Zeitung Heute : Seifenstücke wie Grabsteine

SANDRA LUZINA

"Kaddish" im Berliner Theater am Halleschen UferSANDRA LUZINA"Kaddish" heißt das hebräische Totengebet, eine Beschwörung der Toten unternimmt auch der argentinische Tänzer José Luis Sultán in seinem Solo "Kaddish - In Memoriam".Der Opfer des Holocaust wird gedacht, zugleich will der Argentinier das individuelle Leid in den Blick rücken.Nicht zur üblichen Andachtsdramatik wird hier Zuflucht genommen, Schmerz und Qual sollen körperlich erfahrbar werden.Dabei ist es vornehmlich die Pein des Erinnerns selbst, die hier thematisiert ist. Das Trauma des Überlebenden wird vorgeführt: José Luis Sultán stellt einen Mann dar, der von seinen grauenvollen Erinnerungen gehetzt wird, dem das Nicht-Vergessen-Können zur Tortur wird.So ist er gezwungen, die qualvollen Erlebnisse zu wiederholen, Schrecken und Mißhandlung erneut zu durchleben.Ein Bühnen-Martyrium, noch dazu in Stellvertreterschaft, soll hier durchlitten werden.Eine Spielzeug-Eisenbahn fährt im Kreis, bei ihrem Anblick denkt man sofort an die Transporte in die Vernichtungslager.Steine bilden eine Trasse, darauf finden sich Schuhe und andere Überbleibsel.Aus altmodischen Koffern wird Frauenhaar hervorgeholt.Den in einer Zinkbadewanne sitzenden Darsteller überkommt beim Anblick der Seife das Grauen.Seifenstücke werden aufgestellt wie Grabsteine, bis sich daraus ein Miniatur-Mahnmal bildet. Vorgeführt wird ein Gedächtnis-Automatismus, und genau der wird der Aufführung zum Verhängnis.Aufgehäuft werden lauter Objekte, bei denen der Zuschauer sofort an KZ denkt, ohne daß dadurch groß Emotionen geweckt würden.Bestürzung hervorzurufen, Betroffenheit herzustellen, ist aber die Absicht von José Luis Sultán, deshalb arbeitet er mit wechselnden Identifikationen.Einmal ist er ein verängstigtes Kind, das nach seiner Mama schreit.Später verwandelt er sich in eine Mutter, um so Verlust und Tod zu durchleiden und beklagen.Nackt stellt er die Verletztlichkeit des Körper aus, doch die fahrigen, zappeligen Bewegungen vermögen nur selten zu berühren.Einmal schlägt der Tänzer sich die Knie blutig, aus dargestelltem wird so echter Schmerz.Das verweist auf ein grundsätzliches Dilemma: ob und wie Schmerz sich überhaupt kommunizieren läßt.Diesmal geht es allerdings um mehr als blutige Knie.Die unvorstellbaren Leiden von Millionen stellvertretend an dem einen geschundenen gequälten Leib zu vergegenwärtigen - nichts Geringeres sollte an diesem Abend versucht werden, in "Kaddish" rücken aber vor allem die Mühen der Darstellung in den Blick.So greift man dann entschlossen zur Broschüre von amnesty international, die vorübergehend einen Stand im Theater aufgebaut haben. Weitere Aufführungen: 7.und 8.März, jeweils 21 Uhr, Theater am Halleschen Ufer.

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