem Zerfall Jugoslawiens bekanntermaßen die Serben. Über dem Flughafengebäude von Split weht die rot-weiß-blaue Flagge der Republik Hrvatska, des souveränen Staates Kroatien.Der erste Blick aus dem Flugzeugfenster fällt auf einige olivgrüne Armeelastwagen am Rande des Flugfeldes.Bilder von dem jahrelangen mörderischen Schlachten in Ex-Jugoslawien werden wach, dem die Welt fassungslos zuschaute und aus dem der neue Staat Kroatien hervorging.Der legendäre "Teutonengrill" an der jugoslawischen Küste, einst eines der beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen, ist ebenso untergegangen wie die Republik, zu der er gehörte. Unser Gefühl ist noch immer so wankend und zwiespältig wie vor und während unserer Anreise, als uns der Shuttlebus in die kleine Hafenstadt Biograd im Norden Dalmatiens bringt, von der aus wir mit einer gecharterten Segeljacht die Küste und Inselwelt bis hinab nach Dubrovnik in Süddalmatien erkunden wollen.Die Vorbehalte und Warnungen von Freunden und Bekannten waren zahlreich, als wir von unserem Vorhaben erzählten.Urlaub in Kroatien, Ferien in einem Kriegsland? Kann man überhaupt unbehindert reisen oder gleicht der schmale kroatische Küstenstreifen, hinter dessen hohem Küstengebirge das geschundene Bosnien liegt, einem von Flüchtlingen überfüllten Heerlager mit militärischen Sperrgebieten und Schlagbäumen? Die weltberühmten Altstädte von Split und Dubrovnik, die alle Stürme der Zeit unbeschadet überstanden hatten und von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt, zerschossen und zerbombt? Jeder erinnert sich an den empörten Aufschrei der zivilisierten Welt, als die Nachrichten meldeten, das kulturhistorische Kleinod Dubrovnik würde von serbischen Kanonen gezielt beschossen. Dämmerlicht liegt bereits über Biograd, als wir im Hotel "Kornati" Quartier für die erste Nacht nehmen.Der Blick vom Zimmerbalkon streift über eine zutiefst friedliche Szenerie.Unter den Palmen der Uferpromenade flanieren und promenieren Menschen.Am Kai halten junge und alte Männer ihre Angelruten ins Wasser.Aus den Promenadenbars klingt leise Musik und in der Marina schaukeln Sportboote in der Dünung. Braungebrannt und strahlend empfängt uns Slaven, unser einheimischer Skipper im "Kostelo".Wie die benachbarten Bars und Restaurants ist auch das "Kostelo" von vergnügten, lachenden und flirtenden Besuchern erfüllt.Die milde Meeresbrise, die Palmen und blühenden Oleander, die Heiterkeit der Menschen - die Realität vor Ort prallt heftig mit dem vorgefertigten Bild zusammen, das wir von zu Hause mitgebracht hatten.Für Slaven, der aus Pula stammt und in Zagreb Betriebswirtschaft studiert, ist wie für die meisten seiner Landsleute der Krieg längst Vergangenheit.Viel mehr bewegen ihn seine persönlichen Zukunftspläne.Nach dem Studium will er in der Tourismusbranche Arbeit finden.Der tatendurstige junge Mann lernt deshalb nicht Schießen, sondern Deutsch und Englisch und jobbt in seiner Freizeit für einen kroatischen Reiseveranstalter und Jachtverleiher. Vorbei an der langgezogenen Insel Ugljan trägt uns der Wind der Karstinsel Yut, dem Eingang zum Nationalpark Kornati, entgegen.Inmitten der herben Einsamkeit der kargen Felsinsel liegt eine Marina mit Restaurant, mit Solarenergie betrieben und dank der verwendeten Natursteine unauffällig in die Natur eingebettet.Die Lage ist phantastisch, Service und Ausstattung hervorragend, das Essen ebenfalls.Von mißmutigem Personal, das wie in anderen ehemals sozialistischen Ländern auch in Jugoslawien den Dienstleistungssektor beherrschte, ist nichts mehr zu bemerken.Die Marina von Yut gehört der einst staatlichen Organisation ACI, die etwa die Hälfte der 45 Sportboothäfen an der kroatischen Küste und auf den Inseln betreibt.Nun wird es als Joint Venture Unternehmen privat und mit Erfolg von einem kroatisch-östereichischen Konsortium gemanagt.Trotz massiver Bemühungen aus eigener Kraft - Kroatien investiert jährlich fast 100 Millionen Kuna in den Fremdenverkehr und eine moderne touristische Infrastruktur - ist ausländisches Kapital hochwillkommen.Bereits jetzt sind die Erfolge nicht zu übersehen.Nicht nur das Personal, auch die Sportboothäfen, Hotels, Restaurants und Campingplätze haben sich qualitativ massiv verbessert und weisen häufig bereits internationalen Standard auf. Mehrere Tage segeln wir durch die einsame und eindrucksvolle Inselwelt des Kornati-Nationalparks.Die zahllosen, schroffen Karstinseln, Eilande und Felsenriffe die er umfaßt, sind weitgehend vegetationslos und menschenleer.Nur selten erblickt man in den Felsenmeeren eine einsame Kapelle oder ein bewohntes Haus.Einzige Oasen in der bizarren Fels- und Wasserwüstenei sind die Marinas.Im Restaurant der Marina auf dem unbewohnten Inselchen Piokera treffen wir beim kühlen Bier zwei deutsche Ehepaare.Alte Segelhasen, die seit vielen Jahren mit ihrer Jacht durch die dalmatische Inselwelt kreuzen.Ihre Begeisterung für die Vielfalt und den Abwechslungsreichtum dieser verwobenen Wasserwelt ist ungebrochen.Von der erstaunlich schnellen Qualitätssteigerung bei den Einrichtungen zeigen sie sich auch beeindruckt.Nur die im Vergleich zu Zeiten der sozialistischen Republik Jugoslawien deutlich erhöhten Preise für Liegegebühren und andere marine Dienstleistungen finden wenig Beifall.Vor allem die neue "Leuchtturmsteuer" empfinden sie als unangebracht."Mehr Qualität an Ausstattung, moderne Versorgungs- und Navigationseinrichtungen haben auch ihren Preis", verteidigt Nico Bulic, Kroatiens Minister für Tourismus, die Kostensteigerungen.Wer eine eigene Jacht besitzt, für den sollte die von der Bootslänge abhängig erhobene Jahresgebühr von durchschnittlich 200 bis 300 Mark bezahlbar sein, meint der Minister.Wohl zu Recht.Zumal die für ausländische Boote ab drei Meter Länge erhobenen Gebühren ausschließlich für die Verbesserung des Seenotrettungsdienstes verwandt werden.Dazu ist es erklärte Politik Kroatiens, nicht mehr das mit Abstand billigste Reiseland am Mittelmeer sein zu wollen.Preiswert will das traditionsreiche Urlaubsgebiet aber bleiben und muß es auch.Denn nur über günstige Preise läßt sich der wegen des Jugoslawienkonflikts zusammengebrochene Tourismus und der damit verbundene gewaltige ökonomische und Imageschaden wieder beleben und beheben.Besonders auf die Rückkehr der Deutschen und Österreicher hoffen der Minister und seine Landsleute.Die Zahlen stimmen jedenfalls optimistisch.Bereits 1996 verdoppelten sich die Buchungen gegenüber dem Vorjahr.Für diese Saison rechnet man mit noch deutlich größeren Zuwachsraten. Die Freude bei den Bewohnern der Dörfer und Städte darüber, daß die ausländischen Gäste nun mehr und mehr zurückkehren, ist echt und groß.Sie benötigen dringend die Arbeitsplätze und Einkommen aus dem Tourismus.Warum die