Zeitung Heute : Sein letzter Zug

„Für mein Land …“: Tony Blair kündigt mit großer Geste den Rücktritt als Premierminister an – nach zehn Jahren im Amt. Er kehrt dafür in ein Backsteingebäude zurück – an jenen Ort, wo alles begann

Markus Hesselmann[London]

Am Ende ist Tony Blair ganz bei sich. „Hand aufs Herz, ich habe getan, was ich für das Richtige hielt“, sagt der britische Premier. Ein grandioser Allgemeinplatz, ausgesprochen mit bebender Stimme. Es ist der Tag, an dem Blair nach zehn Jahren Amtszeit seinen Rücktritt bekannt gibt. Oder zumindest den Termin, an dem er zurücktreten wird. Blair wiederholt seinen großen Satz noch einmal Wort für Wort und fügt hinzu: „… für mein Land“. Für „die größte Nation der Welt“, wie er Großbritannien in seiner Rede später noch nennt. Tony Blair wird am 27. Juni 2007 zurücktreten. Gestern nahm er einen ersten Abschied – einen Abschied vor Freunden, an dem das ganze große Land teilhaben darf.

Blair hat seinen Wahlkreis Sedgefield im County Durham im Nordosten Englands als Ort für diese Rede gewählt. Britische Fernsehkanäle übertragen live. Im Trimdon Labour Club, einem roten Backsteingebäude mit dem Charme einer Dorfschule, wurde der junge Tony Blair 1983 von seiner Partei als Kandidat für das Parlament in London aufgestellt. 14 Jahre später feierte er hier nach Labours Erdrutschsieg über die Konservativen als neuer Premier. Noch einmal zehn Jahre später ist Tony Blair gekommen, um den Anfang vom Ende einer Ära zu zelebrieren, seiner Ära, der Ära Blair.

„Unser lokaler Abgeordneter Tony Blair“ – so wird der Premier hier angekündigt. Das Parteivolk stößt spitze Jubelschreie aus. Vor seiner Rede haben sie gesungen und getanzt, danach fließen Tränen. Draußen hält die Polizei einige Demonstranten auf Abstand. Sie protestieren gegen den Militäreinsatz im Irak. „Sedgefield against the war“, steht auf einem Plakat – Sedgefield gegen den Krieg.

Solche Proteste kennt Blair aus London. Dort hatte sein Tag auch heute begonnen. Bevor er zu seinen Parteifreunden im Wahlkreis fuhr, hatte er mit seinen Ministern gesprochen. Der Premier sagte ihnen, was sie längst wussten: Er werde zurücktreten, in sieben Wochen, und jetzt werde er nach Nordengland fahren, um dort die Öffentlichkeit über seine Pläne zu informieren. Die Sitzung dauerte nur eine Viertelstunde. Es gab ein paar Witze, und Blairs designierter Nachfolger Gordon Brown pries den Premier als großen politischen Führer: in der Partei, in Großbritannien, in der Welt. Um kurz nach neun rollte der Jaguar des Premiers aus der Downing Street.

Bis zum Schluss hatte Blair in der Öffentlichkeit ein Geheimnis um das genaue Datum seines Rücktritts gemacht. Seine PR-Strategen streuten, dass er keinen großen Medienaufwand betreiben, sondern diesen Moment mit seinen engsten Mitarbeitern und Freunden im Wahlkreis teilen wolle. Damit erreichte Blair genau das, was er wirklich wollte: den größtmöglichen Medienaufwand. Der große Kommunikator geht noch nicht, aber alle reden darüber. Die BBC protokollierte am Donnerstag jede Bewegung des Premiers vom Hubschrauber aus: seine Fahrt von Westminster zum Militärflugplatz Northolt, den Start seines Jets, die Landung auf dem Flughafen Teesside. „Wir sehen jetzt, wie Tony Blair aus dem Flugzeug und in seinen Jaguar steigt, um in seinen Wahlkreis zu fahren“, sagte der Fernsehreporter mit getragener Stimme. Es erinnerte ein wenig an die Kommentierung einer Kutschfahrt der Queen an einem nationalen Feiertag. Aus der Ankündigung eines Rücktrittstermins wurde ein historisches Ereignis. Was soll erst werden, wenn der Mann dann tatsächlich zurücktritt?

Tony Blair ist ein Fan von Margaret Thatcher. Er hat die Gestaltungskraft, die Radikalität, das Machtbewusstsein der Eisernen Lady bewundert. Und er führte ihre Reformen weiter. Wie sie ihre krempelte er seine Partei vollständig um. Doch eines wollte Blair nicht: sich aus dem Amt jagen lassen wie Thatcher damals, den Zeitpunkt verpassen, an dem sich selbst alte Weggefährten abwenden, weil sie nicht mehr durchdringen. Der Labour-Premier will auch nach zehn Jahren sein politisches Schicksal selbst bestimmen. Trotz aller politischen Niederlagen der jüngeren Vergangenheit: Blair bleibt bis zum Schluss der Herr der Entscheidungen – oder er lässt es zumindest so aussehen.

Zehn Jahre, ein Jahr weniger als Margaret Thatcher, war Tony Blair britischer Regierungschef. „In diesem Job, in der heutigen Welt ist das lange genug – für mich, aber vor allem für dieses Land“, sagte Blair am Donnerstag. „Die Macht abzugeben, ist manchmal der einzige Weg, der Verlockung der Macht zu widerstehen.“ In Wirklichkeit hätte sich Blair wohl gern noch etwas länger verlocken lassen. Er wäre wohl gern noch ein, zwei Jahre im Amt geblieben. Schließlich hatte er einst angekündigt, er wolle auch nach seinem – für Labour noch nie da gewesenen – dritten Wahlsieg eine volle Legislaturperiode regieren.

Doch als ihm klar wurde, dass sein Rückhalt in der Partei schwindet, begann Blair, seinen Rücktritt als geradezu royales Ereignis zu inszenieren. Von der Ankündigung 2006, er werde im nächsten Jahr gehen, über die Zusage in der vergangenen Woche, in dieser Woche einen Termin zu nennen, bis zur Bestätigung am späten Mittwochabend, dass er am Donnerstag nun tatsächlich vor die Öffentlichkeit treten werde.

Der Termin in dieser Woche war sorgfältig ausgewählt: Den Amtsantritt der nordirischen Regierung wollte Blair noch im vollen Ornat des Premiers genießen. Das ist ja nun wirklich was für die Nachwelt: Ein jahrhundertealter Konflikt, der in den letzten Jahrzehnten bis zum Bürgerkrieg eskaliert war, ging mit einer demokratisch-zivilen Zeremonie zu Ende. Und Blair hatte mit seiner persönlichen Diplomatie dazu beigetragen, die katholischen und protestantischen Widersacher an den Verhandlungs- und schließlich sogar den Kabinettstisch zu bringen. Hier konnte er seine Stärken ausspielen: seinen Charme, seine Überzeugungskraft, seine Menschenkenntnis. Selbst der altgediente Protestantenführer Ian Paisley, einst mehr ein Hassprediger als ein demütiger Diener Gottes, war nicht immun gegenüber den Avancen Tony Blairs. „Sie sind Mitte 50 und treten zurück, ich fange mit 80 gerade erst an“, witzelte Paisley, der auf seine alten Tage noch zum Regierungschef wurde, beim Tee in seinem neuen Amtszimmer im nordirischen Parlament. In Belfast konnte sich Tony Blair als Mann des Friedens feiern lassen. Doch als er dort vor dem Parlament vorfuhr, waren sie – wie meistens – auch schon da: die Demonstranten gegen den Krieg im Irak.

Tags darauf wurde Blair auch im Unterhaus mit unangenehmen Einlassungen zum Thema Irak konfrontiert. Es war die Fragestunde des Premierministers, das große parlamentarische Ritual von Westminster. Ein letztes Mal für ihn, bevor er hochoffiziell zur „lahmen Ente“ werden würde, zu einem Premier mit Verfallsdatum. Die Fragestunde ist nichts für lahme Enten. Es ist eine Kampfbahn. Hier stehen sie sich frontal gegenüber, Auge in Auge, der Premier und der Chef der Opposition, David Cameron. Nur wenige Meter trennen sie. Kein erhöhtes Rednerpult, keine geschwungenen Sitzreihen, über die der Blick schweifen kann. Hier ist alles eckig, dunkel, schwer. Wer redet, der tritt an eines der beiden Pulte direkt vor den Bänken. An dem einen steht Blair, an dem anderen David Cameron.

Die beiden prügeln ihre Worte über die Pulte wie einst Jimmy Connors und John McEnroe in Wimbledon die Bälle über das Netz. „Sie sind eine Regierung der lebenden Toten“, ruft Cameron. „Wenn es um Inhalte geht, verlieren Sie und wir gewinnen“, kontert Blair. Angriffstennis zwischen grünen Ledersitzen. Das Gejohle der Fans, das hier erlaubt ist, würde in Wimbledon vom Schiedsrichter unterbunden. Britische Medien werden den Auftritt der beiden später eine „RowdyFragestunde“ nennen.

Doch Blair ist mehr als ein Rowdy. Er ist der perfekte Darsteller. Als Cameron sich setzt, fährt der Premier sofort den Ton runter. Alle Aggressivität entflieht seiner Stimme, als er einfachen Abgeordneten geduldig auf ihre Fragen nach Problemen in Barnsley, Luton oder Shropshire antwortet. Eine Brille verleiht ihm zusätzliche Sehkraft und Autorität in Detailfragen. Wenn er Cameron angeht, dann braucht Blair keine Brille. Da sitzt jedes Wort, da muss er nichts nachlesen, da wird es sportlich und eine Brille stört nur.

Tony Blair beherrscht alle Register des großen Gefühls. Wie so häufig in letzter Zeit hat er die Fragestunde mit einer Traueradresse begonnen. Mit getragener Stimme verliest der Premier die Namen gefallener britischer Soldaten. „Unsere Gedanken und Gebete sind bei ihren Familien.“ Im Irak sterben fast täglich Briten – wegen eines Krieges, den Blair ausdrücklich wollte. „Es ist noch nicht so weit“, sagt Blair auf Fragen nach einem Rückzug der Truppen. „Wir bleiben dort, bis der Job erledigt ist.“

Der Irakkrieg überschattet Tony Blairs Amtszeit. Nach einer Umfrage behalten 69 Prozent der Briten ihn vor allem als den Premier in Erinnerung, der sein Land in ein blutiges Abenteuer am Golf gestürzt hat. Allerdings sagen 60 Prozent ebenfalls, dass Tony Blair insgesamt ein guter Premier war. In Sedgefield lobt er sich selbst für das anhaltende Wirtschaftswachstum, die geringe Arbeitslosigkeit und eine deutlich verbesserte Gesundheitspolitik.

Auch auf den Irak geht Blair in Sedgefield ein. „Wir müssen jetzt durchhalten. Unsere Feinde geben niemals auf“, sagt er. „Ich habe unser Land zu einem Land gemacht, das eingreift“, erklärt er und meint damit zunächst Sierra Leone und den Balkan. Nach den Attentaten vom 11. September 2001 habe er entschieden, „dass wir uns an die Seite unseres wichtigsten Alliierten stellen müssen“. Er habe den Entschluss, mit den USA im Irak und in Afghanistan einzugreifen, in gutem Glauben gefällt. Der Glaube, die persönliche Überzeugung – das sind Schlüsselbegriffe für den Premierminister Tony Blair. „Es ist richtig, zu tun, woran man ehrlich glaubt“, ist ein Kernsatz seiner Rede. Wenig Inhalt, großes Gefühl – auch das bleibt von zehn Jahren Blair.

Blair spricht von dem „messianischen Eifer“, der ihm nachgesagt werde, den er aber nicht empfinde. „Die ultimative Pflicht des Regierungschefs ist es, Entscheidungen zu fällen“, sagt Blair. Dabei sei man oft allein mit seinen Instinkten. Er bedaure, dass er mit seinen Entscheidungen nicht alle Erwartungen erfüllt habe. „Vielleicht waren auch die Erwartungen zu hoch“, sagt Blair.

Was er nun wirklich falsch gemacht hat, wie es dazu kommen konnte und vor allem: was man daraus lernen könne – darüber schweigt Blair auch an diesem Tag. Kein Wort zum Beispiel über die Affäre um die Ehrentitel, die Labours Parteispendern zugeschanzt wurden. „Cash for honours“ ist ein Begriff, der wie der Irak mit Blairs Regierungszeit verbunden bleiben wird.

Tony Blair geht als erster britischer Premierminister, der im Rahmen kriminalpolizeilicher Ermittlungen vernommen wurde, in die Geschichte ein. Dabei trat Labour einst an, den Klüngel ein für alle Mal zu beenden. Eine seiner letzten Gelegenheiten, als Premierminister diesen Widerspruch zu klären, lässt Blair in Sedgefield verstreichen.

Stattdessen noch mehr persönlich-philosophisches: Politik werde oft als Kunst des Möglichen definiert, sagt der Premier. „Aber im Leben sollte man dem Unmöglichen eine Chance geben.“ Die Politik und das Leben waren für Tony Blair immer eins. „Manchmal vergesse ich, dass ich der Premierminister bin“, hat er dem Boulevardblatt „Sun“ vor Jahren einmal in einem Interview gesagt. „Für mich bin ich einfach nur Tony Blair.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben