Zeitung Heute : Sein Gewissen ist grün

Ludger Volmers Nebenjob – seine Partei prüfte: kein Skandal. Oder doch der Anfang seines Endes?

Matthias Meisner

Die Parole hatte gelautet: Niedrig hängen. Sie wurde ausgegeben, und sie wurde eingehalten. Kurz vor drei, kurz bevor an diesem Dienstagnachmittag die Fraktionssitzung der Grünen im Reichstag, Zimmer S037, beginnt, tritt die Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt vor die versammelte Presse und schaut genervt. Sie hat keine schöne Aufgabe. Sie soll niedrig hängen. Auf diesen Tag hatten viele geschaut, die grüne Basis und die Konkurrenz. Was würde mit Ludger Volmer passieren? Mit dem Mann, der den Grünen ihren eigenen Fall geliefert hatte in der Debatte um die Nebenjobs von Abgeordneten. Der, der sich von der Bundesdruckerei für Beraterdienste bezahlen lässt? Illegal ist das zwar nicht, aber moralisch fragwürdig doch, zumal aus dem strengen grünen Blickwinkel. Die Basis tobt seitdem, und die Union, die mit dem Laurenz-Meyer-Fall die Diskussion ins Rollen gebracht hatte, die ist den Schwarzen Peter erstmal los und lacht sich ins Fäustchen.

Und nun sind sie dem großen Tribunal geschickt aus dem Weg gegangen. Göring-Eckardts knappe Nachricht lautet: „Ludger Volmer hat sich an alle Regeln gehalten.“ Sie sagt: Der Abgeordnete sei schon am Vormittag durch die Arbeitsgruppen der Fraktion getingelt und habe Rede und Antwort gestanden. Sie sagt: Ludger Volmer bleibe außenpolitischer Sprecher. Sie sagt: Ludger Volmer stehe es frei, ob er seine Nebentätigkeit aufgebe. Sie sagt auch noch was von „Geschmacksfragen“ und streng: „Ich erwarte nicht, dass das nochmal ein Thema ist“. Sie geht. Erfolgreich niedrig gehängt. Um zehn nach drei kommt Volmer schließlich persönlich, in Schwarz, mit der Bundesvorsitzenden Claudia Roth. „Alles aus der Welt geräumt“, sagt er.

Früher hat Ludger Volmer mal Wert auf ein gutes „Ortungssystem“ gelegt, ein moralisches. Er hat diesen merkwürdigen Begriff 1998 in einem Buch benutzt, und angeprangert, dass es bei anderen allzu oft versage. Volmer, damals noch Abgeordneter, hatte kurz vor dem Regierungswechsel einen Wälzer über die grüne Außenpolitik geschrieben, mehr als 600 Seiten stark. Sein eigenes Ortungssystem hielt Volmer zu dieser Zeit ganz offenbar für intakt. Er stand ganz links damals. Galt als einer der Vorzeigegrünen. Als Pazifist. Gegen den Krieg sein, das war sein Ortungssystem. 1979 war er einer der Gründer der Partei gewesen. Und bis zum Regierungswechsel, da fühlte er sich dort immer noch zu Hause.

Anfang 2005 ist es „einsam um ihn geworden“, sagen Vertraute. Und das liegt nicht nur daran, dass Volmer nun der Grünen schwarzes Schaf geworden ist. Es geht auch darum, dass sein persönliches Ortungssystem versagt hat. Dass Volmer sich verlaufen hat zwischen den Flügeln der Partei und nun nirgendwo mehr dazugehört. Nicht mehr zu den Linken, noch zu den Realos, wo er später Karriere machte. Es gibt einen Bruch im politischen Leben des Ludger Volmer, und auch der spielt eine Rolle, jetzt, da sein Nebenjob verhandelt wird. Der Bruch war entstanden, als er 1998 als Staatsminister im Außenministerium die Grünen mit in die Zwänge der Weltlage presste, sich dem Krieg um das Kosovo nicht widersetzte und später auch nicht dem Angriff auf Afghanistan. Er trug feines graues Tuch, und räkelte sich, wie die „taz“ hämisch mal schrieb, „im Staatsministersessel als sei’s die zerschlissene Couch des Bochumer Asta vor 25 Jahren“.

Seitdem vermuten die Linken in ihm einen Verräter und die anderen einen Opportunisten, der sich für einen Posten die Haltung abkaufen lässt. Volmer hat vielen viele Anlässe geboten für eine Abrechnung. Und dann lässt er auch noch Demut vermissen. Eine Erklärung nach der nächsten hat er verschickt und ungeschickt versucht, seinen Nebenjob als „mandatsbegleitende Tätigkeit“ darzustellen.

Eigentlich ist Volmers Karriere eine traurige. Vom Gipfel der Karriere ging es rapide wieder abwärts. Fischer verlor schnell das Interesse an ihm. „Volmer hat nicht geliefert“, sagen Vertraute. Die Bonusmeilen-Affäre 2002 – Volmer hatte Frau und Sohn Gratisflüge zugeschanzt – war dann ein willkommener Anlass, ihn loszuwerden. Dass Volmer überhaupt nochmal in den Bundestag kam, hatte er nur den Realos aus NRW zu verdanken, die ihn durchsetzten, weil er doch immerhin „loyal gewesen“ sei.

Was noch kommt, weiß keiner. Nicht mal Volmer kann sich da sicher sein, nicht einmal jetzt, da der „Fall“ offiziell niedrig gehängt worden ist. Der Quertreiber der Fraktion, Vize-Chef Ströbele, Wortführer der Linken, hat schon angekündigt, „noch Informationsbedarf“ zu haben. Und der Tübinger Abgeordnete Winfried Hermann vermutet sogar „hoch brisante“ Interessenkollisionen. Außerdem wird im Mai in NRW ein neuer Landtag gewählt, und die Grünen wollen die Nebenjob-Debatte zum Wahlkampfknüller machen, nach dem Motto: Die Doppelverdiener sitzen in den Volksparteien, wir sind die Saubermänner. Volmer stammt aus dem Ruhrpott, Gelsenkirchen. Nun stört er.

Klar ist: In diesen Tagen werden die Weichen für den Abgang von Ludger Volmer aus der Bundespolitik gestellt. Die Frage ist nur noch, ob ein Rücktritt erzwungen oder ob er 2006 einfach nicht mehr aufgestellt wird.

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