Zeitung Heute : Sein Gespür fürs Fliegen

Martin Schmitt, einst Skispringheld, fällt seit Jahren immer früher aus der Luft. Nun ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. Wieso macht er weiter?

Benedikt Voigt[Garmisch-Partenkirchen]

Auf dem Podium des Kurfilmtheaters Oberstdorf ist ein Bild mit Symbolkraft versteckt – und der Aufnahmeleiter von RTL entdeckt es. „Da“, flüstert er dem Kameramann ins Ohr, „nimm mal Martin Schmitt auf.“ Die Kamera schwenkt zu jener Stelle auf der Bühne, wo der deutsche Skispringer fast im Dunkeln steht, sein schmales Gesicht ausdruckslos. Vor ihm, im Scheinwerferlicht, beugt sich Teamkollege Michael Uhrmann zum Mikrofon.

Martin Schmitt im Schatten – ein Schatten seiner selbst. Vier Mal war er Weltmeister im Skispringen und Mannschafts-Olympiasieger von Salt Lake City dazu. Aber seit knapp vier Jahren fällt er immer früher aus der Luft. Und nun ist ein neuer Tiefpunkt erreicht. Am Samstag ist es dem 27-Jährigen in Garmisch-Partenkirchen nicht einmal gelungen, sich für das Neujahrsspringen der besten fünfzig zu qualifizieren. Dreiundfünfzigster wurde er. Schon als er die Anlaufspur hinunterglitt, machte er Fehler. „Danach hatte ich auch noch Probleme mit dem Absprung“, sagt Schmitt später. Nach 106 Metern war er auf dem Aufsprunghang gelandet und schüttelte nur noch den Kopf. „Indiskutabel“, sagt er – der Beste flog 16,5 Meter weiter. Das hieß: nur noch zuschauen beim zweiten Springen der Vierschanzentournee am Sonntag. Und wieder muss er sich fragen lassen: Warum tut er sich das überhaupt noch an?

Das Skispringen ist eine entbehrungsreiche Sportart. In kalten Kunststoff-Anzügen harren die Springer stundenlang auf einem Sprungturm aus, bis sie das Zeichen zum Start bekommen. Dann gleiten sie die Anlaufspur hinab, fliegen, landen – und das war’s auch schon. Für wenige Sekunden Flugzeit tüfteln sie monatelang an Ski und Anzug herum und unterwerfen sich freiwillig dem Diktat des Hungers. Leicht fliegt weiter. In den letzten Jahren sind immer mehr untergewichtige und magersuchtverdächtige Springer von den Schanzen gesegelt. Martin Schmitt ist einen Meter 80 groß und wiegt 62 Kilo. Wenn er eine Jeans trägt, hängt sie am Hintern. Wäre der ewige Hunger nicht Grund genug, mit dem Skispringen aufzuhören?

Martin Schmitt beugt sich auf dem Podium in Oberstdorf nach vorne, er sitzt jetzt selber im gleißenden Scheinwerferlicht, doch das interessiert den Aufnahmeleiter vom Fernsehen nicht mehr. Die Zeit ist vorbei, in der jede Regung seines Gesichts übertragen wurde. Beim Sprechen zieht Schmitt die Mundwinkel nach unten, aber das macht er immer. Er sagt: „Meine Motivation ist meine Freude am Springen.“

Es klingt so einfach, aber das ist wohl die Erklärung. Der Sport macht ihm Spaß. Bei anderer Gelegenheit hat er mal erzählt, dass sich beim Trainieren auf seinen Lieblingsschanzen immer noch jenes unbeschreibliche Gefühl des Fliegens einstelle. Dafür macht er weiter. Hinterherfliegen und Spaß dabei? Ja, aber weg ist der Ehrgeiz nicht. Als sich Martin Schmitt unlängst für ein Weltcupspringen nicht qualifizieren konnte, trat er wütend gegen eine Metalltür. Er hofft immer noch auf neue Höhenflüge. Er sagt das so: „Ich habe das Vertrauen in mich, dass ich wieder ganz nach vorne kommen kann.“

Martin Schmitt erntet Bewunderung für seine Hartnäckigkeit – vielleicht muss man auch Sturheit sagen. Oder sogar Realitätsverleugnung? In einem Interview sagt er am Sonntag, ihm reiche „es erst einmal vom Skispringen“. Ob das heiße, dass er aufgebe, hakt der Journalist sofort nach. Aber da ist sie wieder, seine Sturheit. „Aus diesem Weltcup rauszugehen, wäre sicher ein Weg“, antwortet er. „Aber ich bin der Meinung, dass es auch anders geht. Ich verzweifel’ jetzt nicht. Ich habe vor, in Innsbruck zu springen.“

Michael Uhrmann, der zurzeit im Weltcup zu den Besten gehört, sagt: „Ich würde in dieser Situation nicht so lange durchhalten.“ Uhrmann sagt aber auch, dass Schmitt den Mut nicht verlieren werde. Ein Optimist? Bodenständig und stabil? Ist Schmitt so? In einem Nebensatz sagt er am Samstag über sein Ergebnis, da habe er nichts Gutes erkennen können. Er ist wohl einer, der auch im Unglück immer noch nach dem Glück sucht, er ist keiner, dem es gleich die Seele zerkratzt, wenn der Erfolg ausbleibt, weil eben der Erfolg nicht die Basis seiner Lebenszufriedenheit ist. Schmitt hat nette Eltern und seit langem die gleiche Freundin – ein stabiles Umfeld, vielleicht ist es ja so einfach. Als Sven Hannawald, der längst nicht so viel privaten Rückhalt erfahren hat, immer früher landete, ertrug er die nervenaufreibende Ursachenforschung nicht mehr – er musste ins Krankenhaus. 2005 beendete er seine Karriere schließlich. Schmitt, vier Jahre jünger, ist willensstärker. Bundestrainer Rohwein sagt: „Er macht das nur noch für sich und sein Ego.“ Selbst wenn es nicht mehr klappt mit den Erfolgen, könne Schmitt am Ende der Karriere sagen, er habe alles versucht. Aber davon sei er noch weit entfernt.

Warum Martin Schmitt sein Gespür fürs Fliegen abhanden gekommen ist, bleibt rätselhaft. Ja, es gab da eine Operation im Jahr 2002, verschiedene Regeländerungen, die wachsende Verunsicherung. Trotzdem blitzt sein Können immer wieder auf, zuletzt im Februar 2005 bei der Weltmeisterschaft in Oberstdorf, als er mit der deutschen Mannschaft Silber gewann. Auch deshalb hält ihm der Sponsor, Kraft Food, wohl weiter die Treue. Obwohl sein Können dann ebenso plötzlich wieder verschwindet, wie es aufblitzt. „Immer, wenn man glaubt, er macht zwei Schritte nach vorne, dann macht er einen Schritt zurück“, sagt Bundestrainer Rohwein. Aber es helfe ja nichts: „Martin springt die Tournee weiter. Er muss Wettkämpfe bestreiten. Wir müssen versuchen, ihn zu verbessern“, sagte Rohwein. Und: „Die Situation ist frustrierend für ihn und für mich, es ist schwer, mit ihm zu arbeiten. Aber wir müssen weitermachen, solange Martin noch motiviert ist.“

Martin Schmitt fliegt schon sein Leben lang. Das ist eine gute Vorbereitung auf Situationen wie diese. Beim Skispringen findet auch der größte Höhenflug immer ein Ende. Und dann muss man landen können.

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