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Zeitung Heute : Sein Zauberberg

09.02.2006 00:00 UhrVon Jürgen Schreiber

Unter den 14 Rehgehörnen hatte er seinen Stammplatz: Elmau, der Ort, wo Johannes Raus Seele wohnte

Am Himmel über Schloss Elmau stand Orion. Die Zwillinge Kastor und Pollux funkelten. Aber am hellsten leuchtete Sirius im Großen Hund. In der 19 Grad kalten Winternacht erschien das Firmament wie eine Installation zu Raum und Zeit. Ja, Johannes Rau hätte sich bei diesem Anblick unmöglich die Bemerkung verkneifen können: „Und das sind nur die Sterne vom Landkreis Garmisch-Partenkirchen!“

Auf der Suche nach dem anderen Rau hatten uns seine Freunde Barbara und Hannes Netter ins Werdenfelser Land geführt. Dort hatte Rau im Hotel „Alpengut Elmau“ unter den 14 Rehgehörnen einen Stammplatz auf der Eckbank. An der Mautstelle auf halber Höhe ließ er Amt (und Leibwächter) zurück, damit er abgeschirmt vom Wald einfach Mensch sein konnte.

Eine Zuflucht am Fuße der mächtigen Wettersteinwand, die jedem sein Maß in der Endlichkeit zuweist. Gegen allfälligen Ärger im Tal half sein Stoßseufzer: „Was ist das alles gegen die Majestät der Berge!“ Altmodisch anhänglich blieb Rau dem Postkartenidyll fast 50 Jahre treu. Franz Josef Strauß neckte ihn mit der Frage: „Fahrn S‘ wieder auf der Elmenau?“ Er bestand darauf, dass es nicht Elmau hieße.

Man setzt sich also ans Kopfende des von Rau geschätzten Tischs im „Alpengut“. Hier drosch er, riskant, Skat, qualmte mit Kumpel Hannes Netter um die Wette, kurierte sich von Niederlagen, genoss Siege. Man merkt, wie Ausflügler bei seinem Namen die Ohren spitzen. Man notiert überrascht, dass sich der lange populärste deutsche Politiker, gottseidank, auch in die Privatheit retten konnte, seine kleinen Geheimnisse hatte wie Schloss Elmau oder nebenan das „Alpengut“; ihre Betreiber sind untereinander verbandelt. Hier reservierte man der Familie Rau die Zimmer 6 und 7. In manchen Räumen sind Liebesschwüre in die Pfosten geschnitzt. Auf dieser Hochebene traf er sich mit wahren Freunden. Nicht solchen, die sich jetzt selbst zu Freunden des Verstorbenen ernennen. Er ging mit dem Wort sparsam um. Wen Rau dazu zählte, konnte nach seiner Verlässlichkeit die Uhr stellen.

Elmau war Gegenpol zu Raus zweitem Wohnsitz Spiekeroog, Idyllen zum Durchatmen in den Extremlagen nördlicher und südlicher Abgeschiedenheit. Am Meer suchte er das Weite, im Gebirge den Horizont. Er brauchte entgegengesetzte energetische Felder, um sich für immer neue Ziele aufzuladen. Elmau sei „Erholungsfixpunkt“ gewesen, Spiekeroog ein „ausgelagertes Büro“ mit Infrastruktur.

In der Gaststube mit Eber-Trophäe schob der wortkarge „Alpengut“-Wirt John Brooke zu Silvester Rau für die Stegreifrede vor. Eine von seinen leichteren Übungen. Die Netters bezogen daraus ihre Zuversicht für das Kommende. Dieses Jahr war es bei seinem 75. in Berlin an ihnen, den Todkranken in den wenigen Minuten zu trösten, die noch blieben. Abschiedsminuten.

In ihrer Garmischer Wohnung haben sie eine Kerze und eine rote Amaryllis neben Raus Bild aufgestellt. Von der wichtigsten Begegnung ihres Leben sprechen sie mit anrührender Dankbarkeit. Geschichten: Der Präsident kam zur Einweihung ihrer Wohnung. Sollte Netters 80-jähriger Nachbar 100 werden, Raus Handschlag vergisst er nie. Von einem Zecher stamme der Ausspruch „Mi leckt’s am Orsch, der Ministerpräsident!“ angesichts des legeren Urlaubers, den er nur im Zweireiher kannte.

Johannes rief ihn „Bubi“, Bauingenieur Netter war 17, da lernte er den 28 Jahre alten Wuppertaler im Schloss kennen, den jüngsten Landtagsabgeordneten Nordrhein-Westfalens. Rau war mit dem VW-Käfer gen Süden gefahren, suchte in Garmisch eine Herberge, landete auf der Elmau. Kam man auf ungeteertem Weg um die Kurve, wirkte das 1916 eingeweihte Hotel zauberberghaft. Ein historistisches Gemäuer mit kupferner Turmhaube, das sich vor das Panorama schiebt. Seine versteckte Schönheit machte die Adresse für Fremde umso attraktiver. Ein Foyer mit Ölgemälden und Marmorsäulen versprach große Welt. Böswillige verglichen die 240 Zimmer (Vollpension 56 Mark in den 60er Jahren) freilich mit dem Charme von Schullandheimen. 2005 brannte es dort oben lichterloh. Barbara Netter schilderte Rau am Telefon noch das verheerende Feuer.

Er kam, sah und blieb dem „Sanatorium für Gesunde“ treu. Es hätte der Umstellung von Gleich- auf Wechselstrom 1958 nicht bedurft, um ihn für das Fleckchen Erde zu elektrisieren. Genossen drangen in den stillen Winkel sonst nie vor, weiß Klaus Koppe von der Wählergemeinschaft, zweiter Bürgermeister der Gemeinde Krün. Der Architekt durfte sich mit Johannes duzen. Am 15. Juli 2003 sorgte er dafür, dass sich das Staatsoberhaupt neben Slalom-Sieger Armin Bittner ins „Goldene Buch“ eintrug – auf der Hotelterrasse, nicht wie üblich im lüftlbemalten Rathaus. Die Räte, wegen „Eilbedürftigkeit“ per Rundruf auf den Beschluss eingeschworen, kamen im besten Gewand. Rau versprach 20 Minuten, blieb 90. Ein Hoch auf seine „Gasttreue“, die Gruppe „Soiernbergler Viergsang“ jodelte, die Zither zitterte. Das Lied „Danke für an jeden Tag“ stieg in die klare Luft. Noch heute läuft es Barbara Netter kalt den Rücken runter. Danach entschwebte Rau im Hubschrauber nach einer Ehrenrunde. Es sollte seine letzte Einkehr dort oben sein.

1000 Meter über dem Meer gelegen, eilte der Adresse ein gewisser Ruf voraus. Die große Fangemeinde schwärmt vom Geist des Schlosses. Berühmtheiten wie Menuhin musizierten. Barbara Netter meint, man fand die Atmosphäre entweder genial oder total daneben. Loriot war Stammgast in Zimmer 43 und wurde wie der Schauspieler Rolf Boysen am runden Trinkstüberl-Tisch mit Rau gesichtet. Merkwürdig, sagt Boysen, eben erst seien ihm beim Blättern im Album Fotos einer gemütlichen Runde 1972 mit Johannes in die Hände gefallen.

Der Politiker liebte die Teesalonterrasse, ein Logenplatz im Naturtheater: Blick auf die Zugspitze, Tee vom Samowar Schlag 15 Uhr 30. Auf den nahen Gipfeln spielte das Licht, für Rau lagen sie unendlich fern. Obwohl der Berg rief, wurde er nie in Kniebundhosen ertappt. Boysen meint, der Freund habe allenfalls vorgeschlagen, „wir machen eine Wanderung ins Gut“. Dauer sieben Minuten. Manchmal ließ er sich von seiner Clique zur (bewirteten) Alm mitschleppen. Gehzeit 45 Minuten. Rau ging seiner Wege, andere Gipfel im Sinn.

Der Gast hielt sich lieber drinnen an die Menschen. Die zahlreichen Helferinnen schütten dem begehrten Junggesellen – Rau heiratet erst 1982 – zu gern ihr Herz aus. Dann musste er seinen jüngeren Bruder Hartmut mit der schönen Diana Brooke zusammenbringen. Eine der vielen Ehen, die der Elmauer Heiratsmarkt hervorbrachte. Bei Barbara und „Bubi“ Netter wurde er Trauzeuge. Zum 60. Geburtstag des Spezls sorgte Rau parteiübergreifend dafür, dass Edmund Stoiber telefonisch gratulierte. Eine Gaudi. Beim Weihnachtsspiel gab Rau den König Melchior. Andere schwören, er sei „König Waldhausen“ gewesen, wie hätte er sonst mit dramatischem Tenor vortragen können: „König Waldhausen bin ich genannt?“ Einmal schmuggelte er Wolfgang Clement eine NRW-Fahne ins Bett. Oder er legte Neulinge herein, gaukelte ihnen vor, an diesem magischen Ort stelle man sich nicht mit Namen, sondern der Zimmernummer vor. Er lachte sich scheckig bei Bubenstücken.

Der Elmauer Rau war nicht der Sozi Rau. Die missionarische Art, an den permanent tagenden Gesprächsrunden mitzumischen, kam vielmehr aus dem Pietistischen. Im Sohn potenzierte sich früh die Sprachkraft seines Vaters, der ein Wanderprediger war. Irgendwann muss ein Biograf untersuchen, wie viel Johann Peter Hebel in dem literarisch sehr beschlagenen Rau steckte. Der Mann konnte sich begeistern, schwärmen, aber zuhören konnte er auch. Gleich Hebel wusste er das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zu deuten. Von wärmender Freundlichkeit ist die Rede, die selbst Andersdenkende zu seiner Zuhörerschaft machte. Er habe sie gelassen, wie sie sind. Schade, dass seine Elmauer Seite in der veröffentlichten Meinung kaum eine Rolle spielte. Dabei war es das, was ihn ausmachte. Fotos belegen, dass nicht zuletzt Frauen den Offenbarungen des Johannes lauschten. Auf einem Bild sitzt er lässig im Tanzsaal, Mädels lagern zu seinen Füßen. Frauen hießen „Gästinnen“.

Die Keramikerin Karen Müller begann zeitgleich mit ihm hier oben, „die Zuhörer haben sich um ihn geschart“. In den Gesprächen sei es „um das allgemein menschliche Miteinander“ gegangen, sieht man davon ab, dass Bildungsminister Rau 1971 über das Thema „Was folgt auf die Revolte …“ referierte. Das wie gebürstete Silberhaar der letzten Amtsjahre war damals noch eine auf den Kragen des Freizeithemds stoßende Matte. Johannes hütete später ihre Kinder, die Netters zogen Raus Nachwuchs auf Schlitten die Hänge hoch. Karen Müller sah im „tiefen Freund eher einen Philosophen“.

Elmau war kein Ort, sondern eine Haltung. Es ist schwer zu sagen, warum die Melange von Reformkost, Bildungsbürgertum, Metaphysischem und Boheme ihn in Bann zog. Sonntagmorgens weckten die Haustöchter um acht singend die Gäste. In alpiner Hochgestimmtheit ging es um Gott und die Welt. Das gleichzeitig demonstrierte Erdabgewandte machte auf Außenstehende einen eher kuriosen Eindruck. Vermutlich war es für den Aufsteiger anfangs eine Schule der Geläufigkeit bei Begegnungen mit Künstlern und Forschern, die er bald an Bekanntheit übertraf. Rau hatte ein Faible für Leute, die nicht unbedingt ins SPD-Profil passten. Talwärts bot das „Bahnhofstüberl“ die Wonnen der Gewöhnlichkeit. An der Wand, unter einer ausgestopften Wasseramsel, hängt das Belegfoto vom hohen Besuch des Kartenspielers 2002.

Im Schloss herrschte strenges Reglement mit Tischordnung. Obligatorisch der Tanz mittwochs und samstags im Festsaal unter dem offenen Dachstuhl im ersten Stock. Netters Großvater zimmerte einst das Schmuckstück. Mit vergoldeten Lorbeerkränzen verzierte Radleuchter tauchten die Szene ins Licht. Die Paare hatten sich ländlicher Eleganz zu befleißigen, mit weiten Röcken, feinen Kleidern, die Männer trugen weißes Hemd zu dunkler Hose. Rau spottete: „Kleidung beliebig, aber erwünscht“ – und unterwarf sich brav und schicklich den Regeln. Er hatte was, auf einem Schwof-Foto von 1958 ist es gut zu erkennen: Johannes hält die Partnerin vorschriftsmäßig auf Abstand, der Hals steif, die Anmutung von jener Kopflastigkeit, die im Alter zunehmen sollte. Der Salonlöwe zieht eine Schnute.

Spezialität des Hauses war eine Quadrille mit fünf Figuren, bei Lehrerin Käthe Ludwig einzustudieren. Ihr Mann spielte Piano, für Rau „Otto Ludwig mit seiner Ein-Mann-Big-Band“. Die Polonaise tobte, Rau mittendrin. Es herrschte dramatischer Frauenüberschuss, „Tanz zu dritt“ (mit zwei Damen) war erwünscht. Schon am nächsten Morgen hingen Aufnahmen des Hausfotografen in der Halle. Frau Ludwig hatte mit Rau am 16. Januar Geburtstag. Bis sie 98-jährig starb, schickte er Glückwünsche und ließ es sich nicht nehmen, die Greisin im Pflegeheim zu besuchen. Sie berichtete stolz: „Stell dir vor, der Johannes hat mir wieder einen Brief geschrieben!“ Ob er so nett sei, ihn ihr vorzulesen? Rau war es.

Die Netters erwiesen gestern in Berlin ihrem besten Freund die letzte Ehre. „Er hat unser Leben geprägt.“ Krün gedachte seiner mit Trauerbeflaggung. Auf der Schöttelkarspitze war das Gipfelkreuz im Nebel zu ahnen. Schneeflocken tanzten. Das hätte Johannes Rau gefallen.

Sein Stammplatz im „Alpengut“ wird ihm immer gehören.

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