Zeitung Heute : Seine Verpflichtung

Er müsste lange suchen, um etwas zu finden, das er nicht kann, sagen Freunde. So einer macht überall Karriere. Und nun geht der Brandenburger Abiturient Sebastian Kollberg übermorgen für 17 Jahre zur Bundeswehr. Warum?

Tarnung, Warnung. Mit Blattwerk und Gras getarnte
Tarnung, Warnung. Mit Blattwerk und Gras getarnteFoto: dpa

Soldat sein kommt nicht über einen. „Der Soldat“, sagt Sebastian Kollberg, „kriecht aus dem Menschen heraus.“

Sebastian Kollberg, kariertes Hemd, weiches Gesicht, sportlich, 18 Jahre alt, 170 Zentimeter groß, gemustert und tauglich befunden für den Dienst beim Militär. Fast idealtauglich. Es fehlten: zehn Zentimeter Körpergröße und ein wenig Sehkraft. Kollberg geht zur Bundeswehr, ab 1. Juli ist er Soldat. Fest angestellt. Verpflichtet für 17 Jahre.

Fast noch einmal so lang, wie er bisher lebte. Kindergarten, Grundschule, Gymnasium, erste Liebe, Sportwettkämpfe, Familienurlaube, Sommer, Frühling, Herbst und Winter. 17 Jahre, unvorstellbar lang.

Über die Bundeswehr wird diskutiert. Gelangweilte Rekruten, gefährliche Auslandseinsätze, Krieg oder nicht, Tote in Afghanistan. An ihr soll gespart werden, sagt die Regierung. Wehrpflicht verkürzen, vielleicht gar abschaffen, Zeit- und Berufssoldaten reduzieren, der Verteidigungsminister wünscht sich eine neue Struktur. So viel Umbruch, dabei ist es doch das Beständige, das Sebastian Kollberg aus Falkensee, Brandenburg, anlockt. Er spricht von festem Gehalt, einem finanzierten Studium, einer langfristigen Perspektive. Er meint Sicherheit.

Es ist ein wolkenverhangener Mittag im Juni, die Bundeswehr in Deutschland besteht seit 55 Jahren, die große Uhr auf dem Potsdamer Platz mitten in Berlin geht zwei Stunden nach. Sebastian Kollberg sitzt aufrecht und freundlich lächelnd in einem Café mit schlichten dunklen Stühlen und wirkt so abgeklärt, als hätte er selbst noch Staub vom letzten Einsatz am Hindukusch im kurzen dunkelblonden Haar. Er hat sich informiert und viel gelesen. Seine Entscheidung ist gefallen.

Vor wenigen Tagen erst erhielt er sein Abiturzeugnis. Seine Berufswahl, erzählt er, die lange Verpflichtung, sei bei jedem Treffen mit Freunden erstes Gesprächsthema. Manche denken, dass er spinnt. Die meisten seiner Klassenkameraden haben sich ausmustern lassen. Sie haben keine Lust auf die Grundausbildung in der Kaserne, die langweilig sein kann und nervtötend.

„Ein schwieriges Image“ habe sein künftiger Arbeitgeber in der Bevölkerung derzeit, sagt Kollberg diplomatisch. Aber was wissen die Menschen schon vom großen komplizierten Apparat, dessen kleines Teilchen er ab morgen sein wird?

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 417 300 junge Männer in Deutschlands Kreiswehrersatzämtern gemustert. 14 363 wurden als „voll verwendungsfähig“ eingestuft, 178 325 als „nicht wehrdienstfähig“ ausgemustert. Kriterien, die einen Mann als untauglich überführen, sind vielfältig. Akne am Rücken zum Beispiel reicht, wenn sie dafür sorgt, dass das „Tragen der Dienstbekleidung und der jeweils geforderten persönlichen Ausrüstung“ nicht mehr problemlos gewährleistet ist. 83 Gesundheitsbereiche werden bei der Musterung überprüft, von Muskeln und Sehnen bis zu den Zehen. Wer in einem Punkt untauglich ist, wird nicht angenommen.

Rund 320 000 Menschen beschäftigt die Bundeswehr insgesamt, ziviler und militärischer Bereich zusammengerechnet. Damit ist sie einer der größten deutschen Arbeitgeber – und auch Ausbilder. Über 50 Berufe können bei der Bundeswehr erlernt werden, vom Chemielaboranten über die Fachkraft für Lagerlogistik bis zum Zahnmedizinischen Fachangestellten. Mehr als 1000 Auszubildende sollen in diesem Jahr eingestellt werden. Die Zahl derer, die sich als Zeit- oder Berufssoldaten verpflichten lassen, ist seit Jahren konstant. Unabhängig von Diskussionen über Sinn oder Unsinn der Wehrpflicht oder der Armee allgemein. Rund 13 500 seien es pro Jahr, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Manche überlegen es sich später doch wieder anders. Sie stellen fest, dass ihr Körper streikt, weil der Kopf doch nicht Soldat sein kann – oder will. Etwa 200 Zeit- und Berufssoldaten melden sich jährlich bei der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer (KDV), nachdem sie schon Wochen oder Monate bei der Bundeswehr seien, sagt der KDV-Geschäftsführer Peter Tobiassen. Wer sich verpflichtet, hat trotzdem das Recht zu widerrufen. Wer aber auf das Widerrufsrecht gleich mit verzichtet, bekommt vom ersten Tag an das volle Gehalt gezahlt. Sebastian Kollberg unterschrieb das Papier, samt Verzichtserklärung.

