Zeitung Heute : Seht her, ich bin eine Nachricht - Erst das Fernsehen, dann die Partei

Joachim Huber

Die CDU findet momentan im Fernsehen statt, und vielleicht nur im Fernsehen. Wenn die Informationen stimmen, erfahren die Parteimitglieder über den Bildschirm mehr als über die Mitteilungen ihrer Zentrale und ihrer Kreisverbände. Präsidiumsmitglieder fragen ihren Vorstand in Klausur und Sitzung nicht, also antwortet der Vorstand auch nicht. Dann fragen und recherchieren eben Journalisten, worauf die CDU-Spitze nicht ins Präsidium, sondern ins Fernsehstudio eilt.

Warum gehen Spitzenpolitiker für den Moment der Verkündigung so gerne ins TV? Gehen sie überhaupt gerne? Fernsehen ist schnell, das Medium erreicht Millionen - und es wird ihm attestiert, in seinem Live-Charakter unverfälscht zu sein. Wer hier auftaucht, glaubt an die Chance, dass er ohne Filter über sich informieren und anschließend über seine Wirkung befinden kann.

"Mitten im Leben" heißt das Motto der CDU - fürs Fernsehen gilt dieses Motto nicht. Denn etwas Künstlicheres, vom Leben Abgewandteres als ein Fernsehstudio gibt es kaum. Ein Fernsehstudio hat eine seltsame, eigene Aura, es verwandelt und schafft sich seine eigene Wirklichkeit. Der Zuschauer reagiert auf Erscheinung, Äußeres, Bewegung, da ist die Krawattenfarbe beinahe so entscheidend wie die Aussagen, die einer macht. Kohl und Schäuble können mit dem Medium nicht umgehen, es gehen ihnen die Schau- und Showwerte ab. Kohl konnte das Fernsehen noch - beinahe - ignorieren, Schäuble kann das nicht mehr.

Fernsehen ist Inszenierung. Die Politiker behaupten, real zu sein. Nun, in der CDU-Affäre, sind die Politik und das Fernsehen zum ersten Mal deckungsgleich. Es ist kein Unterschied mehr zu erkennen. Was das politische Bonn über viele Jahrzehnte in seinem Innersten ausgemacht hat, war schon vor dem Regierungsumzug erledigt - die Gewohnheit, in Partei-, Fraktions- und Koalitionszirkeln zu beraten, zu besprechen, zu beschließen und dann in der Bundespressekonferenz zu verlautbaren. Das war vorbei, als das neue, duale Fernsehsystem von privaten und öffentlich-rechtlichen Veranstaltern entstand, mit dem Beginn des Wettbewerbes um die Nachricht. Wo Ernst Dieter Lueg dem Politiker ein Mikrofon hinhielt, warten heute Dutzende von Luegs mit einem Wald von Mikrofonen.

Mit den Fernsehauftritten von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble ist eine neue Qualität dieses Phänomens erreicht. Vor dem Fernsehauftritt gibt es keine Öffentlichkeit, und keine Nachricht. Ich selbst bin die Nachricht, ruft uns das Fernsehen zu. Mehr noch: Erst das Fernsehen erschafft die Öffentlichkeit. Ohne Fernsehen gibt es sie nicht.

Das Medium spielt mit. Gegenüber allen Spitzenpolitikern besteht eine Dauereinladung. Die Spitzenpolitiker wissen das, sie bestimmen über die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Ein Helmut Kohl taucht nicht ohne Absicht auf dem ZDF-Schirm auf. Seine Entourage sagt, dass eigentlich die ARD mit dem Interviewpartner Fritz Pleitgen, er ist Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), angezielt gewesen sei. Die ARD-Gesetze aber verlangen, dass derartige Gesprächssendungen Sache der Chefredakteure seien. Da kommt auch Pleitgen nicht vorbei. Eine Marion van Haaren (WDR und links der Mitte) und ein Sigmund Gottlieb (Bayerischer Rundfunk und rechts davon) sind freilich ein infernalisches Interview-Duo - auch für den Zuschauer. Deshalb also ging Helmut Kohl zum ZDF. Wolfgang Schäuble dagegen ging zur ARD und traf nicht auf van Haaren/Gottlieb, sondern auf die Chefredakteure Volker Herres (Norddeutscher Rundfunk, links von der Mitte) und Wolfgang Kenntemich (Mitteldeutscher Rundfunk und rechts davon).

Zu den großen Privatsendern geht kein namhafter Konservativer von Graden, obwohl die Konservativen das Privatfernsehen auf den Bildschirm brachten. Heute wollen sie und andere Politiker von RTL, Sat 1 und Pro 7 nichts wissen, das sind in ihren Augen politische Flöhe, die einem Gerhard Schröder per Comedy auf den Pelz rücken. Ob der SPD-Kanzler daraus lernt, dass die Popularitätswerte von Gerhard Schröder in dem Maße steigen, wie die Fernsehpräsenz der CDU-Spitze steigt und seine temporär abgenommen hat?

Geht es in diesem Tempo weiter, wird die Politik das öffentlich-rechtliche Fernsehen okkupieren, wie Piraten, die ein Schiff kapern. Welcher Senderverantwortliche wird dem nächsten (CDU-)Sünder die Studiotür weisen, wenn eine Beichte ansteht? Was heute noch eine Überraschung ist, kann morgen schon eine Gewohnheit sein. Nicht auszuschließen ist allerdings, dass die politische Öffentlichkeit, sobald die Fernsehweide abgegrast ist, weiterzieht und das nächste Medium ansteuert - vielleicht die Online-Medien. Dann, im interaktiven Zeitalter, wenn der Rückkanal die Umschalttaste abgelöst hat, wird die Unvollkommenheit der gegenwärtigen TV-Beichten ihr Ende finden - die Möglichkeit zur Absolution kommt hinzu. Sie wird nicht zwangsläufig gewährt werden, aber ihr Ja oder Nein wird in den Wohnzimmern abrufbar sein.

Das oft unterschätzte Risiko des öffentlichen Auftritts wird bleiben. Kohl und Schäuble in Fernsehen und Internet sind nicht authentischer als in Hörfunk und Print, sie müssen nicht ehrlicher sein. Sie sind nur in Echtzeit da.

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