Zeitung Heute : Seid wachsam!

ALBRECHT DÜMLING

Gary Bertini dirigiert die "Jüdische Chronik" in der PhilharmonieALBRECHT DÜMLINGDie Berliner Festwochen von 1987 und von 1997 sind verbunden durch die "Jüdische Chronik", die die Themen "Exil" und "Deutschlandbilder" umgreift.Der Antisemitismus, der viele Deutsche in die Flucht trieb, lastete nach 1945 als Hypothek auf beiden deutschen Staaten.Doch gerade bei diesem Thema kam es am ehesten zu einer Annäherung zwischen Künstlern aus Ost und West: In einer Gemeinschaftskomposition auf einen Text von Jens Gerlach erinnerten Boris Blacher, Paul Dessau, Karl Amadeus Hartmann, Hans Werner Henze und Rudolf Wagner-Régeny im Jahre 1960 angesichts aktueller Vorfälle an die gemeinsame Verantwortung gegenüber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.Das wegen seines unbequemen Appells selten aufgeführte Werk ist trotz künstlerischer Anachronismen aktuell geblieben.Daß es jetzt in der Philharmonie anders wirkte als vor zehn Jahren am gleichen Ort, lag nicht allein nur an den veränderten politischen Verhältnissen oder an der heutigen Zurückhaltung gegenüber Bekenntniskunst (Henze ausgenommen).Die veränderte neue Wirkung erklärte sich auch aus der deutlich verstärkten Rolle des Chores.Er stand, wie es auch bei der verunglückten "Maßnahme"-Aufführung hätte sein müssen, als Protagonist im Zentrum, flankiert von Musikern des Deutschen Symphonie-Orchesters.Als Stimme des gemeinsamen Gewissens schlug der Chor so eine Brücke zwischen Ausführenden und Zuhörern. Die von Henze komponierten Chorpartien sind die künstlerisch anspruchs- und wirkungsvollsten Teile des Werks.Bewußt nüchtern hatte Blacher mit dem Prolog begonnen.Auch Wagner-Régeny überließ die Warnungen vor neuem Antisemitismus den nur sparsam begleiteten Gesangssolisten Elisabeth Wilke (Alt) und Matthias Weichert (Bariton).Erst mit dem Blick auf die Vergangenheit und damit auf die Opfer wurde die Musik klang- und ausdrucksvoller, was den Personalstilen der beteiligten Komponisten dramaturgischen Sinn gab.Der orchestralen Expressivität Karl Amadeus Hartmanns im 3.Teil ("Ghetto"), vor allem von den Holzbläsern des DSO (Oboe!) spannungsvoll musiziert, ließ Henze in "Aufstand" erstmals den vollen Chorklang folgen.Die berichtende Distanz wich damit der Nähe, der Identifikation. Ähnlich wie in Schönbergs "Überlebendem von Warschau" folgte der Aufstand dabei aus einem religiösen Impuls.Nur von wenigen Instrumenten gestützt, übernahm der verstärkte Ernst Senff-Chor im konzentrierten Wechsel von Singen, Rufen und Flüstern, von Frauen- und Männerstimmen, die differenzierte Aktion, ließ den Rebellen sein Volk zum Widerstand aufrufen und dann wie Jesus foltern und töten.Den nachfolgenden Bericht über den Aufstand, von Paul Dessau als perkussionsbegleiteter Sprechchor komponiert, steigerte Gary Bertini zu einer infernalischen Dramatik, die schon das fulminante Finale der nachfolgenden 1.Symphonie Gustav Mahlers vorwegnahm. Der chorische Aufschrei, der zwischen den beiden Programmhälften vermittelte, leitete in die Gegenwart zurück, eingeleitet vom Sprecher Daniel Morgenroth mit den Worten "Dies geschieht heute".Die Davidssterne an Synagogen, die Hakenkreuze an jüdischen Friedhöfen, die Drohbriefe - alles das gibt es in der Tat bis heute.So verlor auch der mehrfach wiederholte Ruf "Seid wachsam!", mit dem die Komposition verhalten endete, nicht an Aktualität.Dieser Appell gehört weiterhin zu unseren Deutschlandbildern und darf nicht ausgeblendet werden.

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