Er möchte Offizier im Sanitätsdienst der Luftwaffe werden, Soldat und Mediziner. Nicht den brutalen Teil der Soldatenarbeit erleben, das Schießen, Verletzen oder Töten. 23 000 Soldaten arbeiten derzeit bei der Bundeswehr im Sanitätsdienst. Streng genommen, das haben sie ihm schon bei ersten Gesprächen gesagt, werde er zwei Uniformen tragen, die des Soldaten und die des Arztes. Er lächelt, während er das erzählt, denn die Vorstellung gefällt ihm. Sebastian Kollberg ist, so scheint es, kein Mann für nur ein Hobby, für mittelmäßige Leistungen, halbgare Freundschaften – und nur eine Uniform. Sein Abitur bestand er mit der Note 1,0. Romy Biber, eine Freundin, sagt: „Sebastian müsste lange suchen, um etwas zu finden, das er nicht kann.“

Doch Talent und Wille allein helfen heute nicht mehr, in Zeiten der Krise, von Kurzarbeit und Kündigungen. Zwischen 2001 und 2008 verließen in jedem Jahr deutschlandweit mehr als 200 000 Abiturienten ihre Schulen. Im Sommer 2008 waren es exakt 266 550. Die Konkurrenz ist groß – und ein Notenschnitt von 1,0 schon längst keine Garantie mehr für Arbeitsplatz und Aufstiegschancen. Und aufsteigen möchte Kollberg.

Wenn schon Bundeswehr, dann Offizier, sagt er. Natürlich könnte er auch im zivilen Leben Karriere machen, aber wer garantiert ihm die? Bei der Bundeswehr weiß er, wann er welchen Rang erreicht haben wird. Als Arzt im Praktikum wird er schon Leutnant sein. Der Weg ist vorgezeichnet, der Aufstieg absehbar.

Seine Deutschlehrerin war unglücklich, als sie hörte, dass er Soldat werden wird. Die habe in ihm auch literarisches Talent gesehen, erzählt Kollbergs Mutter, ehemalige Zollbeamtin und Tochter eines Luftwaffenangehörigen. Sie hat nichts Grundsätzliches gegen die Berufswahl des Sohns, „sein Beruf soll ihn ausfüllen und glücklich machen“, sagt sie. Ohnehin, 17 Jahre, nur eine Station in seinem Leben. Wer weiß, was noch komme, sagt sie.

Sebastian Kollberg wünscht sich Steine im Weg, damit er sie wegräumen kann, Hierarchien, weil er irgendwann von oben herabschauen möchte. Er gehe nicht zur Bundeswehr, um Anweisungen zu empfangen, sagt auch seine Mutter. Gut ist nur, was irgendwann nicht mehr besser geht. Politik wäre noch etwas gewesen, doch das ist vorbei, „politisch ist der Soldat zurückhaltend“, sagt er.

„Die Leut’ können eben unserein’n nicht versteh’n“, sagt auch Arthur Schnitzlers österreichischer „Leutnant Gustl“, der stolze Militär. „Wenn ich mich so erinner’, wie ich das erstemal den Rock angehabt hab’, so was erlebt eben nicht ein jeder.“ Ein Lump sei der, dem das Herz nicht höher schlage, wenn der Oberst spricht. Dem jungen Rekruten Frank Lehmann hingegen, der Hauptfigur aus Sven Regeners „Neue Vahr Süd“, ist sein Herz in der Kaserne eher schwer. „Sie schreien und schreien“, denkt Frank über seine Vorgesetzten. „Das Problem ist nur, dass man so eine furchtbare Angst vor ihnen hat!“

Angeschrien zu werden störe ihn nicht, sagt Kollberg. Befehle sind auszuführen, vorausgesetzt, sie sind keine Schikane. Die Waffe putzen, obwohl sie sauber ist? Kein Problem. Das Gewehr muss im Ernstfall eben funktionieren. In brenzligen Situationen bleibt keine Zeit für Diskussionen – der Vorgesetzte wird schon wissen, was richtig ist. Dafür gibt’s Rangordnung und Hierarchie, daran glaubt er. „Wenn die nicht steht, dann funktioniert nichts“, sagt Kollberg.

Während des Studiums könnte er sich vorstellen, in einer Wohngemeinschaft zu leben, weil er gern hilft, für andere da ist. Nur sollten sich die Mitbewohner auch an seine Vorstellungen von Ordnung halten. „Er ist kleinkariert“, sagt Romy Biber. Andere nennen das: präzise. Zu Hause bemalt er Zinnsoldaten.

Tausende lagern in seinen Schubladen. Etwa drei Tage braucht er für eine Figur, die nur knapp fünf Zentimeter hoch ist. Die Schattierungen kosten Zeit. Schattierungen – ein unerwartetes Wort in Kollbergs Welt, in der er selbst eher wie der Mann aus dem schattenlosen Reich der Gewissheiten, des Schwarz-Weiß auftritt. Und da verschwindet er auch gleich wieder: Im Medizinstudium will er sich auf Chirurgie spezialisieren. „Wenn schon Arzt, dann richtiger“, sagt er. Heil, kaputt. „Minimalinvasive Eingriffe“ faszinieren ihn, die Frickelei, das Kleinteilige.

In einer Kaserne in Berlin-Wedding hat er sich beraten lassen. Offiziere müssten teamfähig sein und kompetent, müssten Sicherheit ausstrahlen und dürften keine Angst haben. „Das ist auf mich zugeschnitten“, dachte Kollberg sofort. Der Weitsprung aus dem Stand, den er danach bei der Offizierbewerberprüfzentrale in Köln zeigen sollte, war ein Klacks. 50 Liegestütze schaffte er locker, dreieinhalb Kilometer laufen war auch kein Problem. Im Interview sollte er erklären, wie er eine Kunstausstellung organisieren würde, Psychologen protokollierten. Drei Frauen seien unter den Bewerbern gewesen, keine wurde genommen. Bei der Frage, ob sie einen Schießbefehl ausführen würden, kreuzten sie „eher nicht“ an. Entweder will man zum Militär, oder man will es nicht. Er antwortete mit „Ja“. Alles ging gut.

Dabei war er sogar eine Stunde zu spät in Köln eingetroffen, schwitzte vor Anspannung im Zug, der aufgehalten wurde. Niemand nahm es krumm, aber das schlechte Gefühl blieb. „Uniformen machen Eindruck auf mich“, gesteht er. Das taten sie schon bei einem seiner ersten Zusammentreffen mit der Bundeswehr, bei einer Messe für Abiturienten, die über Studien- und Berufsmöglichkeiten informierte. Der Stand der Bundeswehr war organisiert, die Herren gutaussehend und freundlich – und in Uniform. Dass nicht jeder seine Begeisterung teilt, versteht er, ist ihm aber egal. Und nun ist er bald einer von ihnen: Am 1. Juli tritt Kollberg zur dreimonatigen allgemeinen Grundausbildung in einer bayerischen Kaserne an.

Sanitätsoffizieranwärter absolvieren die Grundausbildung bis hin zum Offizierlehrgang noch vor Beginn des Studiums. Offizierlehrgänge und Praktika folgen in den Semesterferien. Weil Medizin an den Universitäten der Bundeswehr nicht angeboten wird, studiert Kollberg an einer zivilen Hochschule. Berlin hat er sich gewünscht oder Lübeck, da wohnt auch einer seiner beiden Großväter.

In 15 Jahren, sagt er, sei er sicher schon zweimal im Auslandseinsatz gewesen. Afghanistan vielleicht. Er spricht vom Auftrag der Bundeswehr, den zivilen Aufbau des Landes zu unterstützen, von der ärztlichen Herausforderung, der Hilfe für Kameraden. In seiner Schule war er Mitglied des Debattierklubs, seine Sätze sind wohlsortiert. Er ist überzeugt von dem, was er sagt. Einmal spontan, Assoziation bitte! Afghanistan: Ebenen, sagt er dann. Staub, Berge, Menschen, denen es nicht gut geht. Und Herausforderung natürlich, sich selbst beweisen. Leistet nicht auch jeder Ehrenamtliche, jeder Entwicklungshelfer die Arbeit ein wenig für sich selbst?

Auf der Internetseite der Bundeswehr berichtet ein Oberfeldarzt von seiner Arbeit als Arzt beim beweglichen Arzttrupp in Faisabad. Er schreibt von einem „Hauch von Abenteuer“ und einem Einsatz, der „interessant und abwechslungsreich“ gewesen sei. Es gab Schuss- und Stichwunden, offene Thoraxverletzungen und schwerste Verbrennungen bei Kindern. Er konnte helfen.

„Sebastian ist jemand, der Verantwortung übernimmt“, sagt Kollbergs Mutter. Und ihr zweiter Sohn hat Angst, dass sein älterer Bruder traumatisiert aus dem Ausland zurückkehren könnte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben