Zeitung Heute : Sein Maß der Dinge

Erst hat Amerika die Nazis besiegt, dann den Kommunismus. George W. Bush steht am Pult und sagt: Dasselbe macht er mit dem Terror

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Jetzt greift er nach den Sternen. In der winterkalten Mittagssonne steht der Präsident vor dem Westflügel des Kapitols. Vor wenigen Minuten hat seine zweite Amtszeit begonnen. George W. Bush strotzt vor Energie. Seine Haare sind grau geworden, ein paar Pfund hat er zugenommen. Aber die Nervosität, die ihn vor vier Jahren umgab, ist verschwunden. Nun spricht er seine ersten Worte. Sie sollen Auskunft geben über ihn und seine Ziele. Seine Landsleute und die Welt schauen zu. Auch die arabischen TVSatellitensender „Al Dschasira“ und „Al Arabija“ übertragen live. Das Interesse begleitet auch ein Bangen. Wohin geht die Reise? Legt Bush erneut den Schalter um, der die Achterbahn in Gang setzt?

Vor einer Woche veröffentlichte der „National Intelligence Council“, eine Unterabteilung des Auslandsgeheimdienstes CIA, eine Studie über die Probleme, vor denen die USA künftig stehen. Die Broschüre heißt „Mapping the Global Future“ und ist 120 Seiten lang. In zunehmenden Maße, steht darin, würden die USA mit einer öffentlichen Meinung in der Welt konfrontiert, die sich „dramatisch seit Ende des Kalten Krieges verändert“ habe. Eine wachsende Zahl von Menschen, vor allem im Nahen Osten und der muslimischen Welt, glaube, die USA strebten nach regionaler Herrschaft. Ein „gesteigertes Misstrauen“ gegenüber Amerika könnte Regierungen zwingen, eine „feindliche Haltung“ einzunehmen.

Bush weiß, welche Bedeutung seiner Rede beigemessen wird. Gleich nach seiner Wiederwahl befasste er sich mit ihr. Kurz vor Weihnachten präsentierte sein Redenschreiber eine Rohfassung. Mindestens 20 Mal wurde der Text anschließend überarbeitet. Dutzende Male übte er sie im Weißen Haus. Die Inaugurationsansprache und die Rede an die Nation, die er am 2. Februar hält, werden auf lange Zeit das Image seiner neuen Administration prägen.

Nun steht er da und verkündet sein neues Ziel: die Abschaffung der Tyrannei auf der Welt, die Ausbreitung der Freiheit, die Unterstützung aller Unterdrückten. „Wir sind bereit für die größten Errungenschaften in der Geschichte der Freiheit“, sagt Bush. „Wir akzeptieren nicht die Existenz permanenter Tyrannei.“ Es sind gewagte, visionäre Sätze. Die Frage der Mittel lassen sie offen. Sollen weitere Kriege die Ideale befördern? Welche Tyranneien meint er? Unter den Gästen, die vor ihm sitzen, sind Vertreter aus aller Welt. Nur drei Staaten haben keinen Repräsentanten geschickt – Kuba, Nordkorea und Iran.

Erst wurden die Nazis, dann die Kommunisten besiegt, es folgten ein paar Jahre „relativer Ruhe“, schließlich kam der „Tag des Feuers“, der 11. September. Bushs Zeitrechnung ist klar. Der Kampf gegen den Terror definiert ihn und kommende Generationen. Das verlangt Ausdauer, Opfer und einen festen Glauben. Dieses Werk will er fortsetzen. Rhetorisch genial hebt er, um seine Mission zu untermauern, den Gegensatz zwischen Idealismus und Realismus auf. Das Überleben der Freiheit in Amerika hänge von der Ausbreitung der Freiheit in anderen Ländern ab, sagt er. „Die beste Hoffnung für Frieden in der Welt ist die Ausbreitung der Freiheit in der Welt.“ Die „vitalen Interessen“ der Amerikaner und ihre „tiefsten Glaubensgrundsätze“ seien gewissermaßen verschmolzen, Realismus und Idealismus deckungsgleich. Beide verlangen die Ausbreitung der Freiheit. Das Wort fällt mehr als zwei Dutzend Mal in der kurzen, knapp zwanzig minütigen Rede.

Was er meint, ist klar. Er muss es nicht aussprechen. „In der Geschichte der Menschheit waren die letzten Monate sehr beachtlich“, sagte Bush vor kurzem in einem Interview. „Wahlen in Afghanistan, Wahlen in Palästina, und bald Wahlen im Irak.“ An diesen Errungenschaften wolle er gemessen werden. Er will es gewesen sein, der den Samen von Freiheit und Demokratie in der arabisch-moslemischen Welt gepflanzt hat – „in die dunkelsten Ecken der Welt“, wie er es in seiner Inaugurationsrede formuliert. Das soll helfen, die Anziehungskraft der Terrorideologien zu schmälern.