Ausländer überhaupt ausblieben, will insbesonders den Bewohnern der Inseln nicht einleuchten.Der Krieg war doch weit weg auf dem Festland.Ein paar Kampfflugzeuge der jugoslawischen Volksarmee, die in den ersten Tagen des Konflikts über sie hinwegdonnerten - das war alles, was sie mitbekommen haben.Ihre Heimat war auch in den dunkelsten Zeiten des Jugoslawienkonfliktes im Wortsinne eine Insel des Friedens. Tatsächlich bemerken wir auf unserer gesamten Reise von Insel zu Insel und in den Küstenorten nicht die geringste Spur von Gewalt und Zerstörung.Am "Goldenen Horn", dem schönsten Strand Dalmatiens auf der Insel Brac, tummelt sich die kroatische Jeunesse doreé in der Sonne; die Nächte werden zu den Klängen internationaler Hits in der Disco des erstklassigen Hotels "Bretanide" in Bol durchgefeiert.Auch in den Städten an der Festlandsküste ist vom Krieg nichts zu erkennen.In den engen Gassen der Altstadt von Split und an der Hafenpromenade pulsiert das Leben, die Läden und Geschäfte sind prall gefüllt, Beschädigungen und Zerstörungen längst repariert.Im säulenumringten Innenhof des einzigartigen Palasts des römischen Kaisers Diocletian im Herzen der Altstadt werden wir Zeugen einer perfekt inszenierten Modenschau, in der die kroatischen Modeschöpfer ihre neuen Kollektionen vor begeistertem Publikum präsentieren. Nicht anders zeigt sich die Metropole Dubrovnik.Anstatt der erwarteten schwer beschädigten oder gar zerstörten weltberühmten Altstadt, die mit ihren Kunst- und Kulturschätzen vor dem Krieg jährlich hunderttausende Besucher anzog, präsentiert sie sich in ihrer ganzen, prachtvollen Schönheit.Sonja, die junge Kroatin, die uns beim Rundgang auf der gewaltigen Stadtmauer begleitet, die das alte Dubrovnik umschließt, erzählt von den dunklen Tagen.Wochen mußte sie mit ihren Kindern im Keller verbringen, als die Serben auf dem Berg nur wenige hundert Meter hinter und hoch über der Stadt saßen und in der hilflos unter ihnen liegenden Stadt auf Menschen wie auf Kaninchen schossen.Doch auch für Sonja ist das alles bereits Geschichte. Der unfriedlichen Vergangenheit begegnen wir schließlich ganz am Ende unserer Reise doch noch.Im feinen Hotel "President" begegnet uns nicht nur die alte Zeit in Form von unfreundlichen, mürrischen Bedienungen und miserablem Großküchenessen.Das vermeintliche Vorzeigehotel mit herrlichem Blick auf das dalmatische Meer, in dem wir die letzte Nacht verbringen, trägt trotz erfolgter Reparaturen auch noch deutliche Kriegsspuren.Und als wir früh am Morgen mit dem Hotelbus zum weit außerhalb gelegenen Flughafen von Dubrovnik fahren, führt uns der Weg hinauf in die Berge und durch kleine, von den Kämpfen schwer gezeichnete Dörfer.Als unser Flugzeug in weitem Bogen über das glitzernde dalmatische Meer steil in den azurblauen Himmel steigt, liegen die unbeschwerten, sorglosen dalmatischen Urlaubstage hinter uns.Unsere Stimmung ist wieder, wenn nun nach den gemachten Erfahrungen auch aus anderem Anlaß, ähnlich nachdenklich wie bei der Anreise.TIPS FÜR DIE KROATISCHE KÜSTE - Anreise: Mit dem Pkw auf der Autobahn E 55 durch Österreich und Autobahn E 61 durch Slowenien bis Rijeka.Weiter auf der Küstenstraße E 65 bis Kroatien.Mit dem Flugzeug: Linienflüge von Croatia Airlines von Berlin-Tegel nach Zadar, Pula, Split, Dubrovnik, Zagreb.Auskunft: Croatia Airlines, Flughafen Tegel, Halle B, Raum B4-15b, Telefon: 