Zeitung Heute : Segnungen aus dem Internet

Die ägyptische Jugend verliert ihre Orientierung – zwischen westlichem und muslimischem Lebensstil. Daher haben Online-Dienstleister Hochkonjunktur, die lebensnahe religiöse Regeln erlassen

Andrea Nüsse[Kairo]

Ahmed will ein guter Muslim sein. Ahmed ist 21, er studiert Ingenieurswesen an der Universität Kairo, er betet fünf Mal am Tag, er steht dafür auch morgens um 4 Uhr 30 auf, und eines Tages, wenn er Geld verdient, will er eine Pilgerfahrt nach Mekka machen. „Das gehört zu den fünf Pfeilern des Islam“, doziert er ernst. Gekleidet in schwarze Stoffhose und weißes Hemd sitzt er an diesem Tag im Teehaus; in Kairo, westliche Innenstadt. Sich hier zu treffen war ihm lieber als im schicken neuen Coffeeshop um die Ecke, der zur Kette „Beanos“ gehört. Das Teehaus, in dem ägyptische Männer traditionell ihren Tee trinken und Wasserpfeife rauchen, ist eher seine Welt.

Ahmed ist kein Fundamentalist. Er gibt Frauen die Hand, er trägt keinen Vollbart . Er lebt in der Welt des traditionellen Islam – die nun zerrieben wird zwischen zwei erstarkenden Strömungen: den fanatisch Gläubigen und den fanatisch Säkularen. In der Bevölkerung wächst die Unsicherheit darüber, was islamisch richtig und was falsch ist. „Muss ich aufstehen und gehen, wenn jemand neben mir Alkohol trinkt, wie neulich bei der Felukkafahrt? Darf ich einer Frau noch die Hand geben, wenn ich bereits die rituelle Waschung für das Gebet vorgenommen habe?“ Solche Fragen stellen sich Ahmed. Sein Vater, ein Angestellter im Gesundheitsministerium, kann sie ihm ebenso wenig beantworten wie seine Freunde.

Seit Ahmed sich mit Freunden im Internetcafé trifft, hat er einen neuen Ansprechpartner für seine Fragen: Islamonline, den führenden Anbieter von alltagspraktischer islamischer Glaubensberatung im Internet; der Dienstleister hat eine eigene Abteilung zur Erstellung von Rechtsgutachten, Fatwas genannt. Meist geht es dabei um strittige Fragen des alltäglichen Lebens - von Handlungsanweisungen an Muslime. Sowohl Privatpersonen als auch staatliche Institutionen können Fatwas bestellen. Nur in den seltensten Fällen verbirgt sich dahinter ein Todesdekret wie das gegen den Schriftsteller Salman Rushdie. „Per Mail wird meine Frage schnell und verständlich beantwortet, und kostenlos“, sagt Ahmed. Abertausende Muslime haben ähnliche Fragen wie Ahmed, die Fatwa-Dienste in Ägypten haben daher Hochkonjunktur.

Die Redaktion von Islamonline liegt in einem unscheinbaren, vierstöckigen Gebäude im Stadtteil Dokki. Im Empfangsbereich hängen bunte Wimpel, der Linoleumboden ist abgewetzt, die Polsterstühle sind durchgesessen.

„Anfangs hatten wir etwa 50 Anfragen pro Tag, heute sind es 300“, sagt der stellvertretende Leiter der Abteilung für Rechtsgutachten, Massoud Sabri. Er trägt eine graue Hose und ein offenes Hemd, von den Insignien traditionellen Gelehrtentums keine Spur. Alle fünf Mitarbeiter, die hier Fatwas erlassen, haben aber mindestens einen Magister-Abschluss in islamischem Recht. Hinzu kommen etwa 100 Scheichs und Muftis von Amerika bis Indien, die online zugeschaltet werden. So beantwortet Scheich Mohammed al Moctar al Schinqiti vom Islamischen Zentrum in Lubback, Texas, an einem Sonntagnachmittag Fragen wie jene von Mona. Die will wissen, ob sie Fastentage nachholen muss, wenn sie im Ramadan entbindet. Die Antwort: Eine Schwangere ist ohnehin vom Fasten ausgenommen und muss daher nichts nachholen. Ein anderer, Benutzername „Confused“, will wissen, wie er seine Verlobte davon überzeugen kann, dass sie auch im Ramadan Zähne putzen darf. Sie fürchtet, Zähneputzen würde ihr so ausgelegt, dass sie in der Fastenzeit unerlaubt gegessen oder getrunken habe. Der Scheich verweist darauf, dass es nur darauf ankomme, nichts hinunterzuschlucken. Wasser im Mund haben ist nicht dasselbe wie Wasser zu trinken. Zähneputzen sei also erlaubt.

Viele Fragen drehen sich auch ums Geld: „Zum Beispiel“, sagt Massoud Sabri, „darf ich an der Börse spekulieren oder mein Geld gegen Zinsen bei der Bank anlegen?“ Die Antworten sind individuelle Fatwas, die nur für den Fragesteller gelten. Für Rechtsgutachten, die die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen betreffen, lässt man sich mehr Zeit: Ob muslimische US-Soldaten im Irak Dienst tun und notfalls auf Muslime schießen dürfen, darüber hatten mehrere Gelehrte lange beraten. Die Antwort lautet nun: Ja – wenn sie sich dem Befehl nicht entziehen können.

Islamonline wurde 1999 von dem umstrittenen ägyptischen Scheich Joussef al-Qaradawi aus Quatar gegründet, einem der Star-Prediger im panarabischen Sender Al Dschasira. Der einflussreiche Geistliche gilt als moderater Konservativer. „Wir wollen den Islam als Kultur vorstellen und zeigen, wie man ihn im täglichen Leben anwendet“, sagt der stellvertretende Chefredakteur des Webdienstes, Hossam El Din El Sayed Hassan, ein Mittdreißiger in Jeans und Turnschuhen.

Zwei Millionen Treffer täglich hat die Website heute: es gibt sie auch auf Englisch; dieser Dienst hat seinen Sitz auf der anderen Straßenseite. Doch ein modernes Gebäude in der Satellitenstadt „Sechster Oktober“ ist in Planung, und es werden ständig neue Mitarbeiter eingestellt. „Zurzeit richten wir einen Dienst ein, bei dem man Fatwa-Fragen per SMS stellen kann“, sagt Hossam. Die Antworten kommen allerdings per Mail, weil für ein Rechtsgutachten etwas mehr Worte nötig sind.

Die Fähigkeit, mit den neuen Medien umzugehen und die Art der Fragen legen nahe, dass die Kunden von Islamonline hauptsächlich junge Leute sind. Der Übergang von rechtlichen Fragen zu psychologischer Beratung ist fließend. So antworten manchmal auch Psychologen und Soziologen statt Islam-Gelehrter.

Ein 19-jähriger Mann aus Syrien etwa schwankt zwischen westlichem und islamischem Lebensstil, mal trifft er Mädchen, mal schließt er sich ein zum Beten. Er ist verzweifelt. Er will sterben, sagt er, weiß aber, dass der Islam den Selbstmord verbietet. Der Berater von Islamonline nimmt sich viel Zeit. Er kritisiert, dass heute alle nur noch schauten, was ihnen das Leben bieten könne, aber nicht mehr, was sie selbst anderen geben könnten. Stattdessen solle man den Geist des Islam wiederbeleben und lernen, anderen zu geben. Das werde die innere Leere vertreiben.

Der Fragewut scheint eine große Verunsicherung zugrunde liegen. Die Leiterin der psychologischen Abteilung im Behman-Krankenhaus, der ersten privaten psychiatrischen Anstalt in Ägypten, kennt dies von ihren Patienten: „Die Jugend ist hin- und hergerissen zwischen westlichem Einfluss und religiösem Extremismus“, sagt Georgette Savvides in ihrem Büro in der gepflegten und von blühenden Oleanderbüschen umgebenen Anlage in Helwan südlich von Kairo; die 33-Jährige hat in Kairo und London studiert. Die Menschen seien aus dem Gleichgewicht geraten und kopierten blind. Den einen Lebensstil oder den anderen. Viele Menschen bräuchten „ständige Bestätigung und Rückversicherung“.

Doch hier liegt auch die Gefahr.

Politische Kommentatoren sprechen von einer „Überflutung durch Fatwas“. Die Menschen würden ermuntert, den eigenen Verstand auszuschalten, selbst wenn sie mit einfachsten Alltagsdingen konfrontiert seien. Zudem hat der spektakuläre Erfolg von Islamonline und Fernsehpredigern auch die ehrwürdige Kairoer Al-Azhar-Universität aufgeschreckt. Sie versteht sich in Sachen sunnitischer Islam als höchste Autorität weltweit. Seit 1875 können sich Gläubige im Dienstbüro Dar-al-Ifta Rechtsgutachten abholen. Dort bemängelt man die fehlende Qualifikation der neuen Konkurrenz. „Wir haben eine lange Gelehrtentradition auf unserer Seite“, sagt der Leiter der Fatwa-Abteilung, Mufti Mohammed Wissam, der im dritten Stock eines repräsentativen Gebäudes hinter der Moschee sein Büro hat. Er trägt ein bodenlanges Gewand und einen rot-weißen Turban. Seit seinem zehnten Lebensjahr lernt er an der Al-Azhar, er kann den gesamten Koran auswendig. Sich der Moderne verschließen, das wollten er und die Kollegen nicht, sagt Wissam. Seit einem Jahr hat seine Institution einen Online-Dienst für Fatwa-Fragen, in Arabisch, Englisch, Französisch und Deutsch.

Im Wartezimmer von Mufti Wissam sitzen zwei Frauen und ein Mann mit einer Wartenummer in der Hand. Nur noch etwa 30 Menschen kommen persönlich am Tag hierher. Sie haben komplexe Fragen zum Erbschafts- oder Scheidungsrecht. Etwa 2000 Fragen gehen jeden Monat ein – deutlich weniger als bei Islamonline. Die Glaubwürdigkeit der Al-Azhar leidet darunter, dass sie dem ägyptischen Staat unterstellt ist. Sie steht unter dem Verdacht, politische Positionen des Regimes religiös abzusegnen. Mufti Wissam widerspricht. Bei unterschiedlichen Antworten der verschiedenen Rechtsschulen suche man sich die „moderateste“ heraus, um den Menschen das Leben zu erleichtern. Eigentlich dominiere in Ägypten die strengere Rechtsschule Al Shafa’is. Aber oft greife man dennoch eher auf die Schule Abu Hanafis zurück, weil sie „logischer“ und einfacher anzuwenden sei. Diese erlaube beispielsweise, dass Männer auch nach der rituellen Waschung für das Gebet Frauen die Hand geben. Die gleiche Antwort hat der Student Ahmed bei seiner Anfrage bei den Turnschuhgelehrten von Islamonline bekommen.

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