Die Marschroute für dieses Projekt steht in einem Buch. Es heißt „The Case for Democracy“ und wurde von Natan Scharanski verfasst. Vor wenigen Monaten ist es erschienen. Scharanski war neun Jahre lang im sowjetischen Gulag. Über die Glienicker Brücke in Berlin wurde er ausgetauscht und ging nach Israel. Dort ist er heute ein prominenter konservativer Politiker. „Dieses Buch", gesteht Bush, „erklärt viele Entscheidungen, die ich treffe – getroffen habe und treffen werde.“ Bush und Scharanski schätzen einander.

Dieser US-Präsident, auch darin bemüht, als Erbe Ronald Reagans zu gelten, fühlt sich den Idealen von Bürgerrechtlern und Dissidenten verbunden. „Unterdrückung ist immer falsch, die Freiheit ewig richtig“, sagt er vor dem Kapitol.

Begonnen hatte Bush den Tag mit einem Gottesdienst in der kleinen, gelb gestrichenen St.-John’s-Kirche, schräg gegenüber vom Weißen Haus. Um Punkt elf Uhr stiegen er, Laura und die Zwillingstöchter Jenna und Barbara in eine schwarze Limousine, die in Wahrheit ein Panzer ist. In einer kilometerlangen Wagenkolonne fuhren sie zum Kapitol. Dort hatte sich bereits die gesamte politische Klasse des Landes versammelt: die Ex-Präsidenten Carter, Bush senior und Clinton – nur Gerald Ford fehlte –, Arnold Schwarzenegger, die Oberrichter, Senatoren und Abgeordnete. Am Nachmittag begann die Parade zurück zum Weißen Haus, an rund 500 000 Schaulustigen, Tausenden von Fahnen und einigen Protestierenden vorbei. Am Abend musste das Ehepaar Bush nacheinander auf etlichen Bällen tanzen.

Bewegend ist der kurze Auftritt von William Rehnquist, dem obersten der neun Verfassungsrichter. Der 80-Jährige ist schwer krank, leidet an Krebs. In den vergangenen drei Monaten hat er an keiner Sitzung des Supreme Courts teilgenommen. Ein Plastikschlauch in der Luftröhre hilft ihm beim Atmen. Rehnquist soll Bush, wie vor vier Jahren schon, den Amtseid abnehmen. Es ist sein fünfter. Kurz vor der Zeremonie kommt der Oberrichter, gestützt auf einen Stock. Trotz der Kälte nimmt er seinen Hut ab. Er spricht mit leiser, schleppender Stimme. Unmittelbar nach der Vereidigung, noch bevor Bush seine Rede hält, geht er wieder.

Wohin führt Bush das Land und die Welt? Eine eindeutige Antwort gab der neue alte US-Präsident auf diese Frage nicht. Die Hoffenden wie die Bangenden werden sich bestätigt fühlen. Seine Agenda ist ambitioniert: Irakkrieg, Aussöhnung mit den Verbündeten, Iran, Nordkorea, Abbau des Staatsdefizits, Reformen der Altersversorgung, der Einwanderung und des Steuerwesens. Zwei Drittel seines Kabinetts hat er ausgewechselt, das Gros der Minister ist ihm treu ergeben. Beide Kammern des Kongresses sind in republikanischer Hand. All das spricht gegen die These, Bush werde bald zu einer lahmen Ente.

Die Opposition ist machtlos. Selbst die dritte Gewalt, die Justiz, könnte bald von einer konservativen Mehrheit beherrscht werden. Entsprechend hilflos wirkt die Kritik. Die Inaugurationsfeiern seien zu pompös gewesen, heißt es, die Sicherheitsvorkehrungen zu aufwändig, und auch die Altersversorgung müsse noch gar nicht reformiert werden; in eine Krise schlittere das System ja erst im Jahre 2018. Gegen die Freiheit freilich und deren Ausbreitung sagt niemand etwas. Wie auch?

Mit einem riesigen Feuerwerk geht der Tag zu Ende. Schon am Mittwochabend erleuchteten die blauweißroten Raketen viele Minuten lang den Himmel über Washington. Und auch da stand Bush sehr selbstbewusst vor einem Mikrophon. „Wir wurden aufgerufen – von jenseits der Sterne –, für die Freiheit einzustehen“, sagte der 58-Jährige. „Und Amerika wird dieser Sache immer treu bleiben.“ Von jenseits der Sterne: Gott, der Schöpfer, ist immer dabei.

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