41 01 36 28, Fax: 41 01 36 29. - Einreise: Es genügt der Personalausweis.Mit Personalausweis höchstens 30 Tage Aufenthaltsdauer, mit Reisepaß maximal drei Monate.Für die Einreise mit dem Pkw ist neben Führer- und Fahrzeugschein die internationale Grüne Versicherungskarte obligatorisch.Beim Fehlen muß an der Grenze eine Versicherung für zirka 80 Mark abgeschlossen werden. Für Boote und Jachten besteht Haftpflicht-Versicherungspflicht.Der Versicherungsnachweis ist mitzuführen.Bei Anreise mit eigenem Boot auf Trailer verlangt Slowenien eine gesonderte Haftpflichtversicherung für den Trailer. Für Haustiere wird der internationale "Gelbe Gesundheitsausweis" mit Tollwut-Impfbestätigung verlangt. - Währung: Zahlungsmittel ist der Kuna/Lipa.(1 Kuna = 100 Lipas) Der Kurs (4/97) beträgt 1 DM = 3,5 Kuna.Der Umtausch ist in allen Banken, Postämtern, Marinas und Touristbüros und den meisten Hotels möglich.Kreditkarten werden vielfach, aber nicht überall akzeptiert.Es dürfen höchstens 2000 Kuna eingeführt werden, Fremdwährungen ohne Einschränkung.Euroschecks werden nur in entprechend gekennzeichneten Einrichtungen eingelöst. - Verkehrsbestimmungen: Es gelten folgende Höchstgeschwindigkeiten: innerorts 60, außerorts 80 Stundenkilometer, Autobahn 120 (Gespanne 80).Die Promillegrenze liegt bei 0,5 Promille. - Tanken: Die Treibstoffpreise (4/97) betragen für Diesel 3,75 Kuna, Benzin bleifrei 3,83 Kuna, Super bleifrei 95 Octan 4,02 Kuna und Super 98 Octan 4,35 Kuna. - Boote: Sportboote und Wassersportgeräte bis drei Meter Länge und maximal vier kW Motorleistung dürfen ohne Gebühr benutzt werden.Für größere Boote mit stärkeren Motoren muß im ersten Hafen eine Jahresgenehmigung (permit) erworben werden, deren Kosten je nach Länge zwischen 240 Kuna (4 m) und 2400 Kuna (30 m) liegt. - Charterboote: Das Chartern von Booten darf nur bei Firmen erfolgen, die eine offizielle Genehmigung dafür besitzen.Chartern auf "privater/schwarzer" Basis ist strafbar.Charterer: Adria-Yacht-Charter (AYC) Büro Deutschland Ottostraße 22, 85521 Ottobrunn; Telefon: 089 / 606 07 10, Faxnummer: 089 / 60 60 71 20. - Unterkunft: Trotz gestiegener Übernachtungspreise sind die Unterkünfte an der kroatischen Küste im Vergleich zu anderen Mittelmeerländern ausgesprochen preiswert.Neben rund 270 direkt an der Küste liegenden Campingplätzen steht eine Vielzahl privater Unterkunftsmöglichkeiten und Hotels der verschiedenen Kategorien zur Verfügung.Ausführliche Verzeichnisse mit Angaben zu Lage, Ausstattung und Preis verschickt die Kroatische Zentrale für Tourismus in Frankfurt. - Sicherheit: Entgegen der in Deutschland vorherrschenden Meinung ist das Bereisen der kroatischen / dalmatischen Küste, der Inseln und Küstengewässer ohne Einschränkung möglich und sicher.Die Inseln blieben insgesamt vom Krieg völlig unberührt, die Festlandsküste wurde nur kurzfristig gestreift.Gewarnt werden muß dagegen vor Ausflügen in die ehemaligen Kriegsgebiete im Landesinneren.Blindgänger und Minen machen die ehemals umkämpften Regionen zum gefährlichen Terrain.Deshalb hier keinesfalls befestigte Wege verlassen! Die Straßenkriminalität ist trotz der Wirtschaftslage gering. - Information: Kroatische Zentrale für Tourismus, Karlsruher Straße 18/8, 60329 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 25 20 45, Fax: 069 / 25 20 54. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben