Zeitung Heute : Seidenblaue Tage im Norden

RAINER W.HAMBERGER

Norwegens Hafenstadt Bergen / Seefahrt und Fisch im Mittelpunkt, doch auch so manche kulturelle Entdeckung ist zu machenVON RAINER W.HAMBERGER

Kanonendonner über die Köpfe tausender Menschen hinweg, darüber die Masten des riesigen Schiffes, fast so hoch wie die höchsten Gebäude der Stadt.Ganz oben, in schwindelerregender Höhe, turnen Matrosen in den Wanten, um die Segel zu bergen.Nicht nur Touristen drängen sich am Kai.Auch Bergenser sind gekommen, um die "Statsrad Lemkuhl" in ihrem Heimathafen zu begrüßen, mit Salutschüssen aus einer alten Kanone.Anschließend wird Proviant verladen.Ein Steuermann geht an Land und ist im Nu von der Menschenmenge umringt, die ihn nach dem Verlauf der letzten Fahrt befragt.Heute wird die Mannschaft ausgewechselt.Auch einige Amateure sind wieder dabei.Sie möchten einmal in die Praxis alter Segelschulschiffe hineinschnuppern. Norwegen macht Lust auf die Seefahrt.Überall in dieser Stadt wird man daran erinnert: im Hanseviertel, auf dem Fischmarkt, beim Rundblick vom 300 Meter hohen Aussichtsberg Flöyen und abends beim Einlaufen des Schulschiffes.Die Musik Edvard Griegs, des berühmtesten Sohnes der Stadt im Herzen des Fjordlandes, erzählt ja nicht nur von Stürmen an fremden Küsten, sondern auch von der glücklichen Heimkehr Peer Gynts. Während vieler Besuche in dieser ehemaligen Hansestadt erlebten wir sie, die hellen, seidenblauen Tage des nordischen Sommers, wie sie nur unter dem frischgewaschenen Himmel an Norwegens Westküste anzutreffen sind.Die Luft ist hier so sanft und mild, als wollte sie uns für das oft rauhe Wetter auf dem Fjell entschädigen. Bergen ist eine der ältesten Städte Norwegens; sie wurde bereits im Jahre 1070 gegründet.Als im 12.und 13.Jahrhundert das norwegische Reich auf der Höhe seiner Macht stand und die Geschäftsverbindungen am lebhaftesten waren, wurde Bergen Landeshauptstadt.Der Handel mit Fischereiprodukten brachte der Stadt Bedeutung und Ansehen.In Bergen stapelten sich damals die getrockneten Fische aus Norwegens Norden meterhoch.Von hier aus wurden sie weiter verkauft in die Städte im Süden des Landes.Nachdem die Hanseaten den Handel übernommen hatten, siedelten die Könige nach Oslo über.Der Namen des Handelsviertels am Hafen aber blieb: Tyske Bryggen, die deutsche Brücke, seit 1945 heißt sie nur noch Bryggen, die Brücke. In alten Chroniken ist überliefert, daß Bergen im 12.Jahrhundert einen ungeheuren Zustrom von Schiffen und Kaufleuten aus allen Gegenden, vornehmlich aus Island, Dänemark, England, Deutschland und Schweden erfuhr.Das Warenangebot war damals schon sehr vielfältig und umfaßte Stoffe, Schmuck, Gewürze, Wein, Getreide und Werkzeuge.Wäre die deutsche Hanse nicht ein so hervorragend organisierter Handelsverband gewesen, wäre Bergen englischer Handelsstützpunkt geworden.Im katholischen Mitteleuropa benötigte man als Fastenspeise viel Trockenfisch, was dem Dörrfischhandel der Hanse sehr entgegenkam.Als im 13.Jahrhundert in Norwegen eine Hungersnot ausbrach, gelang es der Hanse, die rechtliche Grundlage für die Niederlassung in Bergen zu erhalten.Mehr als vierhundert Jahre dauerte die hanseatische Vorherrschaft in dieser Stadt.An der Giebelfront der Bryggen vorbei führt der Weg zur Talstation der Flöyenbahn, einer Kabelbahn, die auf Schienen bis auf etwa 300 Meter Höhe hinaufgezogen wird.Von unten ist die zwischen dichtem Grün liegende Bergstation kaum zu erkennen.Doch vom Gipfelplateau aus weitet sich dann die Sicht über die dicht begrünten Hügel, über die Stadt, die sich auf Halbinseln weit in den sanften Fjord hinausschiebt, und bis hinaus auf den offenen Atlantik.Mit einem schmalen Arm greift er zwischen langgestreckte Halbinseln mit städtischen Vororten hinein.Im Hafen bilden Segelmasten einen Wald wie aus Streichhölzern.Weiter draußen öffnet sich die Bucht, und das Festland löst sich auf in viele Inseln unterschiedlicher Größe. Passagierschiffe verkehren zwischen den Eilanden und nehmen Kurs auf die Stadt, oder sind zu einer Kreuzfahrt ausgelaufen.Vor wenigen Stunden muß auch die Hurtigrute abgelegt haben.Bergen ist Ausgangpunkt der elftägigen Seereise, die auch Touristen sehr schätzen.Läuft sie doch während der Fahrt nach Norden viele schmucke Hafenstädtchen und Inseln an, die sonst nicht auf dem Landweg zu erreichen sind.Nachdem sie das Nordkap passiert hat, legt sie in Kirkenes dicht vor der russischen Grenze an, um von dort den Rückweg nach Bergen anzutreten.Auf der Rückreise nach Süden wird teilweise in anderen Städten Station gemacht und wieder gibt es Gelegenheiten für Landausflüge. Wer es eiliger hat, der nützt Flugverbindungen in den hohen Norden.Die Mehrzahl der Reisenden wird auch nicht nach Bergen kommen, um sofort mit dem Schiff die Reise fortzusetzen.Viele Sehenswürdigkeiten liegen in und rund um die Stadt verstreut. Da lockt zunächst ein Rundgang über den Fischmarkt.Er ist nicht nur eine Verkaufsstelle für Fische.Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus ein richtiger Markt, auf dem auch allerlei nicht eßbare Souvenirs angeboten werden.Gegen 10 Uhr am Vormittag erreicht das Treiben seinen ersten Höhepunkt.Die Terrassencafés haben sich gefüllt.Zwischen den Verkaufsständen und Restaurants haben zwei Matrosen Geige und Akkordeon ausgepackt und spielen zur Freude der Gäste Seemannsweisen auf.Einer der Fischstände ist besonders umlagert.Hier kann man sich lebende Fische aus einem Bassin aussuchen.Der Fischhändler greift den gewünschten Fisch mit sicherer Hand und präsentiert ihn, quasi als Reklame, dem staunenden Publikum.Dann legt er ihn auf die Waagschale und teilt dem Kunden das Lebendgewicht mit.Hat dieser keine Einwände hinsichtlich der Größe, vollzieht sich vor den Augen des Publikums das Unvermeidliche.Dem auf einem Holzbrett zappelnden Fisch wird ein gezielter Schlag auf den Kopf versetzt - das Zappeln hört auf.Mit dem Messer wird er aufgeschlitzt und ausgenommen, der Fischer wischt sich die Hände an der Schürze ab, verpackt den Fisch, nimmt das Geld entgegen und fertig.Alles zusammen dauert keine halbe Minute. Wer diesen Realitäten lieber aus dem Wege geht, dem hat Bergen Kontraste auf dem kulturellen Sektor in großer Auswahl zu bieten.Was wäre eine Reise nach Norwegen ohne den Besuch einer Stabkirche? Die Fantoft Kirche liegt etwas außerhalb der Stadt inmitten grüner Hügel.Gottesfurcht brachte die Menschen Norwegens vor sieben- oder achthundert Jahren dazu, für diese Gebäude in schweißtreibender Arbeit Bretter zu sägen.Es wäre ja viel schneller gegangen, ein Blockhaus zu bauen.So wurden die Bretter senkrecht auf einem Balkengeviert errichtet.Seiten- und Mittelschiff verband man durch schon während der Wikingerzeit ausgeübte Zimmermannstechniken.Drachenköpfe auf den Giebeln sollten böse Geister abhalten.Die norwegischen Stabkirchen, die vor allem im Süden des Landes vielerorts besichtigt werden können, zählen international zu den interessantesten historischen Sakralbauten Europas. Am östlichen Stadtrand steht dicht am Fjord ein berühmtes Holzhaus, weiß gestrichen und umgeben von einem herrlichen Garten.Hohe Birken flankieren seinen Eingang.Hier, in der "Villa Troldhaugen", lebte Edvard Grieg, Norwegens berühmtester Komponist (1843 bis 1907).Er verbrachte viele Jahre seines Lebens in diesem Haus, das im viktorianischen Stil erbaut wurde.Heute dient es als Museum.In einem darunterliegenden Konzertsaal werden in Abendveranstaltungen Griegs Werke gebracht.Der Romantiker Grieg bereiste oft auch die südlichen Nachbarländer, kehrte aber immer wieder und gerne in seine Heimat zurück.Viele Titel seiner Kompositionen beziehen sich auf das nordische Leben.Während der Sommermonate finden in einer eigens zu diesem Zwecke gebauten Konzerthalle die Grieg-Festspiele mit Künstlern aus aller Welt statt.Der Komponist arbeitete häufig in einer kleinen Hütte, die man über einige Stufen zum Fjordufer hinab erreicht.Hier steht das Klavier noch an der gleichen Stelle, hängen die Geige und sein Hut an der Wand.Hier schrieb er seine lyrischen Klavierstücke, die von Trollen und Berggeistern erzählen, aber auch vom beschaulichen Leben auf dem Lande. Diese atemberaubenden Landschaften umgeben die alte Handelsstadt.Der Dampfer legt hier ab, um zwischen den vorgelagerten Inselreichen seinen Weg in die Fjorde zu nehmen, zum Beispiel in die längste dieser schmalen, wilden Buchten, in den Sognefjord, der sich bis 250 Kilometer weit ins Land erstreckt, dicht bis unter den Galdhöpiggen und Glittertind, die höchsten Berge Skandinaviens, bis in die Halle des Bergkönigs, so würde es Edvard Grieg mit Tönen beschreiben.TIPS FÜR BERGEN - Lage: Bergen liegt etwa 500 Kilometer westlich von Oslo an der Küste.Neben der Straßenverbindung über die Hardangervidda verkehrt auch die Eisenbahn durch atemberaubende Landschaften zur Hansestadt. - Anreise: Von Berlin aus fliegt die SAS fünfmal täglich nach Kopenhagen, von wo aus es drei Direktflüge nach Bergen gibt.Der Hin- und Rückflug ist ab 779 Mark zu haben. - Unterkunft: Es gibt in Bergen ein vielfältiges Übernachtungsangebot vom Campingplatz bis zum First-Class-Hotel.Wer mehr vom Land sehen möchte, kann zum Beispiel auch einen Hüttenurlaub anhängen. - Auskunft: Informationen über Bergen gibt es beim Norwegischen Fremdenverkehrsamt, Mundsburger Damm 45, 22087 Hamburg; Telefon: 040 / 22 71 08 10. Informationen über die aus Bergen auslaufenden Hurtigrutenschiffe entlang der norwegischen Küste gibt es bei der Norwegischen Schiffahrts-Agentur, kleine Johannisstraße 10, 20457 Hamburg; Telefonnummer: 040 / 37 69 30. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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