Zeitung Heute : Sehen und gesehen werden

Das Studentenfestival Sehsüchte ist an der HFF ein Publikumsrenner – und eine Kontaktbörse für junge Filmemacher

Lena Hach

Die ersten ungeduldigen Mails aus aller Welt kommen schon an. Denn noch sind die Anmeldeformulare für „Sehsüchte“ nicht auf der Homepage zu finden. Und so muss Aurore Giraudon, Mitorganisatorin des internationalen Studentenfilmfestivals aus Potsdam, die nervösen Filmemacher beruhigen, die den Einsendeschluss auf keinen Fall verpassen wollen.

Nicht nur bei Filmschaffenden ist das Festival beliebt. Es ist auch ein Publikumsrenner, das größte seiner Art in Europa. Jährlich kommen tausende von Besuchern. Alles begann 1972: Als im Rahmen der FDJ-Studententage Filme von Studierenden gezeigt wurden, glich die Veranstaltung noch einer wissenschaftlichen Leistungsschau. In den ersten Jahren waren nur Filme aus dem so genannten befreundeten Ausland zu sehen, schließlich fanden auch Filme aus dem früheren Westdeutschland ihren Platz. Nachdem das Festival nach der Wende als eigenständige Veranstaltung zu verschwinden drohte, belebten es Studierende 1995 neu. Im kommenden Jahr findet es zum 37. Mal statt.

Die Organisation des Festivals ist mittlerweile fester Bestandteil des Studiums der Medienwissenschaften an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ (HFF). Hier sollen praktische Erfahrungen gesammelt werden. Gemeinsam mit Kommilitonen war Giraudon dieses Jahr für das Programm zuständig: „Man hat unser Team daran erkannt, dass wir so blass waren.“ Sie hatten 800 Einsendungen – insgesamt über 3014 Filmminuten – gesichtet. „Feste Auswahlkriterien haben wir keine“, sagt Giraudon, „Hauptsache, die Arbeiten sind von Studenten und kommen aus der ganzen Welt.“ So wurden dieses Jahr 135 Filme aus insgesamt 37 Ländern im Potsdamer Thalia Kino gezeigt. Ein besonderer Fokus lag auf Filmen aus der Andenregion, nächstes Jahr stehen Filme aus Afrika im Mittelpunkt. Es sollen stets Regionen vorgestellt werden, über die aus Filmen oft wenig bekannt ist.

„Ich hatte keine Ahnung dass es immer noch so große Unterschiede gibt – sei es in der Verwendung von Technologie oder der Erzählweise“, sagt Ben Kalina. Der 31-Jährige aus den USA gewann dieses Jahr mit seiner einfühlsamen Familienstudie „Diorama“ in der Kategorie Spielfilm. „Der Preis bedeutete viel für mein Selbstvertrauen als Regisseur im Bereich Fiktion, obwohl ich in den letzten Monaten hauptsächlich an dokumentarischen Projekten gearbeitet habe.“

In elf Kategorien, darunter etwa bestes Drehbuch und bester Animationsfilm, werden Preisgelder im Wert von insgesamt 38 000 Euro verliehen. Eine Menge Geld für junge Filmschaffende. „Würde ich meinen Kontoauszügen zu viel Aufmerksamkeit schenken, müsste ich wahrscheinlich den Beruf wechseln", beschreibt Kalina die Situation. Um über die Runden zu kommen, arbeitet er neben seiner Regiearbeit als Produzent für andere Filmemacher. So ist Sehsüchte auch eine Kontaktbörse für Filmbegeisterte, bei der die Leidenschaft die wohl größte Rolle spielt.Lena Hach

Weitere Informationen unter:

www.sehsuechte.de

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