Zeitung Heute : Sein Weg ist Schweigen

Die USA wollen keinen islamischen Gottesstaat. Aber an Ali al Sistani kommt George W. Bush nicht vorbei. Er könnte die letzte Chance sein

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Als am Wochenende die Pilger zu Tausenden nach Kerbela strömten, um das Ende der 40-tägigen Trauerzeit für den Märtyrer Imam Hussein zu begehen, war von den Koalitionstruppen in der Stadt weit und breit nichts zu sehen. Auch die von den USA eingesetzte irakische Polizei ließ sich nicht blicken, um die Sicherheit der Gläubigen zu garantieren – genauso wenig wie die Milizen des radikalen Schiitenführers Moktada al Sadr. Stattdessen sorgten massive Kräfte zweier gemäßigter schiitischer Glaubensführer dafür, dass die Menschen ungefährdet ihren Glaubensritualen nachgehen konnten.

Was zunächst aussehen mag wie ein kleiner Erfolg im Kampf gegen al Sadr, bereitet den Strategen im Weißen Haus neues Kopfzerbrechen. Bisher hatten sie versucht, den Einfluss der gemäßigten Schiiten beim Wiederaufbau des Landes so weit wie möglich zurückzudrängen. Vor allen anderen scheuen die Amerikaner einen Mann wie der Teufel das Weihwasser: Großajatollah Ali al Sistani.

Die einen halten ihn schon längst für den heimlichen Herrscher des Irak, die anderen sehen in ihm einen Widergänger von Ajatollah Chomeini im Iran. Und ein islamischer Gottesstaat ist nun wirklich das Letzte, was die Administration von US-Präsident George W. Bush sich wünscht, wenn die amerikanischen Truppen das Land irgendwann verlassen. Doch dass es an dem 73 Jahre alten Sistani nicht vorbeikommen würde, musste Washington bereits zu Beginn des Jahres mehrfach schmerzhaft erfahren.

Als junger Mann siedelte der im Iran geborene Sistani in das Nachbarland über und machte Jahrzehnte lang eigentlich nur als Verfasser frommer Schriften von sich reden. Dem brutalen Unterdrückungsregime Saddam Husseins entging er so weitgehend, auch wenn er gegen Ende der Saddam-Herrschaft unter Hausarrest gestellt wurde. Nach dem Sturz des Herrschers in Bagdad, der die schiitische Mehrheit so brutal gegeißelt hatte, fand Sistani Gefallen daran, seinen enormen religiösen Einfluss auch politisch einzusetzen. Eine Zusammenarbeit mit dem Besatzungsregime war dabei nie eine Option für ihn, höchstens eine Duldung.

Das Kalkül der Kleriker

Weil er mit den US-Plänen nicht einverstanden war, eine mit einem komplizierten Wahlmännerverfahren eingesetzte Übergangsregierung zu installieren, bis dann im nächsten Jahr irgendwann freie Wahlen stattfinden, schickte Sistani seine Anhänger Anfang des Jahres auf die Straße. Mehr als 100000 demonstrierten im Januar in Bagdad für „ein Bürger, eine Stimme“. Weil Sistani sich zudem weigerte, mit den USA direkt zu verhandeln, blieb Bush nichts anderes übrig, als die UN um Vermittlerdienste zu bitten. Das Kalkül des Klerikers ist klar: Die Schiiten stellen 60 Prozent der 23-Millionen-Bevölkerung in dem Vielvölkerland, ein Wahlsieg wäre ihnen gewiss. Und diese historische Chance wollen sie lieber gestern als heute nutzen. Die Besatzer drängen jedoch darauf, dass die Minderheitenrechte für die Sunniten und die Kurden fest in der Verfassung verankert werden. Außerdem wehren sie sich mit Händen und Füßen dagegen, dass das neue Rechtssystem des Landes auf der muslimischen Scharia fußt. Der amerikanische Militärverwalter Paul Bremer drohte gar öffentlich mit seinem Veto, sollte die neue, dauerhafte Verfassung des Landes darauf abzielen.

Dass Sistani das sonderlich beeindruckte, darf bezweifelt werden. Er verhandelt nach wie vor nicht direkt mit den Amerikanern. Als Bremer sich zu dem bescheidenen Sitz des Großajatollahs nach Nadschaf aufmachte, schickte der Gastgeber nur einen Vertreter und lauschte dem Gespräch vom Nebenzimmer. Auch der UN-Sondergesandte Lachdar Brahimi musste seine gesamte Verhandlungskunst aufwenden, um Sistani dazu zu bewegen, die irakische Übergangsverfassung und den Zeitplan, der den Machtübergang zum 30. Juni und Wahlen Anfang 2005 vorsieht, anzuerkennen.

Das ändert nichts daran, dass die Amerikaner sich jetzt in einer Zwickmühle befinden. Nehmen sie die Hilfe des Großajatollahs bei der Befriedung des zerrütteten Landes dankend an, machen sie ihn damit noch größer und einflussreicher, als er nach ihrem Fahrplan je hätte werden dürfen. Verzichten sie auf die Dienste Sistanis, laufen sie in eine politische Blockade und riskieren sogar, dass er seine Anhänger zum gewaltsamen Widerstand aufruft. Dazu genügt nur ein Wort des öffentlichkeitsscheuen Großajatollahs, hat mittlerweile auch das Pentagon begriffen.

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