Zeitung Heute : Sei mein Held

General, Spion oder der Teufel höchstpersönlich? Fünf Computerspieler erzählen von ihrer großen Liebe.

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Mein Haus, mein Auto, mein Computerheld. Wonach wählen Spieler ihre Helden aus? Wo liegen die Unterschiede zwischen den 30 Prozent Frauen und den 70 Prozent Männern, die am Computer spielen? Friedlich oder aggressiv, niedlich oder Furcht einflößend – die Eigenschaften der digitalen Helden sind so vielseitig wie unsere Träume und Fantasien.

Diese neue Generation von Helden, die ihren Fans so viel näher ist als die alten Helden aus Kino, Sport und Politik, wurde geboren, als die Computer das Spielen lernten. Die ersten Figuren waren Donkey Kong oder Pacman. Die Helden wurden immer vielseitiger und mittlerweile sind sie so abwechslungsreich, dass sie ihre Spieler oft jahrelang begleiten. Man schaltet sie nach Belieben an und aus, kann sie verbotene Dinge tun lassen oder zum Spaß vor das nächste Auto oder in eine nahende Übermacht von Höllenhunden steuern. Und obwohl sie dem Willen der Spieler unterworfen sind, büßen sie ihren Heldenstatus nicht ein. Niemand würde seinem Helden außer zu Testzwecken ernsten Schaden zufügen. Durch die viele Zeit, die die Spieler mit ihnen verbringen und die virtuelle Welt, die sie mit ihnen teilen, machen sie die Spieler vielmehr selbst zum Helden. Sie kämpfen sich mit ihnen durch die verschiedenen Level und Szenarien und riskieren ihre Leben, von denen es zum Glück meist mehrere gibt.

Ob die Spieler mit ihren virtuellen Helden stets das Richtige tun? Wohl ebensowenig wie im realen Leben. Sie werden also in demselben Maße heldenhafter, wie ihre Helden menschlicher und fehleranfälliger werden. Das Beruhigende dabei ist, dass man die meisten Spiele vor wichtigen Entscheidungen abspeichern und es noch einmal versuchen kann.

Heinrich Lob, 25, Biologiestudent aus Eschau, mag am liebsten „Diablo“:

„Ich spiele „Diablo“ seit ungefähr zwei Jahren. Darauf gestoßen bin ich, als ich einen Freund besuchte, der es sich gerade gekauft hatte. Das Spielprinzip ist denkbar einfach, vielleicht gefällt mir ja gerade das: Man muss einfach so viele Dämonen, Skelette, Werwölfe und Zombies plattmachen wie möglich und dadurch die Kampf und Zauberkraft seiner eigenen Spielfigur steigern. Da gibt es keine Rätsel zu lösen oder keine Dialoge zu führen wie in den meisten anderen Fantasyspielen, die oft wirklich knifflig sind.

Wie bei vielen anderen Rollenspielen gibt es bei „Diablo“ verschiedene Charaktere zur Auswahl: Die einen können besser kämpfen, die anderen besser zaubern, wieder andere haben besondere Fähigkeiten. Ich habe eigentlich keinen besonderen Lieblingscharakter. Wenn man den Druiden nimmt, ist das Spiel etwas schwerer, das macht es dann spannender.

Mit den Helden von „Diablo“ sollte man sich nicht unbedingt identifizieren, das steigert nur den Realitätsverlust. Aber richtig identifizieren sollte man sich sowieso mit niemandem. Klar kann man Vorbilder haben oder die Leistung von Menschen würdigen, aber sie als Helden glorifizieren? Es gab mal eine Zeit, da habe ich Liam Gallagher, den arroganten Sänger von Oasis, als meinen Helden nachgeahmt. Irgendwann hatte ich keine Freunde mehr. Die Zeit ist zum Glück vorbei.“

Linus Volkmann, 29, Musikjournalist aus Köln. Sein Held ist der kleine „Spyro“:

„Vor Jahren habe ich mir eine alte Playstation 1 angeschafft, für den Fall, dass in meinem realen Leben die Balken „Mädchen“, „Drogen“ und „allgemeiner Lebenswille“ unter 50 Prozent absacken. Meine Lieblingsfigur ist „Spyro“, der fette Drache, der durch düstere Welten läuft und nur Juwelen einsammeln will. Das ist nah an einem selbst, wie ich finde.

Computerspielen war schon immer etwas Tolles für mich, fast noch besser als Fernsehen. Mein Vater nahm mich an den Wochenenden mit in die Spielhalle: Er flipperte, ich spielte Videospiele. Später spielte ich Atari, Commodore 64 und Super-Nintendo - in die Spielhalle gehe ich immer noch gerne. An „Spyro“ geriet ich eher zufällig. Ich bat eine Freundin, mir das Spiel zu leihen, in das ihre dreijährige Tochter so vernarrt war. Ich dachte, was das kleine Kind kann, kann ich sicher auch - und besser. Außerdem halte ich „Jump and Run“ für das sinnvollste Genre, denn es gibt einem das Gefühl, man kommt bei irgendwas voran.

Sportsimulationen sind für mich das Allerschlimmste. Wer gerne surfen oder Skateboard fahren will, sollte das ruhig tun, aber doch bitte nicht am Bildschirm. Nach meinem glänzenden Triumph bei Spyro habe ich mir vor kurzem den neuen Teil „Spyro 2 - Gateway To Glimmer“ gebraucht im Internet besorgt. Der Winter kann also meinetwegen kommen.“

Ulrich Wirtz, 35, Architekt aus Köln, hat eine Frau als Heldin:

„Ich bin nicht mit Computerspielen groß geworden, sondern spiele erst seit etwa einem Jahr. Mein persönlicher Favorit ist das Spiel „No One Lives Forever“ mit der Heldin Cate Archer. Vor allem gefällt mir sein Style: Das Spiel orientiert sich an James Bond-Filmen der Sechziger und dem Design und der Musik dieser Zeit, vor allem Easy Listening und Jazz. Die Hauptfigur ist eine attraktive Agentin, sehr schlagfertig in Konflikt-Situationen und in jedem Fall äußerst sympathisch.

Ich finde es gut, wenn ein Computerspiel lustig und unbeschwert und die Spielwelt nicht extrem feindselig ist, sondern selbst in den spannenden Momenten nicht auf Humor und Ironie verzichtet wird. Die typische Geheimwaffe, die einem Geheimagenten aus jeder Situation heraushilft, ist bei Cate Archer zum Beispiel als Pudel getarnt, und die Dialogszenen bieten viel Wortwitz.

Eine weibliche Spielfigur zu spielen finde ich nicht problematisch, da ich mich nicht wirklich mit ihr identifiziere. Mir ist schon bewusst, dass ich da gerade eine Frau spiele, aber ich stelle mir nicht vor, dass ich diese Person tatsächlich bin. Wenn schon, identifiziere ich mich eher mit dem Spiel, mit seiner Story und seinem Setting. Gefallen hat mir dabei auch die filmartige Umsetzung des Spiels, das eigentlich eher ein „interaktiver Film“ ist. Mittlerweile hab ich das Spiel fünfmal durchgespielt, und bin ziemlich gespannt auf Teil 2, der Ende 2002 erscheint.“

Samantha Bail, 17, Schülerin aus Weingarten, mag den unerfahrenen „Link“:

„Anfangs spielte ich „Zelda“ auf dem Gameboy, später dann auf der N64-Konsole, obwohl ich Computer- oder Konsolenspiele sonst gar nicht so gerne mag. Fantasy-Abenteuer fand ich dagegen schon immer Klasse, egal ob in Büchern oder in Filmen - und jetzt konnte ich sogar selbst den Helden spielen, super! Link, die Hauptfigur des Spiels, ist noch sehr jung und unerfahren, das hat mir gut gefallen. Ich fand es toll zu sehen, dass auch kleine Menschen Helden sein können. Dicke, bärtige Klempner und muskelbepackte Agenten fand ich schon immer doof, mit so was kann ich mich absolut nicht identifizieren.

Link muss in dem Spiel öfter gegen Monster oder böse Tiere kämpfen. Das finde ich nicht schlimm, aber mir machen die Rätsel und Geschicklichkeitsspiele mehr Spaß. Es gibt verschiedene Episoden von „Zelda“. Meine liebste ist „Ocarina of Time“, da kann man in Links Vergangenheit reisen und sehen, was er als Kind so erlebt hat. Dadurch kann man seine Persönlichkeit viel besser verstehen und sich gut in ihn hineinversetzen, was das Spiel noch spannender macht. Ich finde es gut, dass Link als Held auch mal unfreundlich ist oder verbotene Sachen macht. Man kann ihn zum Beispiel im Laden was klauen lassen, er ist also niemand ohne jede menschliche Schwäche.

Früher war mein großer Held Indiana Jones, jetzt suche ich mir meine Helden eher im musikalischen Bereich. Die Beatles natürlich, Nirvana und meine ganz persönlichen Helden Miles, eine Band aus Würzburg, deren Musik ich schon seit Jahren höre. Wenn jemand perfekte Songs schreiben kann, dann ist er in meinen Augen schon ein Held, oder nicht?“

Lora Mroz, 25, Studentin aus Frankfurt/Main, mag Videohelden aus dem Mittelalter:

„Meine Lieblingsspiele sind die, bei denen ich nicht in eine einzelne Person hineinschlüpfe, sondern ein ganzes Volk oder eine Armee steuern kann. Bei meinem Lieblingsspiel „Black & White“ ist das auf die Spitze getrieben: Ich spiele einen Gott und kann selbst entscheiden, ob ich gütig oder strafend sein möchte, Vertrauen erwecken oder Angst einflößen will. Ich regiere ein Land namens „Eden“ und seine zunächst ziemlich planlosen Bewohner. Mit einer virtuellen göttlichen Hand picke ich einzelne Figuren aus meinem Volk heraus und schicke sie in der Spielwelt herum, gebe ihnen Aufgaben und bringe sie zusammen, damit sie sich fortpflanzen. Hier und da lasse ich ein Wunder geschehen, damit sie auch schön an ihren Gott glauben - also an mich. Ich fand es sehr interessant zu beobachten, wie ich mich verhalte als Allmächtige. Meinen Schäfchen ging es eigentlich sehr gut. Nur hin und wieder habe ich sie gequält, aber mehr um auszuprobieren, was dann passiert und welche Auswirkungen es hat.

Die meisten Spiele, die ich mag, sind im Mittelalter oder zumindest vergangenen Zeiten angesiedelt. Ich kann schwer sagen warum, vielleicht weil ich Autorennen jeden Tag auf der Autobahn haben kann? Ich finde es schöner, einem Heer von Bogenschützen den Befehl zum Angriff zu geben, als einer Flotte von Raumschiffen. Aber eigentlich ist das eine reine Geschmacksfrage, denn wenn man ehrlich ist, sind diese Strategiespiele nichts weiter als eine ausgeschmückte Erweiterung des Schachspiels.

Aufgezeichnet von Christoph Koch

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