Zeitung Heute : Segen der Kamera

SIMONE MAHRENHOLZ

Ron Havilios Mammutfilm "Fragments Jerusalem"VON SIMONE MAHRENHOLZKino sei "eine unendlich faszinierende Reise in die eigenen Gefühle", sagt Ingmar Bergman.Es gelte mit Film, "die Wunde der Geschichte zu öffnen".Dies charakterisiert perfekt das Mammutprojekt des Israelis Ron Havilio.Er drehte in insgesamt zwölf Jahren einen siebenteiligen Film über seine Geburtsstadt Jerusalem, Gesamtdauer: sechs Stunden.Wir sehen Filmmaterial aller Art, dazu Malerei, Fotos, Postkarten, Archivmaterial, Briefe.Herausgekommen ist eine persönliche Reise in die Schichten der Vergangenheit, dabei auch ein Erkunden der Gegenwart, Eindringen in einen Schmelztiegel der Völker, Religionen und Kulturen.Es ist ein sanftes Öffnen von Wunden.Vor allem aber ist es ein Versuch, sich die eigene Familiengeschichte anzueignen - und es ist auch eine Reise in die Gefühle jedes einzelnen Zuschauers. Das liegt mit an Havilios Stil, Privates und Geschichte zu vermischen.Seine Stadt und seine Familie hängen für ihn untrennbar zusammen.In jedem der sieben Teile tauchen seine Frau und seine Töchter auf.Darüberhinaus wird der Bogen der Familiengeschichte weit über die Jahrhunderte und Ländergrenzen hinweg gespannt und an ihr die Geschichte der Stadt nachverfolgt. Der Film beginnt mit einem Porträt des Mamila-Viertels, wo Havilio aufwuchs.Dieses einstige Zentrum außerhalb der Stadtmauern steht heute nicht mehr, wir sehen noch die Abrißbirne die mächtigen, pittoresken Steinhäuser zertrümmern, während im Hintergrund golden die Sonne auf Jerusalems ewige Kuppeln scheint. Havilio kam 1968 nach Jerusalem zurück, nachdem er als Kind den Vater auf diplomatische Missionen begleitet hatte.Im zweiten Teil durchstreift der Achtzehnjährige fast als Fremder die Altstadt, macht Fotos, trifft seine Frau Jacqueline und erforscht die Gräber der Familie.Das Jerusalem, wie es sich dem Auge des 19.Jahrhunderts darbot, den ersten Filmemachern, Malern, Fotografen, porträtiert ein weiterer Abschnitt - damals war es eine leere, weitgehend verlassene Stadt, in der es kaum Arbeit gab.Zugleich verfolgen wir darin drei Generationen der Rosenthals, Havilios Familie mütterlicherseits.Der Großvater Solomon, ein Rabbi, mußte weit reisen, um die Familie zu ernähren.Aus seinen Briefen erfährt man vom damaligen Lebenskampf in den Städten.Bilder vom Schneefall von 1992 führen im fünften Teil zurück zum großen Schnee von 1920, zugleich wird die arabische Intifada den Pogromen von 1921 gegenübergestellt, als erstmals seit Jahrhunderten Muslime ihre jüdischen Nachbarn angriffen. Wie in der Stadt, so existieren auch im Film stets diverse Zeit-Ebenen nebeneinander, Sprünge, Kreise, Ellipsen in der Darstellung sind häufig.Das Ganze ähnelt einer meditativ-spirituellen Suche.Wunderschön sind gegen Ende Havilios nächtliche Ausflüge durch die Synagogen in der Zeit des Selichot, der Reue-Gebete.Er besucht Synagogen, Kabbalisten und alte Sepharden, filmt zum Teil von draußen ihre Gesänge: "Dein Wort war in unserem Kopf, nicht in unserem Herzen!" Diese Szenen wirken wie ein unendlich kostbares Spähen in die ferne Vergangenheit und die Mysterien der menschlichen Seele. Der ganze letzte Abschnitt ist dem Vater gewidmet: Shlomo Havilio rebellierte gegen die strengen Auflagen der Orthodoxie, erzählt von seiner Kindheit und der Zeit in der Haganah, der damals im Untergrund operierenden zionistischen Verteidigungs-Organisation.Während aller Szenen erforscht Havilios Kamera die Gesichter der Menschen wie die Augen und Münder der Häuser und Straßenzüge, auf die seine Kamera zuzoomt, zeigt sie, als wolle er sie mit der Kamera segnen, beschützen. Der Film ist die enorme Leistung eines Besessenen, deren ruhiger, meditativer Rhythmus nicht jeden Geschmack treffen wird.Man muß sich in der Tat in das Labyrinth seines kollektiven Unbewußten begeben, um seinen Blick und Pulsschlag für das Mosaik zu öffnen.Ist der Film zu Beginn noch etwas langsam und gar zu ausführlich, so wünscht man, je länger er dauert desto weniger, daß er aufhört. Heute 11 Uhr (Delphi), morgen 10 Uhr (Arsenal), Samstag 18.15 Uhr (Akademie)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben