Zeitung Heute : Sehr hoch gegriffen

ISABEL HERZFELD

Der erst 16jährige Pianist Jonathan Gilad in der PhilharmonieISABEL HERZFELDMit zehn Jahren Preisträger beim Pariser Mozart-Wettbewerb, ein Jahr später schon Gewinner des "Premio-Mozart" für Jugendliche in Genf sowie Auszeichnungen an den Studienorten Marseille und Salzburg - Vorschußlorbeeren genug, um den Berliner Auftritt von Jonathan Gilad mit Spannung zu erwarten.Mit einer rasanten Einspringer-Karriere hat der Sechzehnjährige bereits begonnen, im vorigen Jahr für Maurizio Pollini in Chicago, nun für Daniel Barenboim in der Philharmonie.Festival-Einladungen, die großen Orchester, CD-Aufnahmen stehen auf dem Plan.Kann das gut sein? Stabil und selbstbewußt wirkt er durchaus, wenn er das große leere Podium betritt.Und bei Mozarts hinterlistig-vertrackter D-Dur-Sonate KV 576 horcht man erst einmal auf: Gilad bietet eine angenehm klare, flüssige Technik, eine akzeptable Mischung aus Gefühl und Kalkül.Aber auch keine Überraschungen, nichts, was ein begabter, intelligenter Spieler nicht auch einer x-beliebigen Aufnahme nachspielen könnte.Viele schematische Wendungen, etwa der immer gleiche Rubato-Einsatz des Moll-Themas im Adagio, sprechen dafür.Und die Kantilene ist noch nicht erfüllt im Sinne eines konzentrierten Nachhörens, entbehrt der klanglichen Tiefenschärfe durch bewußt gesetzte Unterstimmen.Kann sich hier immerhin noch eine adäquate Natürlichkeit spielerisch entfalten, so ist Beethovens A-Dur-Sonate denn doch ein vermessener Griff nach den Sternen.Da bleibt die "innigste Empfindung" in zaghaft säuselnder Tongebung und bemühten Zäsuren stecken, ist im "Vivace alla Marcia" oder in der wahnwitzigen Fuge kaum einmal ein wirklicher Kraftaufschwung zu entdecken.Alles geht dem jungen Pianisten leicht von der Hand, zu leicht.Warum muß es für die ganz Jungen eigentlich immer der späte Beethoven sein, statt vielleicht mal eine der aufmüpfig-witzigen Sonaten aus op.2 oder op.10? Ein wenig anders liegen die Dinge bei den Händel-Variationen von Johannes Brahms: ein eher barock-verspielter Gestus, die Lust am schieren Können im Kompositions- wie Pianistenhandwerk entspricht Gilad und fordert ihn heraus.Schon das Thema lockt mit neckisch-spitzigen Trillern, die von Girlandenwerk umschlungenen Oktav-, Quint- und Sextkaskaden prasseln nur so herunter, und in mancher verschatteten Moll-Variation überraschen heimliche Mittelstimmen-Seufzer.Die tiefgründige Leidenschaft aber, die den triumphalen Schluß erst rechtfertigt, sollte Gilad sich bald Zeit nehmen zu entdecken.

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