Zeitung Heute : Sein Glückspilz

„Alles schwankte und war verzerrt“, schrieb Albert Hofmann 1943. Soeben hatte er LSD entdeckt. Heute wird er 100 und findet: Keiner hat die Droge richtig verstanden – außer ihm selbst

Marc Krebs[Basel]

Der Weg ins Paradies ist kurvenreich und führt durch eine hügelige Landschaft. 35 Minuten dauert die Fahrt von Basel nach Burg im Leimental. Das Dorf, am Südfuß des Juragebirges, an der grünen Grenze zu Frankreich gelegen, scheint Anfang und Ende der Welt zu sein. Noch über dem mittelalterlichen Bau, der der Gemeinde den Namen gab, thront ein Betonhaus aus den 70er Jahren, eingebettet in eine unberührte Landschaft, hinten Wald, vorne Blick auf die Vogesen. Hier, wo der Städter erstaunt feststellt, dass er die Stille hört, lebt Doktor Albert Hofmann, Entdecker des Lysergsäurediäthylamids, kurz LSD. Heute wird er 100 Jahre alt.

Wie jeden Tag wird Hofmann auch seinen Geburtstag mit einer Meditation beginnen. Um 7 Uhr 30 wird er sich in seine Klause setzen und den Blick eine Viertelstunde lang schweifen lassen, über sein „Paradies“, sein „kleines Königreich“. „Ich versuche, von mir wegzukommen, indem ich mich in die Natur hineindenke“, sagt der kleine, alte Mann mit dem wachen Blick. Es ist ein Tag im Dezember, als wir ihn treffen, er sitzt auf seiner Couch im Wohnzimmer, in der Ecke steht ein Flügel.

Wie wird sein Geburtstag weitergehen? Nach der Meditation wird er in seinen Anzug schlüpfen, die Krawatte umbinden, mit vorsichtigen Schritten zum wartenden Fahrzeug gehen, um einem Empfang beizuwohnen: Die Stadt Basel gratuliert ihm zuerst, gefolgt von den Behörden seines Wohnorts. Höhepunkt der Geburtstags-Festivitäten ist ein dreitägiger Fachkongress am Wochenende: Dutzende Naturwissenschaftler, Mystiker und Mediziner werden in Basel über LSD und seine Anwendungsmöglichkeiten debattieren.

Auch Hofmanns einstiger Arbeitgeber Sandoz, Vorgänger des Chemiekonzerns Novartis, wird gratulieren. Ein Arbeitsleben lang war Hofmann dort in der Forschung tätig. Auf der Suche nach atmungs- und kreislaufanregenden Mitteln testete er natürliche Stoffe. Er experimentierte unter anderem mit der Lysergsäure – LS – aus dem Mutterkorn, einem Getreideschimmelpilz. Nacheinander fügte er ihr verschiedene Stoffe hinzu, beim 25. Mal war es Diäthylamid – D. Das ergab den Stoff LSD-25. Es war 1938.

Bei Tierversuchen zeigte der Stoff keine Wirkung, so wurde Hofmann angewiesen, seine Forschungen in dieser Richtung einzustellen. Er entwickelte andere Präparate, die heute noch von Bedeutung sind: Methergin, das in der Gynäkologie eingesetzt wird, um Nachgeburtsblutungen zu verhindern, das Geriatricum Hydergin und das Kreislaufmittel Dihydergot. Und 1943 arbeitete er aus Neugier noch einmal mit LSD.

Am 19. April wagte er einen Selbstversuch. Als die Wirkung einsetzte und er von der Heftigkeit überrascht wurde, bat er seine Laborassistentin, ihn nach Hause zu begleiten. Auf dem Fahrrad fuhren sie in eine Nachbargemeinde von Basel. „Alles in meinem Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie in einem gekrümmten Spiegel“, hielt er später im ausführlichen Protokoll fest. Doktor Hofmann erlebte den ersten LSD-Trip der Geschichte. Und war fasziniert von der anderen Wirklichkeit, die sich ihm eröffnete.

Von einer Entdeckung mag Hofmann nicht sprechen: „LSD ist zu mir gekommen“, sagt er und erzählt eine Geschichte aus seiner Jugend, die sein Leben geprägt hat: Der Sohn eines Werkzeugmachers ging im Wald spazieren, als er die Natur, die ganze Umgebung irgendwie anders wahrnahm als sonst, sich eins mit ihr fühlte und „auf einmal das Wunder der Schöpfung für mich entdeckte – die liegt in der Natur, nicht in den Maschinen“, sagt Hofmann. Um sie besser zu verstehen, wurde er Chemiker. LSD passte in seinen Augen gut zu dieser Weltanschauung, zur Geborgenheit in der Natur, zur erweiterten Erkenntnis der Natur.

In den USA wurde LSD zur Psychotherapie eingesetzt: Man versuchte, damit Alkoholiker zu heilen, und gab auch Schizophreniekranken, Neurotikern und Krebspatienten LSD als Schmerzmittel und Stimmungsaufheller. Doch eine breitere positive wissenschaftliche Beurteilung ist nicht überliefert. 1966 wurde LSD in den USA verboten, Sandoz stellte die Produktion ein. Die Einnahme des Stoffes, das hatten die Erfahrungen gezeigt, konnte auch schwere psychische Störungen auslösen. In den 60er Jahren war LSD durch die Beatniks, unter anderem durch den Harvard-Dozenten Timothy Leary und die Flower-Power-Anhänger, zur Droge einer ganzen Bewegung geworden – und damit zum Problem.

„Ich habe nie jemandem den Konsum von LSD empfohlen“, sagt Hofmann und stört sich heute noch daran, dass manche die Substanz zum Spaß einnehmen. Für Hofmann ist LSD ein Mittel der Erkenntniserweiterung und ein Medikament. „Der Massenkonsum von LSD war und ist leichtsinnig, die Mode war oberflächlich“, sagt er. Das einzig Positive, das er dem Boom abgewinnen kann, ist, dass LSD dadurch weltweit bekannt wurde. Das hielt er im Buch „LSD – mein Sorgenkind“ fest, einer seiner zahlreichen Publikationen.

Neugierig ist Hofmann bis heute geblieben. 2002, mit 96 Jahren, besuchte er eine große Party in einem Waldstück nahe seines Hauses. Mit der Techno-Musik konnte er nichts anfangen, sie war ihm zu monoton. Was ihm aber gefiel, war die Naturverbundenheit der Partygänger. „Sie waren mir sympathisch – und haben den Wald so zurückgelassen, wie sie ihn vorfanden.“

Kurz darauf, vor drei Jahren, hat Hofmann, der seine 93-jährige Frau zu Hause pflegt, selbst noch einmal LSD genommen. „Ich wollte herausfinden, ob es in kleinsten Dosen auch als Anti-Depressivum funktioniert“, sagt er. Und, hat es geklappt? „Nach meinem Gefühl ja, aber das müsste noch weiter untersucht werden.“

Er sagt, für ihn stehe fest, dass „die Zeit für LSD noch nicht da ist“. Er bedauert, dass sich der Mensch jahrzehntelang auf den technologischen Fortschritt konzentriert und sich nur in diesem Bereich weiterentwickelt habe.

LSD gehöre, was die Wirkung angeht, zu den sakralen Drogen, sagt Hofmann. „Es bedarf daher einer richtigen Anwendung.“ So wie es vor Jahrtausenden schon im antiken Griechenland und heute noch bei den mexikanischen Indianern gemacht werde. Sagt’s und schwärmt von Experimenten mit Freunden, die ihm neue Dimensionen der Wirklichkeit, die das normale Auge nicht sieht, gezeigt hätten. Erfahrungen, die er mit Freunden, wie den Schriftstellern Ernst Jünger oder Aldous Huxley, teilte. Huxley ließ sich LSD auf dem Sterbebett geben.

Sollte er dereinst große Schmerzen haben und darunter leiden, sagt Hofmann, käme das auch für ihn in Betracht. Überhaupt sieht er, der sich nach wie vor für die Liberalisierung, aber nicht für die Legalisierung des Stoffes stark macht, Potenzial im Bereich der Sterbehilfe. Er verweist auf jüngere Studien, wonach Menschen, die im Sterben lagen und bei denen Opiate nicht mehr wirkten, dank LSD wieder zu Bewusstsein kamen und so von ihren Liebsten Abschied nehmen konnten. „LSD kann das Leben, aber auch das Sterben erweitern“, sagt er.

Hofmann betont aber, dass er sich nicht mit dem Tod beschäftige, sondern mit dem Leben. Er fühlt sich gut, nur zum Ohrenarzt müsse er mal wieder. Und, wenn er dann eines Tages doch für immer einschläft, so glaubt er nicht, dass damit ein Schlusspunkt gesetzt werde. „Ich bin überzeugt, dass es weitergeht. Es gibt in der Natur keinen Anfang und kein Ende, es gibt nur Wandlung. Ich hoffe, es geht für mich in einem ähnlichen Paradies weiter, wie ich es hier auf der Rittimatte vorfinde.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar